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Merz: Die entzauberte Rhetorik des Kanzlers

Die Pläne der AfD mit „ethnischen Säuberungen“ in Verbindung zu bringen, war ein rhetorischer Missgriff. Friedrich Merz galt einmal als Redetalent. Alles Geschichte.
Bundeskanzler Friedrich Merz im Bundestag
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Die Legende von dem Rhetoriktalent Friedrich Merz, die Geschichte von einem Politiker, der durch Reden führen kann, ist endgültig auserzählt.

Angeschlagen wirkte Friedrich Merz, als er am Mittwochmorgen in der Generaldebatte das Wort ergriff, immer noch. Aber er war schon kämpferischer als am Montag, wo er für jeden deutlich sichtbar unter dem Magdeburger Wahlschock stand. Doch an diesem Mittwochmorgen sollte ganz Deutschland merken, so die deutlich hörbare Intention des Kanzlers bei der Rede: Friedrich Merz steht, auch dann, wenn ihm starker Wind entgegenweht. Alice Weidel, die mit einer Mischung aus Triumphalismus und Häme in ihrer Rede die Generaldebatte als Oppositionsführerin begonnen hatte, stachelte den Kampfgeist des 70-Jährigen noch einmal an.

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Und am Ende der Rede hatte Deutschland tatsächlich etwas gemerkt: Die Legende von dem Rhetoriktalent Friedrich Merz, die Geschichte von einem Politiker, der durch Reden führen kann, ist endgültig auserzählt. Mit seinem Pathos, grundsätzlich durchaus angebracht angesichts des Magdeburger Erdbebens, haucht der 70-Jährige seinen Parteifreunden keinen neuen Siegeswillen ein, die Union verharrt in ihrer Katerstimmung.

Und dann macht der Kanzler einen schwerwiegenden Fehler

Und dann macht der Kanzler einen Fehler, der deswegen so schwer wiegt, weil die Merz-Fans einst ihren Helden vor allem deswegen bewunderten: wegen seiner analytischen Klarheit. Doch dann das: Die AfD plane, wenn sie von Remigration spreche, „ethnische Säuberungen“. Dass er als Kanzler, aber vor allem als CDU-Chef die AfD hart angeht: geschenkt, das gehört zum Job. Aber die Begriffe müssen stimmen. Nicht nur Historiker haben aufgeschrien angesichts dieses unangemessenen Bildes. Auch diejenigen stöhnen auf, die überzeugt sind, dass der Kanzler es ja gut gemeint habe und allen zeigen wollte, dass für ihn die Brandmauer fest steht wie eh und je. Aber der gute Wille allein zählt nicht. Tatsächlich hat Merz hier der großen Opfererzählung der AfD nur ein weiteres Beispiel hinzugefügt. Folgerichtig hat die blaue Bundestagsfraktion bereits eine Strafanzeige gegen den Kanzler gestellt.

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Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Wie anders war das noch vor acht Jahren in Hamburg. Damals trat Merz, gerade aus dem Politik-Exil zurückgekehrt, gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn beim CDU-Parteitag an. Er wollte zum ersten Mal Vorsitzender werden. Der ganze Saal war voller Spannung. Würde es Merz schaffen, allein durch seine Rede den Vorsitz zu erobern und so die Merkel-CDU in eine neue Ära führen? Damals trauten ihm das jedenfalls viele zu.

Allerdings konnte man auch dort schon beobachten, wie Erwartung und Realität auseinanderklaffen. Merz hielt zwar eine geschliffene Ansprache, zeigte, dass er in der Weltpolitik zu Hause ist, gab sich souverän und überlegen – die Wahl gewann aber AKK. Die Saarländerin hatte es geschafft, die Delegierten emotional zu erreichen. Da, wo Merz nur rhetorisch glänzte, fühlten sich die Parteisoldaten von Kramp-Karrenbauer verstanden.

Warum sich die Legende vom Rhetorikstar Merz so lange gehalten hat

Dass sich trotzdem die Legende von dem Rhetorikstar Merz so lange gehalten hat, hängt auch mit Wunschträumen der CDU-Basis zusammen. Die schwarze Anhängerschaft war nach den Merkel-Jahren förmlich ausgehungert. Nach der Kommunikation im Zeichen der Raute gierten sie nach Pointen und Polemik. Endlich einmal wieder ein klarer Satz, eine klare Ansage. Und weil Merz in allem das genaue Gegenteil von seiner Vorgängerin und Erzfeindin zu sein schien, projizierte das CDU-Parteivolk seine Sehnsucht auf den Sauerländer.

Damit ist es aber nun lange vorbei. Zuletzt schien die rhetorische Kraft aufzublitzen, als Merz im Bundestagswahlkampf jenen Satz rief, der heute freilich den Merz-Ultras a. D. als Beweis dafür dient, dass sie getäuscht worden sind: „Links ist vorbei“. Der Satz hätte für Merz das werden können, was „Ick bin ein Berliner“ für John F. Kennedy war. Jetzt steht er für ein Trauma, das die bürgerliche Wählerschaft erfasst, deren einstiger Hoffnungsträger er war.

Mit seiner Rede in der Generaldebatte hat der Kanzler seine Rhetorik nun endgültig entzaubert. Etwas Dramatisches liegt darin, dass viele von denen, die bis vor Kurzem vor allem enttäuscht waren, mittlerweile eher Mitleid mit Friedrich Merz empfinden. Sie alle ahnen, sehr lange wird die Machtmaschine CDU einen Chef, der solche Fehler macht, nicht mehr an ihrer Spitze dulden.

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