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Menschenrechtler beklagen: Zwei orthodoxe Bischöfe seit elf Jahren vermisst

Die Gesellschaft für bedrohte Völker erinnert an die Situation der Christen in der Türkei. Die entführten Bischöfe sind eine stille Mahnung.
ALEPPO
Foto: IMAGO/Hummam Sheikh Ali (www.imago-images.de) | In der Nähe von Aleppo wurden die beiden bis heute vermissten Bischöfe vor elf Jahren entführt.

Der syrisch-orthodoxe Bischof Mor Gregorius Yohanna Ibrahim und sein griechisch-orthodoxer Amtsbruder Boulos Yazigi haben ihre Gemeinden seit vielen Jahren nicht gesehen. Sie wurden vor elf Jahren aus Aleppo an der türkischen Grenze entführt. Es gibt bis heute kein Lebenszeichen der beiden Bischöfe. Auch Hinweise über ihren Verbleib existieren nicht. Die Gesellschaft für bedrohte Völker erinnert jährlich am 22. April an das Schicksal der beiden Bischöfe und informiert über die Lage in der Region. 

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Der kurdische Lokalpolitiker Abdullah Demirbas erinnerte in dem Zusammenhang an den Völkermord im Jahr 1915, der die Zahl der christlichen Gemeinschaften in der Region deutlich reduziert habe. Demirbas setzt sich in der einst multiethnischen und -religiösen türkischen Stadt Diabakir unermüdlich für die christlichen Minderheiten ein. Die nachfolgende Politik habe schon am Ende des osmanischen Reichs eine Vereinheitlichung der Bevölkerung im Hinblick auf Ethnie, Sprache und Religion angestrebt. Konkret bedeutete dies, so Demirbas, dass Kulturen, die sich nicht als türkisch und muslimisch verstanden, weichen mussten oder den Tod zu befürchten hatten. 

Fortwährende Unterdrückung

Um den Völkermord zu beschleunigen, seien die einzelnen Gruppen gegeneinander ausgespielt worden. Diese Taktik bestimme bis heute das Handeln der türkischen Regierung. Die Entstehung der türkischen Identität entstand Demirbas zufolge also faktisch auf Kosten der Identität anderer Volksgruppen oder Religionsangehöriger. Das Ziel war nicht die Assimilierung, sondern die komplette Unterordnung. Der Referent veranschaulichte die türkische Politik mit Hilfe eines Bildes: „Stellen Sie sich einen Garten mit vielen Blumen in vielen Farben vor. Und dann kommt jemand, der alle Farben außer Schwarz und Weiß vernichtet.“ 

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Foto: Copyright: xDreamstimexFpolat69x (www.imago-images.de) | Der kurdische Lokalpolitiker Abdullah Demirbas setzt sich unermüdlich für christliche Minderheiten ein.

Die Angehörigen der bedrohten Volksgruppen wenden sich seit Jahren gegen diese Unterdrückung. Dieses Engagement ist für die Beteiligten natürlich mit Gefahren verbunden. Denn jeder, der öffentlich gegen die Politik Stellung nimmt, tut dies unter der Gefahr für Leib und Leben. Demirbas selbst ist einer dieser engagierten Lokalpolitiker. Er wurde mehrfach inhaftiert, des Amtes enthoben, wird aber von der Bevölkerung in Diabakir immer wieder gewählt. Dennoch wird er von Seiten des Staates als Terrorist eingestuft. 

Mitspracherecht für Kurden

Demirbas fordert ein Mitspracherecht für die kurdische Bevölkerung und setzt sich für die Rechte der christlichen Minderheiten ein. Sein Ziel ist die Vielfalt an Ethnien und Religionen, die einst in seiner Stadt herrschte. Dass dies vom türkischen Staat nicht nur nicht unterstützt, sondern aktiv verhindert wird, birgt die Gefahr gewaltsamen Widerstandes. Demirbas selbst hat sich als Ortsbürgermeister in seinem Stadtteil in Diabakir immer für die von ihm geforderte Vielfalt eingesetzt. So ließ er nicht nur kurdisch, sondern auch andere in Diabakir gesprochene Sprachen wie etwa chaldäisch und assyrisch als Amtssprache zu und sorgte dafür, dass die offiziellen Dokumente der Stadtverwaltung immer in mehreren Sprachen veröffentlicht wurden. Auch ein Projekt für Kinder rief er ins Leben und motivierte drei Schriftsteller, Bücher in verschiedenen Sprachen für Kinder zu schreiben, um sie für die Friedensarbeit zu gewinnen.

Demirbas sorgte sogar dafür, dass Imame mit-halfen, christliche Kirchen zu bauen oder zu restaurieren und Jesiden, Aleviten und Christen sich am Bau einer Moschee beteiligten. So entstanden Freundschaften, und die Menschen feierten viele religiöse Feste künftig gemeinsam und auch in der Stadtverwaltung wurden nicht mehr nur Muslime angestellt. Ein orthodoxer Christ wurde sogar Abteilungsleiter und der von Demirbas gegründete und paritätisch besetzte Rat der Vierziger sorgte für ständige Gespräche zwischen den in der Stadt ansässigen Gruppen. Der Rat gab ein Versöhnungsdenkmal in Auftrag und besuchte Papst Franziskus. Er sorgte zudem dafür, dass Straßen in seiner Stadt nach christlichen Würdenträgern benannt wurden. Die Folge: er wurde als „Terrorist“ zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt und lebt, weil er auf einer Todesliste steht, nun im Exil.

Mut zum Kirchbau

Das Beispiel des Redners zeigte, dass ein respektvoller Umgang von Menschen verschiedener Religionen möglich ist und Menschen in der Türkei und Syrien sich nach wie vor dafür einsetzen, dass Christen, Muslime, Juden und Menschen verschiedener Ethnien friedlich zusammenleben. Demirbas möchte wieder an den Markt der Kulturen anknüpfen, auf dem es in Diabakir eine katholische und eine orthodoxe Kirche, eine Synagoge, ein Haus für die Jesiden, eins für die Aleviten und eine Moschee gibt. Er ermutigte auch ungeachtet der Restriktionen für derartige Vorhaben in der Türkei zu weiteren Kirchbauten etwa durch die evangelikale Gemeinschaft, die zahlreiche Bekehrungen zum Christentum zu verzeichnen hatte. Hoffnungsgeschichten wie diese zeigen, dass ungeachtet der Gewalt in der Region und der Restriktionen durch die türkische Regierung Frieden unter Menschen guten Willens möglich ist. Die Gesellschaft für bedrohte Völker kündigte an, das Gedenken an die beiden Bischöfe in jedem Jahr fortzusetzen.

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