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Macrons Ausweitung der ukrainischen Kampfzone

Frankreichs Präsident sinniert darüber, westliche Bodentruppen in die Ukraine zu senden. Doch dieser Schuss geht militärisch, politisch und psychologisch nach hinten los.
Macron schießt mit seiner Idee, Bodentruppen in die Ukraine zu entsenden, übers Ziel hinaus
Foto: IMAGO/Pool/ Stephane Lemouton (www.imago-images.de) | Emmanuel Macron, hier auf der Pressekonferenz nach der Konferenz für die Ukraine, schießt mit seiner Idee, Bodentruppen in die Ukraine zu entsenden, übers Ziel hinaus.

„Ich brauche Munition – und keine Mitfahrgelegenheit!“ Mit dieser Klarstellung wurde der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj im Westen vor zwei Jahren zum Polit- und Medienstar. Aus dem Schauspieler, der fast zufällig ins Präsidentenamt gestolpert war, wurde in diesem Augenblick ein Staatsmann, der bereit ist, für sein Land zu kämpfen und notfalls zu fallen – aber nicht, zu fliehen.

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Selenskyjs Satz gilt noch immer: Die Ukraine braucht Munition, viel mehr Munition und das dringend, um den täglichen russischen Raketen- und Drohnenangriffen standzuhalten. Nordkorea allein liefert an Russland mehr Artilleriemunition als die gesamte EU an die Ukraine. Was für eine Schande für den Westen, der feierlich geschworen hat, die Ukrainer nicht fallenzulassen!

Die aktuelle Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, die westlichen Partner Kiews auf mehr und schnellere Hilfe – einschließlich militärischer Unterstützung – einzuschwören, ist daher nur zu begrüßen. Doch seine breitschultrigen Versicherungen, man dürfe auch den Einsatz westlicher Bodentruppen nicht ausschließen, sind militärisch unsinnig, psychologisch deplatziert und politisch falsch.

Macrons These spaltet den Westen

Militärisch falsch ist der Ruf nach westlichen Bodentruppen im Kampfgebiet, weil es der Ukraine vor allem an militärischem Material und an der Möglichkeit zur Luftraumsicherung mangelt, nicht an französischen Fremdenlegionären in ostukrainischen Schützengräben. Psychologisch deplatziert ist Macrons Äußerung, weil wir nicht in einer Phase der Abschreckungsstrategie sind (wie im Kalten Krieg, als die NATO-Abschreckung einen sowjetischen Übergriff auf Westeuropa verhinderte), sondern in einem heißen Krieg. Bereits die Worte Macrons stützen Moskaus These vom Krieg des Westens gegen Russland und rechtfertigen aus Putins Sicht jeden Angriff auf französische Ziele. Ein tatsächlicher Einsatz von französischen oder anderen westlichen Bodentruppen würde Putin nicht zum Einlenken bewegen, sondern in seiner Paranoia rechtfertigen und die Kampfzone ausweiten.

Politisch falsch ist Macrons Äußerung, weil sie den Westen unweigerlich spaltet. Die Einigkeit der NATO-Partner ist jedoch das höchste Gut in der bisherigen Unterstützung der Ukraine. Die NATO und auch die EU haben viele ihrer bisherigen Tabus gebrochen, um die Ukraine nicht nur finanziell und politisch, sondern auch militärisch massiv zu unterstützen. Beim Einsatz von eigenen Bodentruppen wäre es mit dieser Geschlossenheit definitiv vorbei.

Krieg eindämmen

Wer die Ukraine immer noch retten will, muss schneller laufen, darf aber nicht den dritten Schritt vor dem zweiten tun: Der Westen muss den Ukrainern jenes Kriegsgerät und die notwendige Munition zur Verfügung stellen, die sie brauchen. Und das sehr rasch. Richtig war die bisher einhellige europäische Überzeugung, dass Russland in der Ukraine verlieren muss, damit dieser Krieg nicht über die Grenzen schwappt. Falsch ist es darum, ihn jetzt durch den Einsatz westlicher Bodentruppen selbst über die Grenzen zu holen.

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