Kommentar um "5 vor 12"

Kriegstourismus nach Kiew ist unerwünscht

Die Ukraine braucht jetzt nicht warme Worte, sondern schwere Waffen. Angesichts des Besucherandrangs sollten Reisende wissen, welche Gastgeschenke angemessen sind.
Steinmeier gibt in der deutschen Botschaft vor Pressevertretern eine Erklärung zur Reiseabsage nach Kiew.
Foto: Jens Büttner (dpa) | Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt in der deutschen Botschaft vor Pressevertretern eine Erklärung zur Reiseabsage nach Kiew.

Ungeschickt, unklug, undiplomatisch. All das war der Umgang Kiews mit dem Wunsch des deutschen Bundespräsidenten, in die Ukraine zu kommen, ganz gewiss. Frank-Walter Steinmeier zu brüskieren, war ein politischer und diplomatischer Fehler, weil damit irgendwie ganz Deutschland brüskiert wird. Und weil es für den ohnehin überaus zögerlichen Kanzler der Deutschen nun noch schwieriger wird, sich zu einer halbwegs vernünftigen Tat durchzuringen.

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Ringen ums Überleben

Aber die Ukraine ist nun einmal im Krieg. In einem Krieg, den sie weder gewollt noch provoziert noch begonnen hat. Das Land ringt ums Überleben. Wenn jemand ertrinkt, ist jede rettende Hand höchst willkommen, aber jede freundlich winkende Hand einfach nur ärgerlich. Derzeit winkt Berlin, statt rettend zu Hilfe zu eilen. „Ladehemmung“ attestiert sogar der liberale Koalitionspartner dem Kanzler.

Als sich zu Beginn des russischen Angriffskriegs die Regierungschefs Polens, Tschechiens und Sloweniens – damals noch unter Lebensgefahr – auf den Weg nach Kiew machten, war das eine starke Zeichenhandlung. Ihr seid nicht allein, Europa steht zu euch, so lautete die Botschaft. Mittlerweile hat sich die russische Invasionsarmee aus den verwüsteten Vororten Kiews zurückgezogen; Putin wirft die verbliebene Kampfkraft seiner Armee in den Osten und Süden der Ukraine. Und schon hat der Kriegstourismus nach Kiew eingesetzt: Jetzt, wo die akute Reisegefahr vorüber scheint, fährt alles, was unter Europas Spitzenpolitikern Rang und Namen hat, mit dem Zug in die ukrainische Hauptstadt – manche fotogerecht mit schusssicherer Weste, andere im noblen Zwirn.

Ukraine braucht Waffen

Nichts spricht dagegen, alles dafür – solange die Gäste wissen, dass sie Gastgeschenke mitbringen sollten. Angesichts des ihr aufgezwungenen Überlebenskampfes braucht die Ukraine jetzt nicht Blumen, Pralinen oder Wein, auch nicht warme Worte, sondern schwere Waffen. Wer das mitbringt, ist nicht nur willkommen, sondern recht am Platz. Wer nur Kriegstourismus machen möchte, um zuhause sein (zu Recht) angeschlagenes Image mit einer kleinen Heldenfahrt aufzupolieren, sollte lieber gar nicht erst kommen. 

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