Vom Islam zum Christentum

Konvertiten leiden in Europa unter vielfältiger Verfolgung

Die NGO „European Centre for Law and Justice“ berichtet über die bedenkliche Lage von „ehemaligen Muslimen“, insbesondere in Frankreich.
Konvertiten zum Katholizismus
Foto: IMAGO/Christoph Hardt (www.imago-images.de) | „Heutzutage ist es in Frankreich für einen Muslim zumindest schwierig und insgesamt gefährlich, seine Religion zu verlassen“.

Die genaue Zahl von Muslimen, die in Europa zum christlichen Glauben konvertieren, kann kaum ermittelt werden. Ein neuer Bericht über deren Verfolgung geht allerdings von 4.000 bis 30.000 Personen allein in Frankreich aus.

„Die Verfolgung ehemals muslimischer Christen in Frankreich und in Europa“ lautet der vom „European Centre for Law and Justice“ („Europäisches Zentrum für Recht und Gerechtigkeit“) ECLJ vorgelegte 19-seitige Bericht. Dieser weist auf die Verfolgung einer „überwältigenden Mehrheit der Menschen, die den Islam verlassen und sich dem Christentum anschließen“, hin. Die Intensität der Verfolgung schwanke stark von Missachtung bis hin zu Gewalt, heißt es in dem Papier der 1998 gegründeten internationalen Nichtregierungsorganisation zum Schutz und zur  Förderung der Menschenrechte in Europa und weltweit.

Laut dem „Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs“ vom 17. Juli 1998 bedeutet Verfolgung „den völkerrechtswidrigen, vorsätzlichen und schwerwiegenden Entzug von Grundrechten wegen der Identität einer Gruppe oder Gemeinschaft“. Zur Erstellung des Berichts sprach das ECLJ mit verschiedenen Vereinen ¬aus Frankreich, Belgien, Großbritannien und Österreich, die sich für die Unterstützung von Aussteigern aus dem Islam und die Evangelisierung von Muslimen engagieren. Darüber hinaus wurden ausführliche Interviews mit mehr als zwanzig ehemaligen Muslimen geführt. Der Schwerpunkt liegt auf Frankreich.

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„Heutzutage ist es in Frankreich für einen Muslim zumindest schwierig und insgesamt gefährlich, seine Religion zu verlassen“, so der Bericht. Die überwältigende Mehrheit der zum Christentum Konvertierten erfahre Verfolgung, deren Intensität „von Verachtung bis hin zu Gewalt reicht.“ Insbesondere in der Familie, aber auch innerhalb der eigenen Gemeinschaft finde die Verfolgung statt, aber auch in den sozialen Netzwerken, in denen Islamisten sehr präsent und aktiv seien. „Einige Islamisten führen außerdem Einschüchterungs- und Geheimdienstkampagnen durch, um Konvertiten aufzuspüren und zu unterdrücken“, weshalb punktuell vorkommen könne, „dass ein Konvertit entdeckt und von einem ihm unbekannten Islamisten bedroht, vergewaltigt oder sogar getötet wird.“

Rechtfertigung für die Verfolgung

Zwar sei die Scharia weder in Frankreich noch in anderen europäischen Staaten offiziell anerkannt, aber in der Praxis könnten einige Scharia-Bestimmungen angewandt werden, „sobald eine lokale muslimische Gemeinschaft groß genug und radikalisiert ist“. Weil im Koran die Konversion als Apostasie („Ridda“) verurteilt und in den „Hadithen“ scharf kritisiert werde, sei für viele Muslime „die physische und moralische Verfolgung von Konvertiten gerechtfertigt“. Jeder Übertritt zu einer anderen Religion werde als Verrat angesehen. „Für die Mehrheit der Muslime ist es nicht vorstellbar, dass eine Person nordafrikanischer Herkunft, selbst wenn sie aus Frankreich kommt, nicht Muslim ist.“ „Arabischer Kultur“ werde mit „dem Islam“ identifiziert.

In der Regel erfolge der „soziale Tod“ gegen Konvertiten. Seltener „versuchen Islamisten wie die Salafisten oder die Muslimbruderschaft, den durch den Konvertiten verursachten Skandal ‚reinzuwaschen’ und radikalere Verfolgungsmaßnahmen anzuwenden.“ Laut einem zum Christentum konvertierten ehemaligen Muslim gibt es „regelrechte Hinterhalte“: Muslime aus der örtlichen Gemeinde lauerten Konvertiten auf der Straße auf, die manchmal bis zum Tode geschlagen würden.

Frauen würden stärker verfolgt, als Männer. Die zusätzliche Gewalt gegen Frauen werde mit der „Schande“ gerechtfertigt, die sie über ihre Familie bringen, wenn sie den Glauben ihrer Eltern verleugnen. Manche Mädchen könnten von ihren Eltern mit Zwangsheirat mit einem „frommen Muslim“ bedroht werden, oder sie würden in ihr Herkunftsland zurückgeschickt, wenn sie etwa aus Nordafrika stammen.

„Angst vor Entdeckung“

Im Umkehrschluss bedeute dies, dass Konvertiten ein Leben in „extremer Diskretion und Angst vor Entdeckung“ führen müssen. Der Bericht weist auf die Gefahr hin, dass sie „ein Doppelleben führen“. In ihrer angestammten Gemeinde „so tun, als seien sie Muslime“; den christlichen Glauben in der Zeit ausüben, in der es möglich sei.

Auch auf die „Traurigkeit“ und das „Unverständnis“ von Konvertiten kommt der Bericht zu sprechen, wenn sie feststellen, dass sie in ihrer neuen Religionsgemeinschaft nicht immer willkommen seien. Konvertiten gäben an, dass sie „die christliche Gemeinschaft als wenig einladend empfinden.“

Speziell zu Deutschland heißt es in dem Bericht, dass es erstens schwierig gewesen sei, diesbezügliche Informationen zu erhalten, und zweitens, „dass sich fast alle Vereine, die für verfolgte Christen auf anderen Kontinenten eintreten, nur wenig oder gar nicht um verfolgte Christen in Europa kümmern“.

Das ECLJ plädiert dafür, dass die zuständigen Minister der verschiedenen europäischen Länder eine öffentliche Untersuchung durchführen lassen, „um Licht in das Dunkel“ zu bringen sowie „um genauere Statistiken zu erhalten, um dieses Phänomen besser zu erfassen.“

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