Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Die Christdemokratie als Familie

Orbáns Fidesz nicht aus der EVP auszuschließen, ist eine kluge und richtige Entscheidung.
Kein Rauswurf von Fidesz aus EVP
Foto: Ondøej Deml (CTK) | Viktor Orbán mag ein schwieriger Charakter sein und zu Provokationen neigen, aber er ist ein echter Christdemokrat.

Die christdemokratische Parteienfamilie in Europa (EVP) wird Viktor Orbáns Fidesz-Partei, nicht ausschließen. „Für radikale Maßnahmen wie einen Ausschluss“ gebe es in der EVP keine Mehrheit, sagt der neue EVP-Vorsitzende, der frühere EU-Ratspräsident Donald Tusk. Eine Einmütigkeit unter den drei Weisen, die die EVP zur Klärung nach Budapest entsandte, gab es übrigens auch nicht.

Lesen Sie auch:

Orbán ist ein echter Christdemokrat

In jeder Familie gibt es mitunter Dissonanzen, Meinungsverschiedenheiten, Streit. Deswegen geht man nicht gleich auseinander. Misstöne können entschuldigt, Missverständnisse geklärt, unterschiedliche Meinungen ausgehalten werden. In einer so breiten Parteienfamilie wie der EVP, die die größte Fraktion im Europäischen Parlament bildet, ist das genauso. Da fliegen manchmal die Fetzen, und dann muss man sich wieder zusammenraufen.

Viktor Orbán mag ein schwieriger Charakter sein und zu Provokationen neigen, aber er ist ein echter Christdemokrat. Sein national gefärbter Populismus mag vielen in Brüssel auf die Nerven gehen, aber er hat den Aufstieg von Ungarns nationalistischer Jobbik-Partei gestoppt und sie auf die Oppositionsbänke verbannt. Orbáns Politik ist christlicher und nicht weniger demokratisch als die der Christdemokraten in Benelux oder Skandinavien.

Orbán wäre zum unberechenbaren Spieler geworden

Ein Rauswurf Orbáns und seiner Fidesz aus der EVP hätte Europas Linke und Liberale erfreut, aber der EU viele Probleme beschert: Im Europäischen Parlament hätten die zwölf braven Fidesz-Abgeordneten wohl eine nationalistische Fraktion verstäkt. Auf EU-Gipfeln wäre Ministerpräsident Orbán ohne christdemokratischen Familienanschluss zum unberechenbaren Spieler geworden. Den angedrohten EVP-Ausschluss abzusagen, war daher inhaltlich wie strategisch richtig.

Lesen Sie ab sofort täglich um 5 vor 12 einen Online-Kommentar aus der Tagespost-Redaktion zu aktuellen kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Themen

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Stephan Baier CDU Donald Tusk Viktor Orbán

Weitere Artikel

Fällt das friedensverwöhnte Europa jetzt in seinen tragischen alten Bellizismus zurück? Nur auf den ersten Blick scheint es so.
13.03.2025, 17 Uhr
Stephan Baier
Orbáns Verdienste bei Migration, Sicherheit und Familie reichen nicht aus. Die schlechte Wirtschaft, Russlandnähe und Korruptionsvorwürfe bringen Magyar ins Amt.
13.04.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch

Kirche

Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier
Eucharistische Anbetung und Lobpreis auf einer ZdK-Veranstaltung? Das gibt’s, auf dem Gebetsabend „The Tabernacle“. Organisator Samuel Tussing erklärte der „Tagespost“ Hintergründe.
15.05.2026, 07 Uhr
Elisabeth Hüffer
Katholischer als der Papst? Die Piusbruderschaft bekräftigt ihren Anspruch, am überlieferten Glauben festzuhalten mit einem „Glaubensbekenntnis an Seine Heiligkeit Papst Leo XIV.“
14.05.2026, 20 Uhr
José García