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Kann man noch öffentlich Davidstern tragen?

Ein Jahr nach dem Hamas-Massaker lebt die jüdische Gemeinde in Köln in einer beängstigenden neuen Realität. Der Antisemitismus nimmt zu, und die Gesellschaft bleibt gleichgültig.
Synagoge in Köln
Foto: Hoensbroech | Immer noch sind Geiseln in den Händen der Hamas-Terroristen. Daran erinnert ein Plakat an der Kölner Synagoge.

Seit dem 7. Oktober 2023, dem Beginn des Krieges der Hamas gegen Israel und dem damit verbundenen schlimmsten Massaker an Menschen jüdischen Glaubens nach dem Holocaust, sind das Vertrauen und der Glaube von Juden in eine gesicherte Gegenwart und Zukunft in Deutschland zutiefst erschüttert. Dazu trägt ein ein immer aggressiver auftretender Antisemitismus, sowie eine zunehmend von einer Täter-Opfer-Umkehr geprägte Interpretation der Ereignisse vor einem Jahr bei.

In Köln hängt seit Monaten an der Fassade des neuromanischen jüdischen Gotteshauses der Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) im Gedenken an die nach wie vor über 100 Geiseln in den Händen der Hamas ein riesiges Plakat mit der Aufschrift „Bring them home now (Bringt sie jetzt nach Hause).“ Es gibt kein Gemeindemitglied, das nicht Verwandte, Bekannte oder Freunde in Israel hat und mit ihnen mitleidet.

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Yechiel Brukner, Rabbiner der nachweislich ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen mit rund 4000 Angehörigen, hat im zurückliegenden Jahr ein „dreifaches Rücken“ innerhalb der SGK beobachtet. „Wir sind alle näher an Israel gerückt.“ Zweitens seien die Mitglieder der Gemeinde durch den 7. Oktober einerseits sowie den aufwallenden Antisemitismus andererseits näher zusammengerückt. „Drittens sind wir alle näher zu Gott gerückt“, hebt der jüdische Geistliche hervor. „Wir horchen mehr auf Gott, wir beten und hoffen mehr und reflektieren über die Aufgabe des jüdischen Volkes.“

Ein Leben bestimmt von Angst

Die alltägliche Erschütterung erfährt seit dem Massaker der Hamas auch Andrei Kovacs. „Seitdem kommt es zu einem merklichen Anstieg des Antisemitismus, der vor allem bestehende Freundschaften zu Nichtjuden belastet“, berichtet der ehemals leitende Geschäftsführer des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Kovacs, der Mitglied der SGK ist, mahnt aber auch hoffnungsvoll an: „Wir dürfen nicht durch Angst oder Paranoia gelähmt werden, sondern sollten stattdessen weiterhin aktiv nach einem respektvollen gesellschaftlichen Miteinander streben.“

Darauf hofft auch Chana Bennett. Sie zeichnet für die Kultur- und Eventveranstaltungen der SGK verantwortlich. Es sind aber vor allem die persönlichen Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, die sie und nicht nur viele Kölner Juden seit dem 7. Oktober tagtäglich beschäftigen. „Das Leben ist bestimmt von den Ereignissen in Israel und der Angst um Angehörige und Freunde.“ Neben einem Gefühl der Einsamkeit und Vulnerabilität kämen alltägliche Einschränkungen hinzu wie etwa die Frage, ob sie überhaupt noch ihre Halskette mit dem Davidsstern tragen könne.

Rachel Rado ergänzt in diesem Zusammenhang: „Ganz vereinzelt haben sich nach dem 7. Oktober Freunde und Bekannte außerhalb meiner Gemeinde mitfühlend geäußert. Viel war das nicht, es war beschämend wenig.“ Die aus Kölns israelischer Partnerstadt Tel Aviv-Yafo stammende, seit Jahrzehnten in der SGK engagierte Jüdin hatte bis zum 7. Oktober eigentlich „immer das Gefühl, im Falle eines Falles nach Israel gehen zu können und mich dort sicher zu fühlen“. Ihr Mann Michael, Vorstandsmitglied der SGK, betont, dass die Gemeinde nicht nur sprachlos und erschüttert darüber ist, dass ein solches Verbrechen überhaupt möglich gewesen sei. „Was uns in Köln noch sprachloser gemacht hat, ist die Gleichgültigkeit, mit der die Gesellschaft und Öffentlichkeit um uns herum die Hamas-Verbrechen zur Kenntnis genommen hat.“

Hoffen auf Frieden

Mit Blick auf die zunehmende Eskalation im Nahen Osten und mit Verweis auf das Recht Israels, sich wie jedes angegriffene Land zu verteidigen, fügt er hinzu: „Wie in jedem Krieg wirkt das Vorgehen auch eines völlig regulären Militärs von außen gesehen nicht immer verhältnismäßig. Wir trauern um jeden Toten – egal auf welcher Seite er steht oder besser: stand.“ Unmissverständlich stellt er jedoch klar: „Was wir nicht ertragen, ist die Verwendung von Menschen als Handelsware in Form von Geiseln. Keine kultivierte Nation nimmt Geiseln.“

In der Gemeindezeitung der SGK beschließt der Vorstand sein Grußwort an die Gemeindemitglieder mit den eindringlichen Worten: „Wir hoffen auf Frieden für uns und die Welt.“ Der Patriarch von Jerusalem hat die Kirche weltweit gebeten, am 9. Oktober um Frieden und Versöhnung im Heiligen Land zu beten. An diesem Tag feiern Christen in Israel den Gedenktag des Abraham, der als Stammvater von Juden, Christen und Muslimen verehrt wird. Die Heilige Messe im Kölner Dom zelebriert Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, der auch Präsident des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande ist.

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