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Jugend- oder Todsünde?

Am Fall Aiwanger scheiden sich die Geister. Das Verständnis für Vergebung wird kleiner.
Kann Hubert Aiwanger noch Gnade erwarten?
Foto: IMAGO/B. Lindenthaler (www.imago-images.de) | Kann er noch Gnade erwarten? Sein eigener Beitrag zur Aufklärung war bisher eher mangelhaft: Hubert Aiwanger.

Aiwanger und kein Ende? Nachdem weiterhin Fragen offen seien, hat der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder seinen Vize nun zur schriftlichen Beantwortung derselben verdonnert. Bis dahin bleibt Aiwanger im Amt. Was war passiert? Vor 35 Jahren hatte – nach eigener Aussage – Helmut Aiwanger, der Bruder von Söders Vize, als Elftklässler aus Wut über „offen linksradikale Lehrer“, die er „so richtig auf die Palme bringen“ wollte, eine Art Nazi-Pamphlet verfasst: „Bundeswettbewerb: Wer ist der größte Vaterlandsverräter?“ ist darauf zu lesen. Erster Preis: „ein Freiflug durch den Schornstein von Auschwitz“. Helmut Aiwanger selbst sieht das Schriftstück als „Jugendsünde“, er distanziere sich „damals wie heute“ vom „unsäglichen Inhalt“. Die Süddeutsche Zeitung hatte zuvor eine Autorenschaft Hubert Aiwangers selbst nahegelegt; die Pamphlete waren damals in seiner Schultasche gefunden worden. Der Vize-Regierungschef hatte in einem ersten Statement gesagt, er sei selbst nicht Autor, „verpfeife“ aber niemanden.

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Ist das noch Jugendsünde?

Nun tobt die Debatte: Was ist noch Jugendsünde? Handelt es sich bei alldem um einen Fall von Denunziantentum, wie der Historiker Michael Wolffsohn in der „Bild“ schreibt? Oder wäre „verpfeifen“ „Zivilcourage“ gewesen, wie der Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen, Ludwig Hartmann meint? Hartmann fordert Aiwangers Rausschmiss, weil der nach seiner Meinung den „Mund (hätte) aufmachen“ müssen, „wenn die Würde der Opfer des Naziregimes mit Füßen getreten wird“.

Aiwanger verriet seinen Bruder vor 35 Jahren hingegen nicht, sondern stellte sich als mutmaßlicher Verantwortlicher der schulischen Disziplinarkommission, die als Sühne ein Referat über das „Dritte Reich“ beschloss. Ein mildes Urteil, indem das jugendliche Alter ebenso wie die letztlich wohl unpolitische Motivation der gezielten, maximalen Provokation Berücksichtigung gefunden haben dürfte. Wie wäre die Reaktion heute? Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Parteien, die Jugendliche auch schon mit 16 für zurechnungsfähig genug halten, das Wahlrecht auszuüben, in der Erstellung des Flugblattes tendenziell eher Tod- als Jugendsünde sehen. Was angesichts der tatsächlich handfesten jugendlichen Verstrickung mancher linker Politiker in extremistische und antisemitische Zusammenhänge freilich gelegentlich etwas seltsam erscheint.

Nicht nur Geschwätz

Dem selbst Nazi-verfolgten und jeder NS-Sympathie unverdächtigen Katholiken Bundeskanzler Konrad Adenauer, in dessen demokratischer Regierung dennoch NSDAP-Genossen unterkamen, wird das Zitat „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden“ zugeschrieben. Nun wäre es falsch, ein Flugblatt voller menschenverachtender Naziphrasen als bloßes Geschwätz abzutun.

Doch dürfte selbst im Fall einer Autorenschaft Aiwangers inzwischen eine Reifung des damals 17-jährigen zu unterstellen sein, zumal Aiwanger zwar gern provoziert, aber nie mit naziverherrlichenden oder antisemitischen Aussagen auffiel. Dass Medien und Politik heute unnachgiebiger mit vergangenen rechtsextremen Verstrickungen umgehen, als zu Adenauers Regierungs-, oder auch noch Aiwangers Schulzeiten, kann man mit zweifellos begrüßen; einem katholischen Ethos entspricht es aber nicht.

Das Modell Sünden beichten, Buße tun, fortan nicht mehr sündigen – das erscheint den säkularen Pharisäern, die heute mit heiligem Ernst über die politischen Tabus wachen, ein zu billiger Ausweg. Der Protestant Söder hat für Vergebung derweil offenbar noch ein gewisses Verständnis. Der Fall sei ja tatsächlich „über 30 Jahre her“, und Aiwanger habe sich „sehr klar davon distanziert“.

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