Unabhängigkeit von Russland

Gasvorkommen: Afrikas Potenzial zur Energieversorgung

Die Gasvorkommen in Afrika könnten die europäischen Energiesorgen lösen.
LNG-Terminal in Brunsbüttel geplant
Foto: Marcus Brandt (dpa) | Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel soll Anfang nächsten Jahres ein Flüssiggas-Terminal in Betrieb genommen werden. Fünf Milliarden Kubikmeter Gas sollen von dort in das Gasnetz eingespeist werden.

Europa sucht nach Wegen, sich von russischen Gas-und Erdölimporten unabhängig zu machen. Ist Afrika die Antwort auf Europas Energiesorgen? Das Potenzial ist da. Mehrere Länder in Afrika wie etwa Nigeria, Senegal oder Angola haben laut internen EU-Dokumenten ein weitgehend ungenutztes Reservoir an Flüssigerdgas. „In der Tat verfügen eine Reihe afrikanischer Länder  über erschlossene und noch unerschlossene Vorkommen an Erdgas“, erklärte der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft auf Anfrage der „Tagespost“.

Im Zusammenhang mit der Ukrainekrise gebe es in afrikanischen Ländern vielfältige Bemühungen, die Fördermengen und die Lieferungen nach Europa zu erhöhen. „Soweit wir es einschätzen können, wird das zu einer wichtigen Diversifizierung der Lieferquellen europäischer Länder beitragen. Vollständig ersetzen wird es die russischen Lieferungen kurzfristig nicht können“, erläuterte der Verein, der Unternehmen bei ihrem wirtschaftlichen Engagement auf dem afrikanischen Kontinent unterstützt: „Darüber hinaus gibt es in einer Reihe afrikanischer Länder große Anstrengungen, ,grünen Wasserstoff' mit Hilfe von Photovoltaik und Windkraft zu erzeugen und mittelfristig auch nach Europa zu exportieren.“

Afrika ist reich an fast allen Rohstoffen, auch an Erdgas, das Europa dringend braucht. Die bisher bekannten Erdgasreserven in Afrika machen etwa sieben Prozent der weltweiten Kapazitäten aus, berichtet das Netzwerk Afrika Deutschland, in dem sich  über 40 katholische Ordensgemeinschaften zusammengetan haben. Fast die Hälfte aller afrikanischen Länder hat demnach bedeutende Erdgasvorkommen. Die größten davon in Algerien, Senegal, Mosambik, Ägypten, Tansania, Libyen oder Angola. Die Demokratische Republik Kongo und Kamerun verfügen ebenfalls über beachtliche Vorkommen. Auch an der westafrikanischen Küste in Mauretanien,  Gambia und Guinea wurden den Angaben zufolge neue Lagerstätten entdeckt.

Transportfrage ist noch ungeklärt

Afrika also als neue Energiedrehscheibe. Doch ungeklärt ist die Frage, wie Erdgas aus Afrika nach Europa zu transportieren ist. Es gibt etwa eine 2.500 Kilometer lange Pipeline-Trasse, durch die Erdgas von Algerien über Tunesien durch das Mittelmeer nach Sizilien und hinauf bis in den Norden von Italien geliefert wird. Seit Jahren wird über den Bau einer viertausend Kilometer langen Trans-Sahara-Gaspipeline von Nigeria nach Algerien diskutiert.

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Das Problem allgemein: Investoren schrecken vom Bau von Pipelines in Afrika vor allem wegen der politischen Unsicherheit in den beteiligten Ländern zurück. In Sahel-Ländern etwa, Beispiel Nigeria, sind immer mehr islamistische Terrorgruppen aktiv und verhindern damit wirtschaftliche Aktivitäten dort.

Als Alternative zum Bau von kostenintensiven und gefährdeten Pipelines wird die Produktion und der Transport von Flüssiggas (LNG) attraktiver. Einige afrikanische Länder exportieren bereits ihr Erdgas mit speziellen Tankern in Form von Flüssiggas. Die Hauptexporteure sind Nigeria und Algerien, aber auch Angola, Äquatorial Guinea, Ägypten und Kamerun. Algerien gilt als entscheidender Gasexporteur für Europa. Das Land versorgt neben Italien auch Spanien und weitere europäische Länder mit Flüssiggas, berichtet der deutsche Gas- und Ölproduzent Wintershall Dea. Kein Zweifel: Die anhaltend hohen Energiepreise machen es für Regierungen und Unternehmen attraktiv, in weitere Anlagen zu investieren. Dazu müssen aber auch die europäischen Länder ihre Terminals ausbauen.

Oder, wie in Deutschland, erst einmal mit dem Bau beginnen. Deutschland verfügt bislang über keine LNG-Terminals. Bisher bezieht Deutschland Flüssiggas über Terminals im belgischen Zeebrügge, im französischen Dünkirchen und in den Niederlanden. Geplant ist in Deutschland der Bau von zwei LNG-Terminals in Brunsbüttel und in Stade. Europaweit gibt es aktuell 37 LNG-Terminals, 26 davon liegen in Mitgliedsstaaten der EU.

Bundesregierung setzt auf Flüssiggas

Flüssiggas (in der Fachsprache: LNG - „liquefied natural gas“) gilt inzwischen als Patentlösung.  LNG ist Erdgas in verflüssigter Form. Das zu transportieren, ist lohnenswert, sagen Experten, denn das Volumen von Erdgas verringere sich in flüssiger Form um das rund Sechshundertfache. Im Unterschied zu Erdgas, das per Pipeline importiert wird, kann Flüssiggas auch in weit entfernten Ländern gekauft und per Schiff transportiert werden.

Lärm in der Nordsee schädigt Schweinswale

Die Bundesregierung drückt inzwischen beim Aufbau einer Infrastruktur zum Import von Flüssigerdgas aufs Tempo. Dabei gab es lange Zeit von deutscher Seite kein Interesse an Flüssiggas, der Fokus lag auf den erneuerbaren Energien. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), der zu Jahresbeginn auf „Energie-Shoppingtour“ in den Golfstaaten unterwegs war, unterzeichnete nun vergangene Woche Pachtverträge für vier schwimmende Terminals, sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU).  Die erste dieser schwimmenden Plattformen soll noch bis Jahresende in Wilhelmshaven in Betrieb gehen. Bereits im Winter soll in Wilhelmshaven  Flüssigerdgas eintreffen. Bei den von Habeck unterzeichneten Verträgen für schwimmende Terminals geht es um Spezialschiffe, die das Flüssigerdgas von LNG-Tankern aufnehmen, in den gasförmigen Aggregatzustand zurückverwandeln und in das Gasnetz einspeisen. Das ersetzt den langwierigeren Bau von kompletten Terminals. Deutschland importiert derzeit noch etwa 35 Prozent seines benötigten Gases über Pipelines aus Russland. Die provisorischen schwimmenden LNG-Terminals sollen ab 2025 durch feste Anlagen an Land ersetzt werden.

Weil die Zeit drängt, will das Land Niedersachsen nötigenfalls Genehmigungsverfahren stark vereinfachen und abkürzen - ein Punkt, der auch Kritik auslöst. Die Deutsche Wildtier Stiftung etwa begründet ihre Kritik an den geplanten LNG-Terminals mit dem Schutz von Schweinswalen, die sich in der Bucht bei Wilhelmshaven mit Nahrung eindecken würden. Weil für den Bau des Terminals Pfosten in den Boden gerammt würden,  könne durch den erheblichen Unterwasserlärm das empfindliche Gehör der mit Delfinen verwandten Schweinswale „irreparabel geschädigt“ werden. Von einer Klage gegen die Terminals riet Bundeswirtschaftsminister  Robert Habeck allerdings ab. Schließlich verkündete der Grünen-Politiker der Nation aber nun laut dem Fernsehsender RTL, „der größte Schweinswal-Fan in der Bundesregierung“ zu sein.

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