Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Gastkommentar zu Papst und Ukraine

Friedensstifter, die nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden

Woher kommt die Zuversicht des Papstes, dass das Töten aufhört, wenn sich die Ukraine ergibt? Die Geschichte Osteuropas lehrt etwas anderes. Ein Gastkommentar.
Papst Franziskus beim Angelus im Vatikan
Foto: IMAGO/Evandro Inetti (www.imago-images.de) | Zu einem Krieg gehören zwei Parteien, sagt Papst Franziskus. Zu einer Vergewaltigung auch, meint unser Gastautor Juri Durkot.

Es ist ein wolkenloser, sonniger Frühlingstag. Die ersten Knospen sprießen und lassen erahnen, wie üppig das Grün in diesem Jahr sein wird. Noch freut man sich über die Frühlingswärme, die Hundstage mit ihrer kaum erträglichen Hitze sind weit entfernt. Eine Katze sitzt vor dem Haus und beobachtet das fröhliche Zwitschern der Vögel. Alles erinnert an eine Idylle.

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Nur ein Geräusch stört. Und das bereits seit einiger Zeit. Es sind die Schreie einer Frau, die vor ihrem Haus vergewaltigt wird. Sie wehrt sich noch, der Angreifer ist aber stärker. Es stellt sich heraus, dass man ihn gut kennt, er kommt selbst aus der Nachbarschaft. Er ist bekannt als Randalierer, hatte hier und da Tomaten auf fremden Parzellen gesät und behauptet, dass sie ihm schon immer gehörten. In letzter Zeit wurde er zunehmend aggressiv, doch wollte sich niemand mit ihm anlegen. Er versorgte ja alle mit Tomaten, und man hatte dafür neue Fließbänder angelegt, die in die Nachbarhäuser führen.

Auch zu einer Vergewaltigung gehören zwei Parteien

Und nun das, es nicht nur ein klarer Sittenbruch, sondern kriminell. Was tun? Manche Nachbarn zeigen Mut und eilen dem Opfer zur Hilfe, können den Verbrecher aber nicht überwältigen. Andere sind vorsichtiger, schauen zu, damit die Lage nicht eskaliert. Diejenigen, die am anderen Ufer des großen Teichs leben, sind nun in einen Streit um die Finanzierung eines kaputten Zauns vertieft. Einige meinen dort, dass es die Sache von jenen Nachbarn ist, die näher zum Vergewaltiger leben. Und wieder andere fordern von der Frau den Mut, die weiße Flagge zu zeigen.

Zu einem Krieg gehören zwei Parteien, sagt Papst Franziskus. Zu einer Vergewaltigung auch. Und es ist genauso fatal und moralisch verwerflich, ein Opfer zu „Verhandlungen“ mit seinem Vergewaltiger aufzufordern wie ein überfallenes Land mit dem Aggressor. Sonst werden beide Verbrecher ihr Unwesen weiter treiben. Die unmenschlichen Regime wollen nicht nur Menschen, sondern das Menschliche töten. Das Böse muss man bekämpfen. Sonst bricht es früher oder später in die Häuser von den jenen ein, die es nicht bekämpfen wollten.

Dass es vor dem Zweiten Weltkrieg Anhänger des Appeasement gab, ist bekannt. Dass es selbst im Krieg Stimmen gab, einen Kompromiss mit Nazi-Deutschland zu suchen, weniger. Papst Pius XII. vermied in seinen Friedensappellen nach dem Überfall auf Polen und auch bei späteren Feldzügen des deutschen Vernichtungskrieges klare Schuldzuweisungen. Er wollte einen für alle Beteiligten ehrenhaften Frieden vermitteln. Allerdings riet er den Angegriffenen nicht, Mut zur weißen Flagge zu zeigen.

Schnittmenge zwischen Vatikan und Populisten von links und rechts

Merkwürdigerweise scheinen die Positionen des Vatikans und diverser politischer Rechts- und Linkspopulisten (man denke nur an Sahra Wagenknecht) ziemlich nahe zu liegen. Man rät zu Verhandlungen, die eine Kapitulation der Ukraine vorsehen. Man appelliert an westliche Regierungen oder an Kiew, anstatt von Putin zu fordern, seine Truppen zurückzuziehen und den verbrecherischen Angriffskrieg zu beenden.

Woher kommt die Zuversicht, dass das Töten aufhört, wenn sich die Ukraine ergibt? Die Geschichte Osteuropas lehrt uns etwas anderes. Der Stalinismus folterte und brachte nach dem Zweiten Weltkrieg in den besetzten Ländern Hunderttausende um. Und wer behauptet, dass diese Zeiten weit zurückliegen, sollte am besten Butscha, Irpin, Cherson oder Isjum besuchen – mit ihren auf sadistische Weise umgebrachten Zivilisten, Massengräbern und Folterkammern als Zeugen russischer Verbrechen.

Dass manche Friedensstifter und Pazifisten zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können, ist schlimm genug. Aber es ist noch schlimmer: Im Grunde genommen verdeutlichen sie mit ihren Aufforderungen an die Angegriffenen nur eines – sie wollen nicht wirklich, dass das Töten aufhört. Sie wollen nur dem Töten nicht mehr zuschauen zu müssen.


Der Autor ist Übersetzer und lebt in Lemberg (Lwiw)

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