Russlands Krieg gegen die Ukraine

„Europa steht eine tiefgreifende Destabilisierung bevor“

Der ehemalige Präsident der Caritas Ukraine sieht angesichts des russischen Angriffs eine radikale Umwälzung der europäischen Nachkriegsordnung. Deutschland und der NATO wirft er Fehler im Umgang mit der Ukraine vor.
Ukraine-Unterstützer in Manhattan
Foto: John Lamparski via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Die ukrainische Bevölkerung würde nun „mit größter Sorge, mit dem Gefühl der Bedrohung ihrer nackten Existenz“ in die Zukunft blicken, so Waskowycz.

Von einer „radikalen Umwälzung der europäischen Nachkriegsordnung mit unvorhersehbaren globalen Auswirkungen“ spricht der ehemalige Präsident der Caritas Ukraine, Andrij Waskowycz, angesichts der russischen Kriegshandlungen in der Ukraine. Auf Anfrage der Tagespost erklärte er, der russische Überfall sei der Versuch, „dem ukrainischen Volk den Weg in eine demokratische Zukunft zu versperren und es wieder hineinzuzwingen unter die menschenverachtende russische Herrschaft“. Waskowycz warnte vor einer großen humanitären Krise, die Millionen Flüchtlinge nach sich ziehen werde. „Europa steht eine tiefgreifende Destabilisierung und eine Migrationskrise größten Ausmaßes bevor.“

Putins zynische Rechtfertigung des Angriffs

Waskowycz, der derzeit das Büro für humanitäre und soziale Initiativen des Weltkongresses der Ukrainer leitet, erklärte sich „schockiert über die Wucht und das Ausmaß des russischen Angriffs auf die Ukraine“, obwohl man diesen seit Tagen und Wochen erwartet habe. Deutliche Kritik übte er auch an der Begründung, mit der der russische Präsident Wladimir Putin den Einfall zu rechtfertigen versuche. Er sei „schockiert und fassungslos angesichts der von Putin proklamierten zynischen Begründung und Zielsetzung einer angeblichen Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine“. Eine solche Begründung nutze der russische Präsident als Vorschub für einen Krieg zwischen den zwei größten Ländern Europas mit über 200 Millionen Einwohnern.

Lesen Sie auch:

Die ukrainische Bevölkerung würde nun „mit größter Sorge, mit dem Gefühl der Bedrohung ihrer nackten Existenz“ in die Zukunft blicken. Die Bürger seien aber bereit, für ihre Freiheit und die demokratische Entwicklung ihrer Heimat zu kämpfen. „Es ist ein Kampf ums Überleben“, so Waskowycz. Der gewaltsame Überfall auf die Ukraine und der Beschuss zahlreicher Städte zielten erklärtermaßen auf die Vernichtung des ukrainischen Volkes ab, dem Putin das Existenzrecht abspreche. „Es ist die Pflicht der freien Welt, die Auslöschung des demokratischen ukrainischen Staates zu verhindern“, betont Waskowycz.

Gleichzeitig sieht der ehemalige Präsident der Caritas Ukraine die gegenwärtige kriegerische Auseinandersetzung auch als Folge daraus, dass die Ukraine bislang keine Aussicht auf eine Aufnahme in die NATO erhalten habe. Es wäre eine „bittere Ironie“, so Waskowycz, wenn durch die vom russischen Angriff ausgelöste Fluchtbewegung möglicherweise Millionen Ukrainer in die Europäische Union kämen, „gerade deshalb, weil der Ukraine die Mitgliedschaft in der Europäischen Union noch nicht gewährt wurde. Es ist eine bittere Ironie, dass die Sicherheit Europas und die europäische Nachkriegsordnung unwiderruflich hinfällig geworden sind, gerade deshalb, weil der Ukraine der Weg in die NATO versperrt geblieben ist“. Eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine hätte den massiven Einmarsch russischer Streitkräfte in das Land nach Ansicht Waskowyczs unmöglich gemacht.

Gegen NATO-Beitritt der Ukraine gestellt

Auch auf Seiten Deutschlands sieht Waskowycz, der von 2007 bis 2015 Mitglied im Vorstand von Caritas Europa war, Fehler im Umgang mit der Ukraine. Vor allem Deutschland habe sich gegen die Aufnahme der Ukraine in die NATO gestellt „und damit der Ukraine verwehrt hat, was Deutschland für sich selbst in Anspruch genommen hat: die NATO-Mitgliedschaft zu einer Zeit, als ein Teil Deutschlands von der Sowjetunion okkupiert gewesen war“. Unter dem Schutz der NATO und dem atomaren Schutzschirm der USA habe sich die Bundesrepublik jahrzehntelang „in Frieden, Freiheit und Sicherheit entwickeln, seinen Reichtum und Wohlstand mehren und sich schließlich mit dem besetzten Teil wiedervereinigen“ können. Eine solche Entwicklung habe Deutschland der Ukraine mit der Ablehnung einer beschleunigten NATO-Mitgliedschaft nicht zugestanden.  DT/mlu

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Der ukrainischen Führung die Kapitulation zu empfehlen, ist verantwortungslos und makaber. Das belegen die Grausamkeiten in den okkupierten Teilen der Ukraine.
06.07.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Die Verteidigung des Friedens gegen den Pazifismus – Antwort auf den „Tagespost“-Beitrag „Nie wieder Krieg?“ von Markus Günther.
01.04.2022, 15  Uhr
Manfred Spieker
Themen & Autoren
Meldung Caritas Demokratie Russlands Krieg gegen die Ukraine Kriegshandlungen Nachkriegsordnung Nato Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt