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Ecuador: Mitte-Rechts-Politiker Daniel Noboa neuer Präsident

Noboa wird zunächst nur bis zum Ende der Legislaturperiode regieren. Er hat nur eineinhalb Jahre Zeit, um sein Wahlprogramm umzusetzen.
Daniel Oboa gewinnt Präsidentschaftswahlen in Ecuador
Foto: IMAGO/César Muñoz (www.imago-images.de) | Ein bedeutender Anteil am Erfolg Noboas wird seiner 25-jährigen Frau Lavinia Valbonesi zugeschrieben. Als Ernährungsberaterin, Model und Influencerin spielte sie eine wichtige Rolle in Noboas digitaler Kampagne.

Aus der Stichwahl für das Präsidentenamt in Ecuador am Sonntag ist der erst 35-jährige Daniel Noboa mit einem klaren Sieg hervorgegangen. Nach Auszählung von 91 Prozent der Stimmen setzte sich Noboa mit 52,3 Prozent gegen Luisa González (47,7 Prozent) durch.

Das ecuadorianische Parlament wurde am 17. Mai vom scheidenden Präsidenten Guillermo Lasso aufgelöst, dem ein Amtsenthebungsverfahren drohte. Der Wahlkampf fiel in eine noch nie dagewesenen Welle der Gewalt und Unsicherheit. Der Höhepunkt der Gewalt war die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio am 9. August, elf Tage vor dem ersten Wahlgang.

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Im ersten Wahlgang am 20. August erhielt Luisa González von der linksorientierten „Revolution der Bürger“ 33 Prozent und damit die meisten Stimmen. González sieht sich in der Nachfolge von Rafael Correa, der von 2007 bis 2017 Ecuadors Präsident war, jedoch im April 2020 wegen Bestechlichkeit in Abwesenheit zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Seitdem hält sich Correa in Belgien auf, das die Auslieferung an Ecuador verweigert.

Sein Vater: der reichste Mann Ecuadors

Eher überraschend wurde Daniel Noboa Zweiter, so dass er gegen González am Sonntag in der Stichwahl antrat. Noboa ist der älteste Sohn des Unternehmers Alvaro Noboa, der als reichster Mann Ecuadors gilt, und der seit 1998 fünfmal für das Amt des Präsidenten kandidiert hatte. Daniel Noboa hat einen Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft der New York University, einen Master-Abschluss in Betriebswirtschaft der Northwestern University, einen Bachelor-Abschluss in öffentlicher Verwaltung der Harvard Kennedy School und einen Master-Abschluss in politischer Kommunikation der George Washington University. 

Ein bedeutender Anteil am Erfolg Noboas wird seiner 25-jährigen Frau Lavinia Valbonesi zugeschrieben. Als Ernährungsberaterin, Model und Influencerin spielte sie eine wichtige Rolle in Noboas digitaler Kampagne, die bei den Nutzern sozialer Netzwerke wie TikTok mehrfach zum Trend wurde. Valbonesi begleitete ihren Mann während des gesamten Wahlkampfs und war Gegenstand zahlreicher Gespräche auf digitalen Plattformen, öffentlichen Auftritten und sogar Interviews. Die junge Frau ist die Mutter von Noboas erstem Sohn und ist jetzt schwanger. Der gewählte Präsident Ecuadors hat auch eine Tochter aus erster Ehe.

Haltung gegenüber Abtreibung

Obwohl Abtreibung nicht zu Noboas Programm gehört, hat er in einigen Interviews geäußert, dass Frauen das Recht haben, zu entscheiden, ob sie abtreiben wollen oder nicht. Im Gegensatz dazu hat Luisa González gegen die Freigabe Abtreibung gestimmt. In einem Interview mit der spanischen Zeitung „El País“ sagte sie: „Niemand hat behauptet, dass Feministin oder fortschrittlich zu sein bedeutet, Abtreibung zu befürworten. Ich respektiere die Meinung anderer Menschen, aber ich hoffe, dass sie respektieren, wie Luisa González denkt. In Ecuador ist der Schwangerschaftsabbruch, wenn es sich um eine Vergewaltigung handelt, bereits entkriminalisiert. Aber es kann nicht sein, dass das System dazu führt, dass man die Folge bekämpft und die Ursache völlig ungestraft lässt.“ Sie werde ihre Meinung dazu nie ändern. Sie würde sich jedoch der Mehrheit beugen: „Wir leben in einer Demokratie, und das ist es, was den Staat regieren muss.“

In der kurzen Amtszeit, die er für den scheidenden Präsidenten Guillermo Lasso absolvieren muss – sie beginnt am 25. November 2023 und endet am 24. Mai 2025 – wird Noboa drängende und komplexe Probleme lösen müssen. Die tödlichen Schüsse auf Fernando Villavicencio mitten in Quito haben nun schmerzlich deutlich gemacht, dass Ecuador längst ins Zentrum blutiger Stellvertreterkriege der Kartelle gerückt ist, deren Macht sich von Mexiko aus bis in den Süden des Kontinents ausgeweitet hat. Denn Ecuador liegt strategisch günstig zwischen den beiden größten Kokainproduzenten der Welt, Kolumbien und Peru. Dass Daniel Noboa im Wahlkampf mit einer kugelsicheren Weste auftrat, spricht Bände.

Dazu kommen insbesondere die Frage der Beschäftigung und der Eingliederung junger Menschen in den Arbeitsmarkt sowie im Allgemeinen die Armutsbekämpfung: In Ecuador leben 14 Prozent der Menschen in Armut, 6,5 Prozent sogar in extremer Armut. In anderthalb Jahren wird Ecuador erneut zu den Wahlen gehen. So viel Zeit bleibt Noboa, um mit der Lösung der schweren Konflikte zu beginnen, die dieses Land in der Andengemeinschaft, zu der auch Kolumbien, Peru und Bolivien gehören, durchmacht.

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