Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Die Scheidung Orbáns von der EVP schadet beiden

Weder die Heiligsprechung noch die Dämonisierung Viktor Orbáns wird ihm gerecht. Durch seinen Bruch mit der Christdemokratie Europas verlieren beide ein notwendiges Korrektiv.
Victor Orban, Ungarns Regierungschef
Foto: Artur Barbarowski via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Viktor Orbán hat die Europaabgeordneten seiner FIDESZ-Partei aus der christdemokratischen EVP-Fraktion abgezogen.

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán hat die 12 Europaabgeordneten seiner FIDESZ-Partei aus der christdemokratischen EVP-Fraktion abgezogen. Er kehrt der weiterhin größten Fraktion des Europäischen Parlaments nicht ganz freiwillig den Rücken, sondern um einem Rauswurf zuvorzukommen. Jahrelang zog sich die Beziehungskrise zwischen der ungarischen FIDESZ und dem Rest der christdemokratischen Parteienfamilie EVP hin. Da gab es eifrige Sprengmeister, einen sauberen Schnitt fordernde Puristen, aber auch um Versöhnung bemühte Brückenbauer.

Narrative

Lesen Sie auch:

Wie bei fast jeder Scheidung gibt es auch bei dieser nun unterschiedliche Narrative. Europas Christdemokratie sei immer weiter nach links gerückt, vor allem wenn es um Ehe, Familie und Lebensschutz geht, sagen jene, die Orbán als heroischen Widerstandskämpfer gegen den gesellschaftlichen Verfall schätzen. Orbán regiere immer autokratischer, spalte mit seiner nationalpopulistischen Rhetorik sein Land und die EU, missachte europäische Spielregeln und untergrabe die Rechtsstaatlichkeit in Ungarn, sagen jene, die den Bruch viel früher ersehnten.

Teilwahrheiten

Beide Seiten beschreiben Teilwahrheiten: Ja, Europas Christdemokraten haben den Kampf gegen das Übel der Abtreibung längst aufgegeben, haben sich mit Homo-„Ehe“ und Sterbehilfe weitgehend abgefunden, sind heute weltanschaulich so plural, dass Orbán und andere Vertreter einer betont christlichen Gesellschaftspolitik am rechten Rand angesiedelt werden. Doch ja, die nationalistischen Töne Orbáns, seine offenkundige Allergie gegen Kritik und der Umgang seiner Regierung mit EU-Fördermitteln werfen durchaus Fragen auf.

Auseinandergelebt

Keine singuläre Frage und kein isoliertes Problem haben zum Bruch geführt. Man hat sich auseinandergelebt, und nun getrennt. Das ist doppelt zu bedauern: Weil es in der christdemokratischen EVP-Fraktion nun einen gesellschaftspolitischen Mahner weniger gibt, weil die größte Fraktion des Europäischen Parlaments damit nochmals nach links rückt, weil die sogenannten „traditionellen Werte“ im Gesetzgebungsverfahren der EU an Gewicht verlieren. Aber auch, weil Orbán mit der Einbettung in die christdemokratische Parteienfamilie ein wichtiges Korrektiv hatte, das ihm nun genommen wird. Und weil er sich ab sofort noch nationaler und EU-kritischer, noch härter und sturer positionieren muss, um im Konzert Europas gehört zu werden. Wie bei so vielen Scheidungen: Beide Seiten haben verloren, die EVP und Viktor Orbán.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier CDU Europäische Union Europäisches Parlament Scheidung Viktor Orbán

Weitere Artikel

Zwischen Ithaka und Washington: Patrick Deneen liest Homers Odyssee als Schlüssel zum amerikanischen Charakter – und zur Krise des Liberalismus. 
24.07.2026, 19 Uhr
Paul-Henri Campbell
Ministerpräsident Péter Magyar baut das politische System in Ungarn um. Seine Freunde nennen das Demokratisierung, seine Gegner warnen vor Autokratie.
24.07.2026, 17 Uhr
Sebastian Sasse
Zum Pessimismus „genetisch unfähig“: Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, ist 70 Jahre alt geworden.
10.06.2026, 10 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser