Kommentar um "5 vor 12"

Der katholische Verfassungspatriot

Bernhard Vogel ist das Musterbeispiel eines politisch engagierten Katholiken. Heute wird er 90 Jahre alt.
Bernhard Vogel wird 90 Jahre
Foto: IMAGO/Rolf Poss (www.imago-images.de) | Bernhard Vogel, der in seiner Jugend durch den „Bund Neudeutschland“ geprägt wurde, war Präsident des Katholikentages 1968 und später viele Jahre Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Er ist der einzige Politiker, der in zwei Bundesländern Ministerpräsident war. Aber nicht nur das macht Bernhard Vogel zu einer Ausnahmeerscheinung. Der Christdemokrat ist nämlich nicht nur politischer Praktiker, sondern gehört auch zu denen, die immer wieder reflektiert haben, was den Kern der politischen Kultur der Bundesrepublik ausmacht.

Geleitet vom Verfassungspatriotismus

Geprägt wurde Vogel dabei durch seinen Lehrer Dolf Sternberger, eine jener großen Gründergestalten der Politikwissenschaft in der Nachkriegszeit, die ihre Disziplin als  „Demokratiewissenschaft“ unmittelbar in den Dienst des Aufbaus der zweiten deutschen Republik gestellt haben. Bekannt ist Sternberger durch eine Wortschöpfung geworden: Verfassungspatriotismus. Um zu verstehen, wie diese Grundhaltung auch Vogel in seinem politischen Leben geleitet hat, muss man sich aber zunächst klar machen, was Sternberger eigentlich damit gemeint hat. Sein Konzept ist nämlich oft verzerrt dargestellt worden. 

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Sternberger wollte keinesfalls einen Gegenentwurf zu der klassischen Form des Patriotismus vorlegen. Ihm ging es um Ergänzung: Die Verfassung und die auf ihr basierende freiheitlich-demokratische Grundordnung sollte mit aufgenommen werden in den Schatz der kulturellen und historisch gewachsenen kulturellen Grundwerte, die für deutsche Patrioten zur Richtschnur werden. Das Bekenntnis zu unserer Verfassung sollte Teil unserer politisch-kulturellen Identität werden, aber dabei nicht andere Identitätsquellen überlagern, sondern eben lediglich ergänzen. Bernhard Vogel hat in seinem politischen Leben gezeigt, was das praktisch bedeutet. 

Ähnlich wie Sternberger steht er damit in einer langen Tradition, die bis in das antike Griechenland zurückreicht, konkret: bis zu Aristoteles. Die Tugend, so hat der Philosoph definiert, findet sich immer als Mitte zwischen zwei Extremen. Mut beispielsweise grenzt sich dann von Tollkühnheit auf der einen und Feigheit auf der anderen Seite ab. Bernhard Vogel ging es immer darum, das rechte Maß zu finden. Nicht zu polemisieren, zu verletzten, gleichzeitig aber trotzdem klar und verständlich Position zu beziehen.

Er nahm die Sorgen der Menschen ernst

Vogel zeigte durch sein Beispiel, was es für ihn heißt, ein Verfassungspatriot zu sein: sich in den Mühen der Ebene der konkreten Politik genau an diesem Leitbild des Maßes zu orientieren und so insgesamt unsere Grundordnung zu stabilisieren. Besonders als Ministerpräsident in Thüringen konnte er zeigen, was das bedeutet. Kurz nach der Wiedervereinigung befand sich das Land wie so viele neue Bundesländer in einer schwierigen Situation. Die erste Euphorie nach der Vereinigung war verflogen, an manchen Stellen kam so etwas wie eine latente Ostalgie auf.

Vogel schaffte es, einerseits die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, ihre Probleme in der für sie immer noch neuen Gesellschaftsordnung zu verstehen, ohne jedoch gleichzeitig irgendwelchen ostalgisches Gefühlen nachzugeben. Die deutsche Wiedervereinigung war und ist für ihn das größte Glück der jüngsten deutschen Geschichte. So wurde er zum allseits respektierten und verehrten Landesvater, der Thüringen neben Sachsen zum „Musterländle“ unter den neuen deutschen Bundesländern machte. 

Die Kirche in ihrer Verfasstheit steht nicht zur Disposition

Daneben ist Bernhard Vogel, wie vielleicht sonst nur Hans Maier, in der deutschen Öffentlichkeit auch zum Musterbild eines politisch engagierten Katholiken geworden. Vogel, der in seiner Jugend durch den „Bund Neudeutschland“ geprägt wurde, war Präsident des Katholikentages 1968 und später viele Jahre Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Gewiss, Vogel, der in der Würzburger Synode mitarbeitete, gehörte zu den Reformern. Aber in gewisser Weise zeigt sich auch hier sein Verfassungspatriotismus, nur eben auf die Kirche bezogen. Bei allem Willen nach Veränderungen stand doch für Vogel immer fest: Die Kirche in ihrer Verfasstheit steht nicht zur Disposition. Das markiert den Unterschied zu den Reformern der Gegenwart. Heute wird der katholische Verfassungspatriot Bernhard Vogel 90 Jahre alt.  

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