Deutscher Katholizismus

Ins Abseits gedrängelt

Der deutsche Katholizismus ist gelähmt. Er spielt in gesellschaftlichen Debatten kaum noch eine Rolle. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt die Bischöfe.
Katholikentag Ulm - Eröffnung
Foto: Alexander Rüsche (dpa) | Der deutsche Katholizismus stirbt nicht, aber er ist gelähmt und an dieser Lähmung sind die deutschen Bischöfe nicht unschuldig.

Stirbt der Katholizismus in Deutschland? Die Frage mag töricht erscheinen, ist der Kirche doch verheißen, dass sie nicht untergehen wird. Gewiss, die Kirche lebt von der Verheißung Jesu, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (Mt 16,18). Aber die Kirche ist nicht identisch mit dem Katholizismus. Der Katholizismus ist ein zeitlich bedingtes, sich also immer wieder veränderndes Gebilde aus Institutionen, Verbänden, Medien und Aktivitäten, in denen Katholiken in einer säkularen Gesellschaft ihren Glauben bezeugen und das öffentliche Leben zu gestalten versuchen. Er setzt die Trennung von Kirche und Staat und eine Verfassungsordnung voraus, in der die Grundrechte der Religions-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit garantiert sind.

Kein Problem, sich an Rom zu orientieren

In der Mitte des 19.Jahrhunderts nahm der Katholizismus in Deutschland Gestalt an. Die Katholiken nutzten die bürgerlichen Freiheitsrechte der März-Revolution, um sich in den "Piusvereinen" zusammenzuschließen, Publikationen zu veröffentlichen und die Politik zu beeinflussen. Schon der Name "Piusverein" zeigt, dass der Katholizismus in Deutschland kein Problem damit hatte, sich an Rom zu orientieren. Das gilt auch für die 1848 beginnenden Katholikentage und das 1868 gegründete Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Weit über ein Jahrhundert hatte der Katholizismus Einfluss auf die Gestaltung der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung. Der Widerstand im Kulturkampf der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zeigt ebenso seine Handschrift wie die sozialstaatlichen Gesetze und Institutionen der Weimarer Republik und das Grundgesetz der Bundesrepublik mit seinen Grundrechten sowie seiner demokratischen, föderalen und sozialstaatlichen Ordnung. Auch die Politik der Adenauer-Ära mit der Ablehnung des Kommunismus, der Westbindung und der Gründung der Europäischen Union wurde durch ihn geprägt.

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Weit über die Adenauer-Ära hinaus war das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Zusammenschluss der im Laienapostolat tätigen katholischen Kräfte das Gesicht des Katholizismus in Deutschland. Seine Texte zu politischen Fragen, wie die Thesen gegen den Missbrauch der Demokratie, zu den ethischen Grundlagen der Außen- und Sicherheitspolitik, zum Widerstandsrecht in demokratischen Staaten, zur Zukunft der europäischen Integration oder zur Wiedervereinigung fanden auch in der öffentlichen Debatte Widerhall. Allein zwischen 1979 und 1995 veröffentlichte das Zentralkomitee 39 Erklärungen zu Politik, Staat, Verfassung und Recht. (Hans Buchheim und Felix Raabe haben sie 1997 in 3. Auflage als Textsammlung im Verlag Schöningh herausgegeben).

Was ist aus diesem Zentralkomitee geworden?

Was ist aus diesem Zentralkomitee geworden? Warum spielt es in der gesellschaftlichen Debatte schon seit rund 20 Jahren kaum noch eine Rolle? Weil nicht mehr die Politik sein Adressat ist, sondern die Kirche. Es versteht sich nicht mehr als Scharnier zwischen Kirche und Gesellschaft,
sondern als Antriebsmotor für innerkirchliche Reformen. Das begann nicht erst mit den nach der Wiedervereinigung notwendig gewordenen Reformen des Abtreibungsstrafrechts, in deren Gefolge der deutsche Katholizismus seine Aufgabe nicht mehr darin sah, die katholische Lehre über die Abtreibung gegen den deutschen Gesetzgeber, sondern die Reform des deutschen Abtreibungsstrafrechts gegen Rom zu verteidigen. Schon 1993 erregte ein Papier des Zentralkomitees mit dem Titel "Dialog statt Dialogverweigerung. Wie in der Kirche miteinander umgehen?" Erstaunen, weil die Autoren, vornehmlich Pastoraltheologen, darin gegen einen imaginären Klerikalismus zu Felde zogen und einen neuen Dialog zwischen Klerus und Laien forderten. Dabei war der Dialog in den Jahrzehnten davor unter den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Julius Kardinal Döpfner, Joseph Kardinal Höffner und Bischof Karl Lehmann sowie den Präsidenten des Zentralkomitees Albrecht Beckel, Bernhard Vogel und Hans Maier immer ein Dialog auf Augenhöhe, der auch die Würzburger Synode prägte.

Der Streit um den Beratungsschein in der Schwangerschaftskonfliktberatung und die Gründung des Vereins Donum Vitae 1999, der fortfährt, den von den Bischöfen zunächst ausgestellten und von Johannes Paul II. im Oktober 1999 verbotenen Beratungsschein auszustellen und so den Weg zu einer Abtreibung zu ebnen, machten die Umkehrung der Fronten manifest. Der Synodale Weg zementiert die Umkehrung der Fronten. Das Zentralkomitee trägt seine Reformagenda im Hinblick auf die kirchlichen Leitungsstrukturen, den priesterlichen Zölibat, die Weihe von Frauen und die Sexualmoral der Kirche mit. Die Absicht, einen Synodalrat zu errichten, sei, so die Präsidentin des Zentralkomitees Irme Stetter-Karp in einem Interview mit der Herder-Korrespondenz im Mai 2022, "extrem wichtig", um der "Synodalität" Dauer zu verleihen und "als Laien zusammen mit den Bischöfen die katholische Kirche in Deutschland zu verantworten". Für die politischen Herausforderungen, die die Ampel-Regierung mit sich bringt, bleibt da nicht mehr viel Platz. Stetter-Karp gesteht selbst, dass der Katholizismus im politischen System "nicht mehr so selbstverständlich verortet ist wie vor Jahren". Mit dem Synodalrat, einem Leitungsgremium für die deutsche Nationalkirche, wird die Einheit mit der Weltkirche gefährdet und der Konflikt mit Rom programmiert.

Der deutsche Katholizismus stirbt nicht, er ist gelähmt

Der deutsche Katholizismus stirbt nicht, aber er ist gelähmt und an dieser Lähmung sind die deutschen Bischöfe nicht unschuldig. Sowohl bei der Beteiligung am Synodalen Weg als auch bei der Gründung des Vereins "Donum Vitae" haben sie das Zentralkomitee gedrängt, Wege zu beschreiten, die in Sackgassen enden. Am Synodalen Weg hat sich das Zentralkomitee, so Stetter-Karp in ihrem Interview mit der "Herder-Korrespondenz", "auf ausdrückliches Drängen der Deutschen Bischofskonferenz beteiligt". Der Drängler war Reinhard Kardinal Marx. Und was die Beratungsregelung der Reformen des   218 StGB 1992 und 1995 betrifft, so antwortete Rita Waschbüsch als Präsidentin des Zentralkomitees auf die Frage des Verfassers, warum sie den Beratungsschein, den sie 1992 noch als "Perversion" ablehnte, später für gut befunden habe: Was hätten wir denn machen sollen, nachdem die Bischöfe ihn akzeptiert hatten und die kirchlichen Beratungsstellen ihn weiterhin ausstellten. "Drängler" in diesem Fall war Bischof Karl Lehmann.

Was hätten sie machen sollen? Dem bischöflichen Drängen widerstehen, wie Konrad Adenauer beim Katholikentag 1922 in München, als er der Kritik von Michael Kardinal Faulhaber an der in einer Revolution entstandenen Weimarer Republik widersprach und die Demokratie verteidigte. Die Lähmung des deutschen Katholizismus lässt sich weder durch einen Katholikentag noch durch den Umzug des Zentralkomitees nach Berlin noch durch den Synodalen Weg beheben. Sie lässt sich nur beheben, indem der Katholizismus zusammen mit den Bischöfen die Kritik der amerikanischen, polnischen und skandinavischen Bischöfe am Synodalen Weg ernst nimmt, das Motto des Katholikentags in Stuttgart "Leben teilen" auf die Weltkirche ausdehnt und sich auch wieder in die Einheit mit Rom einfügt.


Der Autor ist Sozialwissenschaftler und lehrte Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück.

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