Nein, im Kanzleramt sitzt kein emotionaler Eisklotz. Friedrich Merz zeigt immer wieder, dass er durchaus angerührt werden kann. Da war sein Tränenausbruch bei der Wiedereröffnung der Münchner Synagoge. Und auch gestern, bei seinem Statement zum CSD-Anschlag in Berlin, hat jeder gemerkt, wie sehr er mit sich kämpfen musste.
In solchen Ausnahmesituationen scheint es aus dem Menschen Merz geradezu herauszubrechen. Merz, der ja gemeinhin als guter Rhetoriker gilt, zeigt seine Gefühle körperlich, während er sprachlich eher im Formelhaften bleibt. Seine emotionalen Ausbrüche fallen jedoch gerade deswegen so sehr auf, weil sie die große Ausnahme sind. Merz ist keine Claudia Roth, die alles um sich herum umarmt und deren Sprache vor Gefühligkeit nur so trieft. Ja, er ist gerade als Gegentypus zu solchen Politikern an die Macht gekommen. Ein Mann, der sagt, was er denkt. Kühl, analytisch scharf und kontrovers. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Schärfe allein macht noch keine gute Analyse aus
Die Merz-Diktion stand dabei auch als Modell gegen die Rhetorik der Raute. Auch Angela Merkel war sicher kein Ausbund an Emotionalität. Ihre floskelhaften Wendungen – Liebhaber würden wohl von vorsichtigen und diplomatischen Formulierungen sprechen –, verströmten eine ganz eigene Kühle. Es war aber eine Kühle ohne Leidenschaft. Merz schien genau diese Leidenschaft mitzubringen. Seine Fans, die für ihn bei der Wahl zum CDU-Vorsitz die Trommel rührten, liebten diesen Sound.
Nur jetzt zeigt sich: Schärfe tut klugen Analysen gut. Aber Schärfe allein macht noch keine gute Analyse aus. Merz ist immer mehr zu einem Sprücheklopfer geworden. Er weicht dem Fettnapf nicht aus, sondern steuert direkt darauf zu und haut dann einen raus, dass es nur so spritzt. So war es bei den Zahnbehandlungen für Ukrainer, in der Stadtbild-Debatte oder seinen abfälligen Bemerkungen zur brasilianischen Stadt Belém. Das Ganze wirkt nass-forsch, nicht staatsmännisch. Man kennt eine solche Verhaltensweise von ambitionierten Erstchargierten in Studentenverbindungen, die besonders schneidig wirken wollen und deswegen bei jeder Gelegenheit rhetorisch die Hosenträger knallen lassen.
Merz muss an den Fettnäpfchen vorbeigelotst werden
Eine Forschheit anderer Art war Merz‘ Umgang mit seinem Verkehrsminister Patrick Schnieder. Erst erklärte er ihm, ihn entlassen zu wollen, dann zog der potenzielle Nachfolger zurück. Schnieder machte schließlich dem unwürdigen Schauspiel ein Ende, indem er nun selbst um seine Entlassung bat.
Vielleicht würde das Kabinett tatsächlich einen neuen Experten für Verkehr brauchen. Aber für den persönlichen Verkehr der Beteiligten untereinander, also für den gesellschaftlichen Umgang. Eine Aufgabe, die auf die neue Kanzleramtsministerin Nina Warken zukommt. Vielleicht gelingt es ihr ja, den Kanzler ab und an auf eine Umleitung zu lotsen, die ihn an einem Fettnapf vorbeiführt, wenn er mal wieder schneidig wirken will.
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