Kommentar um „5 vor 12“

Bosniens Serben spielen mit dem Feuer

Bosnien in Auflösung. Die ersten Opfer des Staatszerfalls wären die Katholiken auf dem Balkan. Der Kreml spielt auf dem Balkan mit.
Milorad Dodik
Foto: Darko Vojinovic (AP) | Milorad Dodik drängt auf eine Auflösung Bosnien-Herzegowinas und Vereinigung seines Landesteils mit Serbien. Ein Spiel mit dem Feuer.

Bosnien-Herzegowina befindet sich in seiner schwersten existenziellen Krise seit dem Ende der Balkankriege vor 26 Jahren. Es ist der Hohe Beauftragte der internationalen Staatengemeinschaft, Christian Schmidt, der jetzt so Alarm schlägt. Er benennt auch die Verantwortlichen für den drohenden Staatszerfall Bosnien-Herzegowinas: Es sind die Abspaltungstendenzen der bosnischen Serbenrepublik (Republika Srpska) und die Patronage des Kreml für die Serben in Bosnien, die den Gesamtstaat gefährden.

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Mögliche Eskalation

Tatsächlich drängt der Führer der bosnischen Serben, Milorad Dodik, seit Jahren auf eine Auflösung Bosnien-Herzegowinas und die Vereinigung der von ihm kontrollierten Landeshälfte mit dem serbischen Staat. Spätestens die Erfahrung der frühen 1990er Jahre jedoch beweist, dass eine Verschiebung der Grenzen auf dem Balkan zu einer dramatischen Eskalation, ja zu Kriegen führen kann. Damals hat der großserbische Traum von Slobodan Milosevic Südosteuropa in Kriege, Vertreibungen und „ethnische Säuberungen“ geführt.

Gefahr für den Frieden

Milorad Dodik steht in dieser Tradition. Er leugnet den Genozid, der 1995 geschah, boykottiert die Stabilisierung Bosnien-Herzegowinas und zielt auf eine staatliche Neuordnung nach ethnischen Kriterien, die nur gewaltsam erreicht werden kann. Dodik ist eine Gefahr für den Frieden in Europa – und Putin ist sein Pate auf der weltpolitischen Bühne.

Bürger zweiter Klasse

Die ersten, aber nicht die einzigen Opfer dieses dramatischen Spiels mit dem Feuer wären die Katholiken Bosnien-Herzegowinas. Als kleinste seiner Volksgruppen sind sie zugleich das schwächste Element: Schon jetzt ist eine Landeshälfte serbisch dominiert, die andere muslimisch. In der serbischen Hälfte werden Katholiken als Bürger zweiter Klasse behandelt, in der muslimischen droht eine solche Entwicklung. Zwischen den politischen Stühlen sitzend, wählen viele Katholiken den Weg in die Emigration. Als einzige Volksgruppe scheinen sie keine weltpolitische Lobby zu besitzen, dabei wären gerade sie das friedensstiftende und stabilitätsfördernde Element auf dem Balkan.

Lesen Sie einen ausführlichen Hintergrund zu Krise in Bosnien-Herzegowina am kommenden Donnerstag in Ihrer „Tagespost“.

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