Kommentar: Bosnien braucht Wunder

Eine Papstaudienz ist weder Ritterschlag noch Seligsprechung. Der Papst empfängt Staatschefs nicht nach Verdienst und Tugendgrad. Mitunter muss er sich die Hände schmutzig machen, wenn er ins Getriebe der Weltpolitik eingreift. So vor wenigen Tagen, als Franziskus Milorad Dodik, den serbischen Vertreter im Staatspräsidium Bosnien-Herzegowinas, im Vatikan empfing. Dodik gehört zu jenen Nationalisten, die bedauern, dass die Kriegsverbrecher Karadžic und Mladic ihr blutiges Werk der ethnischen Säuberung nicht vollenden konnten. Als Präsident der Republika Srpska hat er jahrelang dafür gesorgt, dass die aus ihrer Heimat gewaltsam vertriebenen Katholiken Nord-Bosniens bis heute nicht nach Hause zurückkehren können, dass sie weder ihre alten Häuser noch neue Jobs, weder Entschädigung für erlittenes Unrecht noch eine Zukunftschance erhalten.

In seinem früheren wie in seinem aktuellen Amt sorgt Dodik dafür, dass Bosnien-Herzegowina kein normaler, funktionierender Rechtsstaat wird. Denn Dodiks Loyalität gilt nicht dem multiethnischen, multikonfessionellen Bosnien-Herzegowina, sondern der rassistischen Idee eines ethnisch homogenen Groß-Serbien. Nie hat er einen Hehl daraus gemacht, dass er mit Moskaus Segen und Belgrads Hilfe den Anschluss eines möglichst großen Teils von Bosnien an Serbien anstrebt. Dass die katholische Kirche, die Karadžic und seine Erben ausradieren wollten, auch im serbischen Landesteil Bosniens nicht untergegangen ist, verdankt die Christenheit einem tapferen Bekenner-Bischof unserer Zeit: dem heroischen Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica. Ihm ist es auch zuzurechnen, dass die Weltkirche zu jeder Zeit über das Unrecht informiert war, das im Machtbereich der großserbischen Ideologen geschah. Kein Zweifel, dass der Papst Milorad Dodik im Gespräch so manches sagte, das sich im diplomatischen Kommuniqué des Vatikans nicht wiederfindet. Sollte Franziskus gelingen, was der Weltpolitik nie gelang, nämlich eine Kursänderung in Richtung auf mehr Gerechtigkeit und Versöhnung in Bosnien, dann wäre das allerdings nicht weniger als ein Wunder.

Themen & Autoren
Bischöfe Christen Katholische Kirche Katholizismus Nationalisten Päpste

Weitere Artikel

Wolfgang Schäuble, der jüngst seinen 80. Geburtstag feierte, ist kein Ideologe. In der intellektuellen Durchdringung der politischen Lage findet er sein Leistungsglück.
21.09.2022, 17 Uhr
Sebastian Sasse
Wie das christliche Ostafrika ins Abendland kam: Abba Gorgoryos, Hiob Ludolf und die Anfänge der europäischen Äthiopistik. 
31.05.2022, 19 Uhr
Alfred Schlicht

Kirche

Durch die emotionalisierte Insnzenierung von einem Opfer und einem Täter, der sich entschuldigen soll, wird ein notwendiger Disput im Keim erstickt: der über das Verständnis der Offenbarung.
05.10.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Ein Gespräch mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg, die Beratungen der Bischöfe in Fulda, den bevorstehenden Ad-limina-Besuch in Rom und die Anerkennung der ...
05.10.2022, 17 Uhr
Regina Einig
Das Projekt des Erzbistum München und Freising hat den Anspruch „die Anliegen queerer Katholikinnen und Katholiken besser zu berücksichtigen sowie Austausch und Beratung für Menschen aus der ...
05.10.2022, 18 Uhr
Meldung
Die neue Ausgabe ist fertig. Zahlreiche spannende und interessante Berichte, Hintergründe, Reportagen und Kommentare warten auf den Leser.
05.10.2022, 16 Uhr