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Böses Beten: Zur falschen Zeit am falschen Ort

"Sex-Pistol"-Frontman Johnny Rotten regte mit einem Song zum Nachdenken an. Heute darf man nicht einmal mehr im Kopf das "Falsche" beten. In England wurde Gebet von Lebensschützern zum Kriminalfall.
Sex-Pistols: John Lydon
Foto: Ian West (PA Wire) | Mit seinem Song „Bodies“, der die Geschichte einer Frau erzählt, die unter den Folgen einer Abtreibung leidet, wollte Johnny Rotten , Frontman der "Sex pistols" zum Nachdenken anregen.

Es gab mal eine Zeit, in der Punkrock noch nicht von der Musikindustrie aufgekauft, kommerzialisiert, gezähmt, glattgebügelt und nach den Maßstäben zeitgemäßer politischer Korrektheit neu eingekleidet wurde. Eine der Ur-Väter des Punk ist eine Chaoten-Truppe aus London, die sich „The Sex Pistols“ nannte und Ende der siebziger Jahre unter hohem persönlichen Einsatz politische und gesellschaftliche Missstände anprangerte.

Songs sollen zum Nachdenken anregen

Neben jenen Songs, die sich vor allem gegen die britische Krone richteten („God Save the Queen“, „Anarchy in the UK“), sticht auch das Lied „Bodies“ aus dem Schaffenswerk der Band heraus. „She was a girl from Birmingham, she just had an abortion”, singt, nein, plärrt Johnny Rotten, der Sänger der Band, gleich in der ersten Zeile und erzählt die Geschichte von Pauline, einer jungen Frau aus der britischen Stadt Birmingham, die unter den Folgen einer Abtreibung leidet. „Ich bin kein Tier, Mummy“, heißt es im Refrain, „Ich bin eine Abtreibung, ein pochendes Gezappel, ein gurgelndes blutiges Durcheinander.“ „Es ist weder ein Anti-Abtreibungssong, noch ein Pro-Abtreibungssong“, sagte Johnny Rotten später, „er soll zum Nachdenken anregen.“

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In Birmingham steht heute eine Abtreibungsklinik. Anfang Dezember des letzten Jahres wurde dort die Britin Isabel Vaughan-Spruce verhaftet, die es gewagt hatte, sich dort in der Nähe aufzuhalten und schweigend zu beten. Ein Passant hatte daraufhin die Polizei informiert. Videoaufnahmen zeigten, wie sie von Beamten gefragt wurde, ob sie bete. „Ich bete vielleicht in meinem Kopf“, entgegnete die Lebensschützerin und wurde daraufhin festgenommen.

„Jeder hat das Recht, im Kopf zu beten“

„Ich bete für meine Freundinnen, die abgetrieben haben, und für Frauen, die darüber nachdenken, abzutreiben", sagte Vaughan-Spruce später, die sich außerdem für den britischen „March for Life“ engagiert. Gemeinsam mit dem Priester Sean Gough, der zwei Monate später am 9. Februar mit einem Schild mit der Aufschrift „Ich bete für die Redefreiheit“ vor derselben Klinik ebenfalls festgenommen wurde, musste sie am 16. Februar 2023 in Birmingham vor Gericht erscheinen.

Beide waren angeklagt, gegen Verordnungen zum „Schutz des öffentlichen Raums“ verstoßen zu haben. Diese Verordnungen sollen „unsoziales Verhalten“ verhindern. Konkret bedeutet das: Behörden haben die Möglichkeit, in gekennzeichneten Gebieten gegen Gebetswachen vorzugehen, aber auch die Nutzung von Weihwasser, Kreuzzeichen oder das Rezitieren der Bibel zu unterbinden. „Jeder hat das Recht, im Kopf zu beten“, betonte Gough.

"Gutes Beten" und "Böses Beten"?

Vor Gericht wurden die Anklagen schließlich fallen gelassen. Es gäbe nicht genügend Beweise, hieß es. Ein Grund zum Jubeln? Jeremiah Igunnubole, der die Beklagten vor Gericht vertrat, warf der britischen Kommunalregierung vor, eine Form von Zensur ausüben zu wollen und klagte: „Hätten Isabel oder Father Sean an der gleichen Stelle gestanden und andere Gedanken gedacht, wären sie wahrscheinlich nicht verhaftet worden.“

Der Fall zeigt, dass es mittlerweile „gutes Beten“ und „böses Beten“ gibt. Während Politiker bei Terroranschlägen und Umweltkatastrophen ungeniert ihre „thoughts and prayers“, ihre „Gedanken und Gebete“ an die Angehörigen rausschicken, kann Gebet zur falschen Zeit am falschen Ort allerdings auch zum Kriminalfall werden. Auch dann, wenn es „nur im Kopf“ passiert. In Birmingham ging es gerade noch einmal gut aus. Doch wer weiß, was passiert, wenn es eines Tages „Beweise“ für derartige „Gedankenverbrechen“ geben sollte? Doch schon jetzt ist klar: „Beten im Kopf“ ist gefährlich. Aber auch ein bisschen Punk.

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Rudolf Gehrig Zeitenwende

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