Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Biden fordert Putin heraus

Kein Deal, kein Augenzwinkern: Die neue US-Außenpolitik beansprucht eine globale Führungsrolle.
Biden und Putin in Moskau im Jahr 2011.
Foto: Maxim Shipenkov (EPA) | Ein Bild aus einer anderen Zeit: Joe Biden zu Besuch in Moskau im Jahr 2011.

Die Logik ist bekannt: Wenn der Neue in der Klasse sich zum Wortführer aufschwingen will, muss er spätestens am zweiten Tag mit Kennerblick den Stärksten identifizieren, ihn am Schulhof vor maximalem Publikum brutal anrempeln und ihm lautstark Prügel androhen. Was dann folgt, entscheidet über die künftige Rangordnung.

Lesen Sie auch:

Biden: Putin wird einen Preis bezahlen

Genauso ist US-Präsident Joe Biden vorgegangen, als er am Mittwoch bestätigte, er halte den russischen Präsidenten für einen Mörder, und drohte, für die russische Einmischung in die jüngsten US-Wahlen werde Wladimir Putin „einen Preis bezahlen“. Das alles kommunizierte er nicht elegant auf diplomatischen Kanälen, sondern auf dem Schulhof der Weltpolitik – im Fernsehen.

Wer das als rhetorische Inkontinenz des ältesten US-Präsidenten aller Zeiten abtut, hat die Logik der Sache (siehe oben) nicht verstanden. Joe Biden hat ein Signal gesetzt. Die Botschaft lautet: Ab sofort spielt Washington weltpolitisch wieder die erste Geige. Kein Deal, kein Augenzwinkern. Wir definieren die Regeln.

Die EU setzt bislang nur Nadelstiche

Auch die Europäische Union hat ihre Illusionen über Wladimir Putin längst über Bord geworfen. Auch die EU sagt heute offen, was sie seit Jahren belegen kann: dass der Kreml mit massiven Desinformationskampagnen versucht, die Gesellschaften in Europa zu polarisieren und zu spalten, Wahlen und Referenden (etwa die Brexit-Abstimmung) zu beeinflussen – finanzielle Unterstützung für nationalistische Gruppen inklusive.

Aber die EU setzt bisher nur Nadelstiche gegen Putins Umfeld. Den Stärksten auf dem Schulhof öffentlich anzurempeln, das wagte sie bislang nicht. Jetzt kann sie nur dabei zusehen, wie Moskau auf Joe Bidens gezielte Provokation reagiert, und ob es zur großen Prügelei kommt. Niemand in Europa will einen neuen Kalten Krieg, aber die Einsicht wächst, dass dem machthungrigen Putin Grenzen gesetzt werden müssen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Joe Biden Russische Regierung USA - Außenpolitik Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Donald Trump hielt den Tyrannen im Kreml zu lange für Seinesgleichen. Das hat die Ukraine mit einem hohen Blutzoll bezahlt. Aber ist nun tatsächlich eine Wende in Sicht?
16.07.2025, 21 Uhr
Stephan Baier
Wladimir Putin muss an seinem Krieg festhalten, weil er den Russen keinen Sieg präsentieren kann, sagt der Politikwissenschaftler Jerzy Macków. Die EU sieht er als Profiteur des Kriegs.
20.11.2025, 07 Uhr
Stephan Baier
Der US-Präsident merkt, dass er den Kremlchef für keinen, auch keinen ungerechten Friedensdeal gewinnen kann. Und er ahnt die weltpolitischen Konsequenzen.
30.05.2025, 11 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Die Gebote sollen keine Überforderung sein, sondern ein Hilfe für die Christen, ihre eigene Berufung zu leben. Christsein ist schließlich kein Moralismus.
14.02.2026, 21 Uhr
Martin Grichting