Melbourne

Australischer Journalist: Pell könnte noch freigesprochen werden

Das Verfahren gegen den australischen Kardinal George Pell sei in der Öffentlichkeit sowie unter Juristen sehr umstritten, meint Anian Christoph Wimmer, Chefredakteur von „CNA deutsch“. Ein Berufungsverfahren könnte zu einem völlig gegenteiligen Urteil kommen.
George Pell für schuldig befunden
Foto: David Crosling (AAP) | „Es gibt ja auch keine forensischen Beweise, die angeführt wurden. Es gibt auch kein klares Verhaltensmuster eines Pädophilen bei Kardinal Pell“, so Wimmer.

Die Verurteilung des früheren vatikanischen Finanzchefs, Kardinal George Pell, wegen des sexuellen Missbrauchs zweier 13-Jähriger beschäftigt zur Zeit Katholiken in Australien und weltweit. Weiterhin herrschen Zweifel an der Schuld des Kardinals. Anian Christoph Wimmer, Chefredakteur der deutschen Ausgabe der „Catholic News Agency“ (CNA), bestätigt nun im Gespräch mit dem Kölner Domradio, dass Pell in einem Berufungsverfahren durchaus gute Chancen auf einen Freispruch eingeräumt werden.

Juristen sehen Chancen auf gegenteiliges Urteil

Mehrere australische Juristen, unter anderem von der prominente University of Melbourne, würden sich aus dem Fenster lehnen und sagen, dass das Urteil im Berufungsverfahren völlig gegenteilig ausfallen könnte. „Es gibt ja auch keine forensischen Beweise, die angeführt wurden. Es gibt auch kein klares Verhaltensmuster eines Pädophilen bei Kardinal Pell“, so Wimmer. Daher könne es nach Meinung einiger Experten passieren, dass Pell doch noch freigesprochen werde.

Das Verfahren selbst, meint Wimmer, der selbst australischer Staatsbürger ist, sei in der Öffentlichkeit des Landes und unter Juristen stark umstritten. Dies liege auch daran, dass die zweifelsfreie Schuld durch ein Geschworenengericht festgestellt wurde, nicht durch einen Richter. „Es ist nur im Bundesstaat Victoria überhaupt möglich, dass so ein prominenter Fall nicht von einem Richter entschieden wird.“ Zudem seien Zeugenaussagen unbestätigt.

Debatte um Pell in Australien weniger einseitig

Die Debatte um Kardinal Pell erlebt Wimmer weniger einseitig als in der weltweiten Öffentlichkeit, „wo die Schuldverhältnisse klar zu sein scheinen. Andererseits aber polarisiert der Fall unheimlich“.  Grundsätzlich sei zu spüren, dass viel mehr auf dem Spiel stehe als „nur“ ein Verfahren. „Hier geht es um Meinungsfreiheit, hier geht es um Gerechtigkeit, vor allem und letztlich natürlich um die Wahrheit.“

Im Gespräch mit dem Domradio geht Wimmer auch auf die Erwartungen der Öffentlichkeit bezüglich des Umgangs mit Pell von Seiten des Vatikan ein. Diese seien schwer vereinbar mit dem, was die Kongregation für die Glaubenslehre wirklich tun könne und werde. „Ich bin selber kein Kirchenrechtler, aber ich denke, dass ein Verfahren eingeleitet wird“, so Wimmer wörtlich. Pell drohe die Höchststrafe: „nämlich die Entlassung aus dem Klerikerstand“.

DT/mlu

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