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Die Borgia-Päpste: Im Griff der „Katalanen“

Teil 1 der Reihe über die Geschichte des berüchtigten Papst-Clans erzählt vom Aufstieg der Familie Borgia und dem Beginn der päpstlichen Vetternwirtschaft.
Papst Calixtus III
Foto: Wikipedia | Holte seinen Neffen Rodrigo nach Italien: Alonso de Borja (1378–1458) als Papst Calixt III.

Seit Goethes Faust jenen Ausspruch in seinem religionsphilosophischen Monolog gegenüber Gretchen äußerte, ist der Satz zum geflügelten Wort avanciert: „Name ist Schall und Rauch.“ Tatsächlich ist wohl das zugrunde liegende Wesen einer Sache oder einer Person wichtiger als der Name. Und doch sind Namen nicht immer nur Schall und Rauch. So überdauern die Namen großer Künstler wie Michelangelo oder Leonardo da Vinci genauso die Jahrhunderte wie die Namen der größten Tyrannen und Verbrecher. Selbst in der Kirchengeschichte liegen hinsichtlich berühmter Namen Licht und Schatten eng beieinander. Hildegard von Bingen oder Franz von Assisi durchziehen als prägende Lichtgestalten des Glaubens die Jahrhunderte. Und doch existieren auch in kirchlichen Kontexten Namen, die mit einem Makel behaftet sind und trotzdem – oder gerade deshalb – aus dem Gedächtnis der Menschheit niemals gestrichen werden.

"Borgia" – eine Name für Machtgier, Mord und Inzest

Ein solcher Name, der auf Anhieb mit wenig schmeichelhaften Attributen belegt ist, ist der Name Borgia (span. Borja), steht er doch stellvertretend für eine Zeit und Epoche, die mit einem moralischen Verfall und Niedergang des Papstamtes in nie dagewesenem Ausmaß einhergeht. Nepotismus, Machtgier, Mord und Inzest sind die Begriffe, die mit dem katalanischen Adelsgeschlecht in Zusammenhang gebracht werden, aus dem immerhin zwei Päpste hervorgegangen sind. Dabei lässt sich der angesprochene moralische Verfall des Papsttums keineswegs aus der Zeit erklären; er hängt vielmehr tatsächlich mit den Mitgliedern der genannten Familie zusammen. Denn der erste Papst, der aus dem Geschlecht der Borgias hervorging, war im Jahre 1455 Calixt III., dessen unmittelbarer Vorgänger im Amt der erste Humanist auf dem Stuhl Petri gewesen war: Nikolaus V. So stellt sich folglich die Frage, wie innerhalb weniger Jahrzehnte das Ansehen des Papsttums derart leiden konnte, dass die genannte dunkle Epoche der Kirchengeschichte auch über fünfhundert Jahre später noch Stoff für zahlreiche Filme und Serien gibt.

Tatsächlich kann der Aufstieg der Borgias erst im weiteren Verlauf mit Vetternwirtschaft und gnadenloser Machtgier erklärt werden, entstammte die Familie doch zunächst eher dem niederen spanischen Landadel. Von dort jedoch gelang Alonso de Borja – dem späteren Calixt III. – ein Aufstieg, der ihn bis an die Spitze der katholischen Kirche führte. Die Grundlage für diesen Aufstieg lag dabei nicht in unmoralischem Verhalten, sondern in einer ausgesprochenen Expertise in kirchenrechtlichen Fragen.

Alonso de Borja: Vom Kirchenrechtler zum Papst

Der im Jahre 1378 geborene Alonso hatte Kirchenrecht an der Universität von Lérida (Lleida) in Spanien studiert und selbst gelehrt. Sodann hatte er in Diensten König Alfons‘ V. von Aragón-Neapel gestanden und für ihn als versierter Kenner des kanonischen Rechts Verhandlungen mit der Kurie in Rom geführt. Hierbei kamen seinem beruflichen Aufstieg neben dem ausgezeichneten Ruf als Jurist sicherlich auch die zeitlichen Umstände zu Hilfe, handelte es sich doch um eine Zeit, in der nicht nur ein Papst unangefochten an der Spitze der katholischen Kirche stand, sondern in der mehrere Gegenpäpste ihre Ansprüche geltend machten. Diplomatisches Geschick, wie Alonso de Borja es unbestritten besaß, konnte dabei sehr schnell den Weg zu höheren Weihen ebnen.

Tatsächlich gelang es ihm im Dienst von König Alfons V., eine Annäherung zwischen dem Königreich Aragón-Neapel und dem Kirchenstaat herbeizuführen, in deren Zuge der König seine Unterstützung für die Gegenpäpste Clemens VIII. und Benedikt XIII. aufgab und das Große Schisma beendet wurde. Alonsos diplomatisches Geschick hatte für ihn selbst unmittelbare Folgen, die der Kirchenhistoriker Georg Schwaiger kurz und knapp auf den Punkt bringt: „Zum Dank verlieh ihm der König das Bistum Valencia. Weil er den König von der Partei des Restkonzils in Basel trennte, ernannte ihn Eugen IV. zum Kardinal (1444).“ Und nicht nur das: Er wechselte an die Kurie, „geschätzt ob seiner Rechtskenntnis, diplomatischen Erfahrung und schlichten Lebensführung“. Mit anderen Worten: Alonso de Borja brachte alles mit, was einen würdigen Papst auszeichnete. Daher verwundert es nicht, dass er nach dem Tod von Eugens Nachfolger Niklaus V., der ähnliche Qualitäten in das Papstamt mitgebracht hatte, tatsächlich zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde.

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Als Papst übernahm er sodann das politische Erbe seines Vorgängers und damit die Aufgabe, an der der schwerkranke Nikolaus V. gescheitert war: den Kreuzzug gegen die Türken. Denn diese hatten Konstantinopel am 29. Mai 1453 erobert. Ähnlich wie sein Vorgänger aber sollte Calixt III. rasch feststellen, dass auch er ohne politische Unterstützung nicht in der Lage war, die einstige Hauptstadt des römischen Reiches zurückzuerobern. Dazu schreibt Schwaiger: „Seine stürmische Begeisterung stieß bei den Fürsten auf Gleichgültigkeit und Ablehnung […]. Die aufstrebenden Nationalstaaten ließen sich zu keinem gemeinsamen Vorgehen mehr bewegen, die päpstlichen Mittel und Rüstungen allein waren zu schwach.“

Der Krieg gegen die Türken und das Mittagsläuten 

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auf diese Zeit und diesen Papst das immer noch übliche Mittagsläuten der Kirchenglocken zurückgeht. Denn dieses wurde von Calixt III. am 29. Juni 1456 in einer Bulle angeordnet, damit es die Gläubigen an ihr Gebet für einen Sieg der Ungarn über die Osmanen erinnern sollte. Wenngleich Konstantinopel trotz päpstlicher Versuche nicht zurückerobert werden konnte, blieb doch das Mittagsläuten bis in die Gegenwart erhalten.
Und noch etwas ist zu Calixt III. zu sagen: Anders als sein Vorgänger Nikolaus V. knüpfte der Papst aus dem Hause Borgia nicht an den Humanismus seines Vorgängers an, was sich in einer deutlich geringeren Förderung von Kunst und Wissenschaft während seines Pontifikates niederschlug.

Alle diese Informationen über den ersten Borgia-Papst zeugen folglich von einem bei seiner Wahl zwar hochbetagten – er wurde erst mit 76 Jahren zum Papst gewählt –, aber integren und würdigen Nachfolger des Apostels Petrus. Anders als zahlreiche Würdenträger seiner Zeit zeichnete er sich sogar als besonders tugendhaft aus, was seine Enthaltsamkeit im Hinblick auf Affären sowie seinen bescheidenen Lebensstil anbelangte.

Dass mit seinem Pontifikat dennoch der moralische Niedergang des Papsttums eingeleitet wurde, hängt daher einzig mit der von ihm in außergewöhnlichem Maße praktizierten Vetternwirtschaft zusammen. Zwar war es zu seiner Zeit üblich, die Verwandtschaft mit kleineren Lehen zu versorgen. Doch war der erste Borgia-Papst der-jenige, der dies in großem Stil praktizierte. So holte er beispielsweise seinen Neffen Rodrigo de Borja, den späteren Papst Alexander VI., nach Italien, um ihm einen Aufstieg in der katholischen Kirche zu sichern. Seine diesbezügliche Politik war derart unverhältnismäßig, dass sie öffentlichen Anstoß erregte: „Nach dem Tod des Papstes entlud sich der Hass in Ausschreitungen gegen die Borjas und die übermäßig bevorzugten ,Katalanen‘ im Kirchenstaat.“ (Schwaiger) Dennoch sollte die Macht der katalanischen Familie in Rom und Italien mit dem Tod des ersten Borgia-Papstes im Jahre 1458 keineswegs ihr Ende finden, denn mit seinem Neffen Rodrigo war ein weitaus weniger tugendhafter und bescheidener Mann nach Rom gekommen.

Fortsetzung folgt.

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