Kommentar um "5 vor 12"

Impfstoffe als außenpolitische Sprengstoffe

Die weltpolitischen Gewichte drohen sich zu verschieben. Der Zugang zu amerikanischem, europäischem, russischem oder chinesischem Impfstoff hat eine außenpolitische Dimension. Um eine Flüssigkeit in kleinen Fläschchen entbrennt ein internationaler Streit.
Coronaimpfstoff
Foto: Joerg Boethling via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Impfstoff gegen Corona wird nach Blut, Öl und Wasser die vierte Flüssigkeit, um die es internationale Konflikte gibt.

Bisher kannten wir drei Flüssigkeiten, um derentwillen Kriege geführt wurden: Blut, Öl und Wasser. Blut steht hier für die ethnische Zugehörigkeit, die ideologische und emotionale Blutsverwandtschaft, den Nationalismus und seinen Anspruch auf Herrschaft. Öl ist als zentrale Energieressource noch immer der Schmierstoff für Wirtschaft und Wohlstand. Der Zugang zu Trinkwasser ist in weiten Teilen der Welt eine Überlebensfrage, um die immer heftiger gerungen werden wird.

Streit um Impfstoff

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Nun ist eine vierte Flüssigkeit hinzugekommen, um die wilde Streitigkeiten entbrennen, weil sie (derzeit noch) knapp und voll messianischer Verheißung ist: der Impfstoff, der uns einen Ausweg aus der Corona-Krise verspricht. Kein Zweifel: Solange es nichts Besseres gibt (etwa Medikamente zur Heilung), werden die Staaten alles tun, um ihren Bürgern möglichst schnell möglichst ausreichende Mengen eines möglichst sicheren Impfstoffs zu organisieren.

Sieger und Verlierer

Weil sie dabei untereinander konkurrieren, wird es Sieger und Verlierer geben. Was den Siegern als Verantwortung für die eigenen Bürger erscheint, gilt den Verlierern als Impfstoff-Nationalismus. Um die vorhandenen Liefermengen von AstraZeneca konkurrieren derzeit Großbritannien und die Europäische Union. Gleichzeitig werfen die Balkan-Staaten der EU jetzt einen moralisch unverantwortlichen Impfstoff-Nationalismus vor, weil die wohlhabende große Staatengemeinschaft die westlichen Impfstoffe schneller und billiger bekommt als die armen, kleinen Verwandten vor ihrer Haustüre.

Medizin wird zur Ideologie

In Reaktion darauf macht sich eine andere Ideologie auf dem Balkan breit: Immer mehr Staaten, die sich von AstraZeneca und Biontech zurückgesetzt fühlen, schwören auf russischen und chinesischen Impfstoff. „Ich wollte einen russischen Impfstoff bekommen, weil ich an die russische Medizin glaube“, meint etwa Serbiens Innenminister. Die Impfstoff-Wahl wird zur ideologischen Glaubensfrage. Und zu einem außenpolitischen Konfliktpotenzial, das die Einflusszonen der politischen Mächte neu ordnet.

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