Kommentar um "5 vor 12"

Die grüne Entzauberung

Die Hochwasserkatastrophe fordert Menschenleben, Tausende haben ihre Existenz verloren. Die Grünen machen Wahlkampf.

Unwetter in Rheinland-Pfalz
Die mit einer Drohne gefertigte Aufnahme zeigt die Verwüstungen die das Hochwasser der Ahr in dem Eifel-Ort angerichtet hat. In Schuld bei Adenau waren den Angaben zufolge in der Nacht zum Donnerstag sechs Häuser eingestürzt. Foto: Christoph Reichwein (TNN)

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Mit diesem SDS-Slogan traten die 68er vor fünf Jahrzehnten ihren Marsch durch die Institutionen an. Gemeint war damit: Wir politisieren diese Gesellschaft. Und das hieß für sie: Wir ideologisieren diese Gesellschaft. Alles ist politisch und alle politischen Fragen sollen nach dem Muster der neomarxistischen Ideologie durchdekliniert werden. Wer sich dieser Totalpolitisierung verweigert, der ist ein bürgerlicher Spießer, der eben lieber über so banale Themen wie den Wetterbericht spricht. Mittlerweile ist nun auch der Wetterbericht hoch politisch geworden, dem Klimawandel sei Dank. Und die neomarxistische Methode hat in ihrer Wirkungskraft nichts eingebüßt. 

Es wird nach Schuldigen gesucht

Gestern versendete der stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Konstantin von Notz, via Twitter folgende Botschaft: „„CDU: Kein Tempolimit! / FDP: Der Markt + synthetische Kraftstoffe regeln das / SPD: Can’t touch this: Kohle + Nordstream2 / Die Linke : Was’n jetzt mit Sahra? / Grüne: Klimaschutz Prio Stufe 1“ Darunter ein Bild aus der Hochwasserkatastrophe. Die Intention des Politikers ist klar: Es wird nach Schuldigen gesucht. Seine Gleichung: Der Klimawandel ist Schuld an der Flut, alle anderen Parteien außer den Grünen machen keine Politik gegen den Klimawandel. Ergo: Sie tragen die Mitverantwortung für die Katastrophe

Immerhin, Notz hat später seinen Tweet zurückgezogen und bekannt, polemische Tweets seien angesichts der Lage unangebracht. Aber wie hat einst Helmut Schmidt formuliert: In der Krise zeigt sich der Charakter. Der Tweet von Notz ist ein Symptom für eine grüne Grundhaltung: Wir wissen dank unserer Ideologie immer was richtig ist. Wir können sofort Schuldige benennen. Und überhaupt: Wir sind die Guten. 

Debatten über ideologische Deutungshoheit sind Luxus

Nun ist es ja überhaupt keine Frage, dass über den Klimawandel und seine politischen Folgen gestritten werden muss, gerne auch kontrovers. Und es ist auch notwendig, genau zu analysieren, wo die Ursachen für die aktuellen Überschwemmungen liegen. Aber das funktioniert nicht zwischen Tür und Angel. Und schon gar nicht, wenn jetzt ganz andere Aufgaben Priorität haben: Es geht darum, den Opfern dieser Katastrophe zu helfen. Den Menschen, die von jetzt auf gleich ihre gesamte Existenz verloren haben. Hier sind Tatkraft, Effektivität und Logistik gefordert, Debatten über die ideologische Deutungshoheit sind Luxus.

Die Grünen müssen die ideologische Brille abnehmen und die humanitäre aufsetzen. Können sie das? Wollen sie das? Sind sie die Macher, als die sich immer gerne verkaufen? Oder eben doch nur unbelehrbare Ideologen in der Linie von 68? Die Entzauberung dieser Partei geht weiter.

 

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