Washington/San Francisco

Terrisa Bukovinac: Der Nagel im Sarg der Abtreibungsindustrie

Terrisa Bukovinac ist Demokratin, Atheistin und Abtreibungsgegnerin. Ein Porträt einer jungen Frau, die die gängigen Rollenklischees sprengt.
Terrisa Bukovinac
Foto: Leah Millis (X90205) | Terrisa Bukovinac (links) demonstriert 2018 vor dem Obersten Gerichtshof in Washington. Obwohl sie sich selbst als progressiv bezeichnet geht sie mit den Demokraten hart ins Gericht.

Wer sich gegen Abtreibungen einsetzt, wird meist automatisch in die Schublade „konservativ“ oder „politisch rechts“ gesteckt. Insbesondere in den USA, wo das Thema Lebensschutz noch viel stärker politisiert ist als hierzulande. Doch es gibt auch Aktivisten, die nicht so richtig in eine der gängigen Schubladen passen. In Amerika beweist das derzeit eine Frau wie keine zweite: Terrisa Bukovinac. Sie ist Anhängerin der Demokratischen Partei, Feministin, Atheistin – und Abtreibungsgegnerin. 

Pro-life, Anti-Trump

Erst vor wenigen Tagen sorgte Bukovinac, die aus der linksliberalen Hochburg San Francisco stammt, wieder für Schlagzeilen. Zusammen mit 20 weiteren Aktivisten rief sie zum 1. Oktober ein neues Netzwerk ins Leben, das „Progressive Anti-Abortion Uprising“, kurz PAAU. Das Ziel: das Engagement gegen Abtreibungen im progressiven Milieu zu forcieren. Schon zuvor war Bukovinac, die vor allem Altersgenossen in der Generation der sogenannten „Millenials“ ansprechen möchte, kein unbeschriebenes Blatt in der Szene. Sie ist die Gründerin des Netzwerks „Pro-Life San Francisco“ und war zwischenzeitlich auch Vorsitzende der „Democrats for Life of America“ (DFLA), deren Vorstand sie noch immer angehört.

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Bukovinac wuchs zwar in einem christlich geprägten Haushalt auf. Mit der Zeit stellte sie jedoch fest, dass der christliche Glaube ihr keine zufriedenstellenden Antworten auf grundlegende Fragen, wie etwa nach der Herkunft des Bösen oder nach richtigem und falschem Handeln, lieferte. „Das vernünftigste Szenario schien mir zu sein: Es gibt keinen Gott, es gibt kein Leben nach dem Tod.“ 

Dank einer Freundin, die abtreiben wollte, begann sie, sich für den Lebensschutz zu engagieren. Die Freundin zeigte ihr eine Ultraschall-Aufnahme ihres ungeborenen Kindes. „Das hat mich echt berührt.“ Bukovinac versuchte, die Freundin davon zu überzeugen, das Kind nicht abzutreiben – ohne Erfolg. Aus der Hilfslosigkeit dieser Situation heraus fasste sie den Entschluss, etwas verändern zu wollen. Ein weiterer Katalysator für ihr Engagement, so erzählt sie es, sei die Präsidentschaft Donald Trumps gewesen. Als viele US-Lebensschützer unter Trump ein „Goldenes Zeitalter“ für die Lebensschutzbewegung ausriefen, wollte sie bewusst einen Gegenpunkt setzen. „Donald Trump ist kein Vorbild. Er darf den Ungeborenen in San Francisco keine Stimme geben.“ Stattdessen wollte sie selbst diese Stimme sein. So gründete sie schließlich „Pro-Life San Francisco“.

Sie hadert mit ihrer Partei

Terrisa Bukovinac ist sich durchaus bewusst, dass viele über das Bild des atheistischen „Pro-Life-Mädchens“ lachen. „Aber ich will keine Witzfigur sein, ich will ernstgenommen werden“, betont sie. Sich selbst bezeichnet Bukovinac lieber als „Anti-Abtreibungs-Aktivistin“ denn als Lebensschützerin. Der Begriff „pro life“ sei in der Vergangenheit immer inhaltsleerer geworden, erklärte sie gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur „CNA“. Schon im Namen ihrer neuen Graswurzelbewegung habe sie daher deutlich machen wollen, dass man gegen Abtreibung sei. „Wir sind eine Ein-Themen-Organisation.“ 

Obwohl sie sich selbst als progressiv bezeichnet und ihren Angaben nach fast immer bei den Demokraten ihr Kreuz machte, geht sie mit ihrer Partei hart ins Gericht: Das demokratische Partei-Establishment hätte in Sachen Abtreibung vollkommen den Bezug zu den Wählern verloren. Zudem würde die Partei gemeinsam mit Abtreibungsanbietern linksliberale Abtreibungsgegner „zum Schweigen bringen und stigmatisieren“. 

Wo die möglicherweise entscheidenden Schlachten im Kampf gegen Abtreibung ihrer Ansicht nach geschlagen werden, zeigte sie bereits am Tag der Gründung ihres neuen Netzwerks PAAU. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern hielt sie eine Kundgebung vor dem Obersten Gerichtshof, dem „Supreme Court“, in Washington. Dieser befasst sich ab Dezember mit einem Gesetz aus dem Bundesstaat Mississippi, das Abtreibungen ab der 15. Schwangerschaftswoche verbieten würde. Sollte das berüchtigte Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“ am Ende tatsächlich kippen, wäre dies mehr als ein Etappensieg für Terrisa Bukovinac auf dem Weg zum endgültigen Ziel: der Nagel im Sarg der Abtreibungsindustrie zu sein. 

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