Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Die soziale Revolution des Poverello“

Eigentum verpflichtet

Franziskanische Impulse und der Ruf zur ökologischen Umkehr aus der Enzyklika „Laudato si“ – Teil 7.
„Die soziale Revolution des Poverello“, Teil 7
Foto: IMAGO/Ahmed Al Arini | Echte Brüderlichkeit könnte den Planeten verändern: Sauberes Wasser ist für dieses palästinensische Kind im Gazastreifen ein Geschenk.

Jeder Papst bereichert das kirchliche Leben und die Gesellschaft nicht allein durch seine Lehre, sondern immer auch durch seine Person und seine Eigenart, die in seiner eigenen Biografie wurzelt. Papst Franziskus trug maßgeblich zu einer tiefgreifenden Erneuerung der Kirche bei, indem er sich von der Erfahrung des heiligen Franz von Assisi inspirieren ließ.

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Letzterem kann eine entscheidende Wirkung auf den Inhalt der wegweisenden ersten Sozialenzyklika „Laudato si“ vom 24. Mai 2015 zugeschrieben werden. In diesem Text zeichnete Papst Franziskus den Heiligen aus Umbrien als prophetisches Vorbild für die moderne Gesellschaft. Franz von Assisi und sein Armutsideal bilden nicht nur das Fundament für den theologischen Ansatz des Papstes, sie offenbaren auch die tieferen Gründe für dessen programmatische Namenswahl.

Franziskus' lebendige ökologische Spiritualität 

Für Papst Franziskus steht Franz von Assisi exemplarisch für eine ganzheitliche, integrale Ökologie sowie für ein respektvolles Verhältnis zur Natur und zu den irdischen Gütern. Statt einer bloß ökologischen Ethik, die sich in Verpflichtungen und Verboten erschöpft, bot der Heilige eine lebendige ökologische Spiritualität an: einen ganzheitlichen Weg, allen Geschöpfen in geschwisterlicher Verbundenheit zu begegnen.

Papst Franziskus bringt es in der Enzyklika selbst auf den Punkt: „Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin ist für die Achtsamkeit gegenüber den Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie. An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.“ (LS 10)

Geschwisterlicher Umweltschutz

Franz von Assisi hatte mit seinem Ansatz radikal mit dem westlichen Paradigma einer despotischen Königsherrschaft über die Natur gebrochen, in dem die Schöpfung lediglich als Ressource begriffen wird, die es auszubeuten gilt. Für den Poverello war der Schutz der Umwelt keine lästige, von außen auferlegte moralische Pflicht, sondern die logische Konsequenz einer tief erlebten, universellen Geschwisterlichkeit.

Genau dieser Faden wird in „Laudato si“ wieder aufgegriffen, indem die Erde als unsere „Schwester“ und als „gemeinsames Haus“ definiert wird – ein Haus, das uns zu globaler Solidarität ruft. Dahinter steht eine umfassende christliche Schöpfungstheologie. Schöpfung ist in diesem Sinne weit mehr als bloße „Natur“; sie umfasst alles, was von Gott ins Dasein gerufen wurde. Aus christlicher Perspektive ist die Welt ein Geschenk, das der Liebe Gottes zu verdanken ist, der uns zu einer allumfassenden Gemeinschaft zusammenruft.

Der Mensch als Verwalter, nicht als Besitzer der Erde

Papst Franziskus räumt daher unmissverständlich mit einer Fehlinterpretation auf: Der biblische Auftrag zur Beherrschung der Erde dürfe keinesfalls als Rechtsanspruch auf eine willkürliche Herrschaft des Menschen über andere Geschöpfe verstanden werden. Der Mensch sei Verwalter, nicht Besitzer der Welt. Seine Macht sei treuhänderisch.

An dieser Stelle entfaltet das franziskanische Verständnis von Armut und Eigentum seine ganze gesellschaftspolitische Sprengkraft. Die radikale franziskanische Forderung nach einem Verzicht auf privaten Besitz sowie die Vorstellung, dass die Güter der Schöpfung ihrem Wesen nach dem Wohl aller Menschen dienen sollen, bilden für Franz von Assisi wie auch für Papst Bergoglio die Grundlage einer echten universellen Brüderlichkeit.

In der Enzyklika heißt es dazu pointiert: „Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln“ (LS 11).

Güter der Erde stehen im Dienst des Gemeinwohls

Was im 13. Jahrhundert wie eine religiöse Herausforderung wirkte, erweist sich heute als ein hochmodernes, ordnungspolitisches Instrument: Die franziskanische Vision, Güter intensiv zu nutzen, ohne sie besitzen zu wollen, trifft den Kern der modernen Debatte um globale Gemeinschaftsgüter. Ob Erdatmosphäre oder Weltmeere: Sie gehören niemandem und gerade deshalb uns allen.

Wir haben die gemeinsame Pflicht, sie durch nachhaltiges Handeln zu schützen. Die Güter dieser Erde dürfen niemals als reine Gebrauchsgegenstände oder Objekte der Ausbeutung verstanden werden. Sie stehen von Natur aus im Dienst des Gemeinwohls. Gleichzeitig wirft der fundamentale Gedanke, dass Privateigentum niemals absolut ist, ein völlig neues Licht auf die moderne Unternehmensführung. Das Prinzip, dass Besitz untrennbar mit einer sozialen Funktion verknüpft ist, kann mit den Kernforderungen nachhaltiger Wirtschaftsmodelle wie der Gemeinwohl-Ökonomie in Verbindung gebracht werden.

Von der „Ontologie des Gebrauchs“

Der Rekurs auf die franziskanische Tradition liefert das ethische Fundament für eine Wirtschaft, die Unternehmen nicht länger nur in der Pflicht gegenüber ihren Anteilseignern sieht. Sie tragen Verantwortung für alle Betroffenen – und deren Interessen müssen im Zweifel immer dem übergeordneten Gemeinwohl dienen.

Dass diese franziskanische Weitsicht keine reine Utopie ist, hat der Philosoph Giorgio Agamben auf originelle Weise aufgezeigt. Für Agamben liegt im franziskanischen Erbe die Chance, eine völlig neue Lebensform zu definieren. Im Zentrum steht dabei eine „Ontologie des Gebrauchs“: Es geht nicht darum, Recht oder Eigentum abzuschaffen. Die eigentliche Aktualität liegt darin, von beiden Institutionen einenneuen, am Gemeinwohl orientierten Gebrauch zu machen.

Nach Agamben besitzt die franziskanische Lebensform die subversive Kraft, die Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstums und die globale Herrschaft des rein ökonomischen Paradigmas zu dekonstruieren. Sie bietet das theoretische Werkzeug, um die aktuellen Herrschaftsverhältnisse zu korrigieren, die Machtstrukturen in der Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen und der Ökonomie dort Einhalt zu gebieten, wo sie das Politische und das Menschliche zu verdrängen droht.

Papst Franziskus hat den Markt nicht verteufelt

Diese Ansichten wurden von Papst Franziskus insofern wieder aufgenommen, als er eine scharfe, prophetische Kritik am aktuellen Wirtschafts- und Finanzsystem formulierte. In Wissenschaft und Öffentlichkeit wurde heftig darüber debattiert, ob der Papst eine radikale Abkehr der katholischen Soziallehre von der Marktwirtschaft eingeleitet habe oder ob er vielmehr vitale Impulse für deren Weiterentwicklung geliefert habe.

Bei genauerer Betrachtung seiner Sozialenzykliken wird deutlich: Der Papst dämonisiert den Markt keineswegs. Auch wenn er keine systematische Würdigung der positiven Effekte von Globalisierung und Marktwirtschaft bietet, geht es ihm nicht um blinde Fundamentalkritik. Er benennt vielmehr präzise die Fehlentwicklungen der gegenwärtigen Wirtschaftspraxis, der er vorwirft, die Hauptursache für die Zerstörung der Umwelt zu sein und die soziale Inklusion sträflich zu vernachlässigen.

Franziskus geißelt die einseitige Fixierung auf Gewinnmaximierung, das ökologisch blinde Wachstum und das Versagen der Politik, die Wirtschaft wirksam zu kontrollieren. Der Papst formulierte:

„Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, in dem Spekulation und das Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind. Daher bleibt heute ‚alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes, die zur absoluten Regel werden‘“ (LS 56).

Die Einladung, Wohlstand und Fortschritt neu zu denken

Die Wirtschaftskritik des Papstes ist daher vor allem eines: eine dringende Einladung, Wohlstand und Fortschritt völlig neu zu denken. Was wir brauchen, ist eine integrale Wirtschaftsökologie, in der Armutsbekämpfung, nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz endlich Hand in Hand gehen.
Obwohl die Umweltfrage in „Laudato si“ eine prominente Rolle spielt und dadurch einen historischen Meilenstein in der kirchlichen Sozialverkündigung darstellt, griffe es zu kurz, das Schreiben als reine „Umwelt-Enzyklika“ zu definieren.

Das eigentliche, tiefere Anliegen ist radikaler: Es ist der Aufruf, ökologische, soziale und ökonomische Krisen als untrennbare Einheit zu begreifen. Im Zentrum steht das Denken in Beziehungszusammenhängen. Die franziskanische Wirtschaftsethik hat bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft und Aktualität verloren. Über ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von „Laudato si“ und mehr als ein Jahr nach dem Tod von Papst Franziskus hat das Echo seiner prophetischen Stimme nichts von seiner Resonanz eingebüßt.

Um die weltweite Krise unserer Gegenwart zu bewältigen, sind klare ordnungspolitische Regelungen und das tatkräftige Engagement der Zivilgesellschaften vonnöten. Doch all das bleibt wirkungslos ohne das Fundament, das Franz von Assisi bereits vor Jahrhunderten schuf: eine persönliche, tief im Einzelnen verankerte ökologische Umkehr im Sinne einer gelebten Tugendethik. Nur wenn sich das menschliche Herz wandelt, kann das gemeinsame Haus gerettet werden.


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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