Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Tagungsbericht

Entwürfe der Theologie zur Heilung

Wie können seelische Leiden gelindert oder vielleicht sogar geheilt werden? Diese Frage diskutierten jüngst Referenten einer theologischen Tagung im österreichischen Gaming.
Tagung gaming
Foto: Stefan Rehder | In Gaming spürten namhafte Referenten der Verletzlichkeit des Menschen nach und nahmen die verschiedenen Weisen in den Blick, auf denen er Linderung oder gar Heilung seiner Wunden erfährt.

Etwa 70 Kilometer südwestlich von St. Pölten liegt Gaming. Im Jahr 1330 gab dort Herzog Albrecht II. den Bau eines prächtigen Kartäuserklosters inmitten der bewaldeten Berge der Ybbstaler Alpen in Auftrag. Am Fuße des beinahe 2.000 Meter hohen Ötschers gelegen, entwickelte sich die Kartause „Maria Thron“, die dem Habsburger zugleich als herzogliche Residenz und hernach als Grabstätte diente, zu einem der bedeutendsten Kartäuserklöster Europas. Eines, das zeitweise gar der „La Grande Chartreuse“, dem Mutterhaus der Kartäuser in Frankreich, den Rang ablaufen sollte. Seit nunmehr 35 Jahren beherbergt die 1983 unter der Leitung des renommierten Architekten Walter Hildebrand aufwendig restaurierte Kartause das „Österreich-Programm“ der Franciscan University of Steubenville.

Lesen Sie auch:

Studierende der 1946 von Franziskanern des Dritten Ordens gegründeten und im US-amerikanischen Bundesstaat Ohio ansässigen Universität können hier während ihres Bachelor-Studiums ein Auslandssemester absolvieren. Verlängerte Wochenenden – der Studienbetrieb beschränkt sich auf Montag bis Donnerstag – sowie zwei zehntägige Ferien sollen den Studierenden die Möglichkeit eröffnen, Europa zu bereisen und auf den Spuren der ehemals „führenden Persönlichkeiten der Christenheit und der westlichen Zivilisation“ zu wandeln. Ein, wie in den USA üblich, kostspieliges Angebot, von dem dennoch jedes Semester zwischen 200 und 300 Studierende Gebrauch machen.

Am vergangenen Wochenende veranstaltete hier die Universität gemeinsam mit dem „Veritas Amoris Project“, einem Zusammenschluss von Gelehrten, der sich von den Lehren der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. besonders inspiriert sieht, sowie der Diözese Sankt Pölten die nunmehr „sechste Konferenz zur Wahrheit der Liebe“. Unter der Überschrift „Entwürfe zur Theologie der Heilung“ spürten dabei namhafte Referenten der Verletzlichkeit des Menschen nach und nahmen die verschiedenen Weisen in den Blick, auf denen er Linderung oder gar Heilung seiner Wunden erfährt.

Das ungewollte Alleinsein

Den Auftakt machte Katharina Westerhorstmann. Nach der Begrüßung durch Prorektor Stephen Hildebrand vermaß die in Gaming Theologie und medizinische Ethik lehrende Moraltheologin den Menschen in seiner Einsamkeit. Einsamkeit, von Westerhorstmann definiert als „ungewolltes Alleinsein, das einhergeht mit dem Eindruck des Alleingelassen-worden-Seins und des Sich-Unverstanden-Fühlens“, zähle zu den „fundamentalen Wunden“, die Menschen erführen. Theologisch betrachtet sei die Einsamkeit des Menschen eine Folge der Erbsünde. Herausgerissen aus der innigen Gemeinschaft mit Gott, erfahre sich der Mensch als verloren und einsam. So wie Gott in sich selbst Liebe und Beziehung sei, habe er auch den Menschen gewollt, „intrinsisch relational und auf den Anderen hingeordnet, für Gemeinschaft geschaffen“.

Durch den Abfall von Gott als dem ewigen Du, dem Ursprung und Gegenüber seiner Existenz, sowie die Abkehr von seinem eigenen eigentlichen Wesen, erlebe sich der Mensch auf sich selbst zurück- und aus der Relation in die Einsamkeit des Seins hineingeworfen. Linderung und Heilung erfahre der einsame Mensch daher in der Begegnung mit einem Du. Dies gelte bereits für „echte“ zwischenmenschliche Begegnungen, bei denen die Einsamkeit überwunden werde und das Ich Trost im Du finde. Auf fundamentalere Weise ereigne sich dies in der Begegnung mit Gott. In der Erfahrung der liebenden Präsenz seines Schöpfers finde der Mensch sowohl zu sich selbst als auch zum Ziel seines Lebens. In der Wunde der Einsamkeit liege daher bereits Potenzial zur Heilung. Wo die Erfahrung der Einsamkeit in dieser Welt zu dem führe, der das Ziel unseres Lebens sei, höre sie auf, zerstörerisch und qualvoll zu sein, sondern erfülle stattdessen mit Sinn.

Begegnung mit Gott

„Die Einsamkeit“, zitierte Westerhorstmann Joseph Ratzinger, „ist eine der wesentlichen Wurzeln, aus denen die Begegnung des Menschen mit Gott aufgestiegen ist. Wo der Mensch sein Alleinsein erfährt, erfährt er zugleich, wie sehr seine ganze Existenz ein Schrei nach dem Du ist.“ Am Kreuz habe, so Westerhorstmann, der Herr unsere Einsamkeit auf sich genommen und in seinen Wunden geborgen. Daher sei die Eucharistie auch Überwindung unserer Einsamkeit. Interessant sei auch, dass die Kirche den Empfang des Sterbesakramentes, der letzten Kommunion, „viaticum“ nenne. Wer den Herrn in der Eucharistie für das letzte Stück des Weges empfange, müsse nicht fürchten, im Sterben allein zu sein.

Der promovierte Theologe Gabriel Weiten, Theologischer Referent des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer, sprach über „Sexuellen Missbrauch und Perspektiven für Heilung“. Der Vater von drei Kindern, der als junger Mann selbst Opfer von geistlichem und sexuellem Missbrauch durch einen Pfarrer geworden war und dies in einem Prozess vor dem Landgericht Saarbrücken öffentlich gemacht hatte, legte in der Kartause Maria Thron ein beeindruckendes Zeugnis ab. „Resilienz“, ein „facettenreiches Kirchenbild“, eine „enge und tragende Christusbeziehung“ sowie das Eingeständnis des „Verwundet-Seins“, eine „aktive Vergangenheitsbewältigung“ und der „Aufbau von Neuem“ hätten ihm geholfen, die ihm zugefügten Wunden verheilen zu lassen. Weiten zeigte sich überzeugt, dass all diese Faktoren, dort, wo sie Betroffenen nicht geschenkt worden seien, sich gleichwohl erarbeiten ließen. Dem facettenreichen Kirchenbild maß er dabei besondere Bedeutung zu: „Wo der Zugang zur Kirche nur über eine einzige Person läuft, einen Pfarrer, eine geistliche Gemeinschaft, eine charismatische Gestalt“ erfolge, wiege „der Verrat durch genau diese Person ungleich schwerer und kann das ganze Gebäude des Glaubens mit sich reißen.“ Vielfalt der kirchlichen Erfahrung biete daher auch Schutz.

Zwar lasse sich die Beziehung mit Christus nicht verordnen, wohl aber einüben: „Im Gebet, in der Liturgie, im Schweigen. Wer sie hat, verliert wegen einem menschlichen Verräter nicht auch noch Gott.“ Schadensersatzzahlungen seien zwar wichtig, weil sie einen Strich zögen und sowohl eine Anerkennung der Schuld des Täters als auch des Leidens des Opfers darstellten, heilten aber nicht. Echte Heilung könne es nur dort geben, wo sich die so Verwundeten der Quelle des Heils selbst öffneten: Jesus Christus. Die Philosophin Maria Wolter referierte im Anschluss über menschliche Gebrochenheit in der frühkindlichen Entwicklung. Menschen seien, so die in Gaming lehrende Professorin, existenziell aufeinander angewiesen. Sie benötigten einander, um ihr eigenes Sein vollständig zu entwickeln und zu entfalten.

Erst der Blick eines Anderen macht es möglich

So könne etwa niemand sich selbst „als gut oder schön entdecken“. Dies ermögliche erst der liebevolle Blick eines Anderen. In besonderer Weise gelte dies für Kinder, die weder über die Reife noch die Ressourcen eines gefestigten Seins verfügten. So seien kleine Kinder beispielsweise unfähig, zwischen dem Zorn, der einer misslungenen Handlung gilt, und dem Zorn, der ihnen selbst gilt, zu unterscheiden. Hinzukomme: Im Zustand der Verwundung sei die Wahrnehmung selektiv. Werde die Welt durch das „Prisma des Schmerzes“ betrachtet, komme es oft zu einer starken Verdrehung der Wirklichkeit. Streng genommen könne nur der heile Mensch wahrhaft lieben. Ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl wirke sich hingegen negativ auf die Fähigkeit zu lieben und sich selbst zu schenken aus.

Am Abend des ersten Konferenztages gab es dann ein weiteres berührendes Zeugnis. Vor der eucharistischen Anbetung in der Kartausenkirche schilderten Marietta und Johannes Reinprecht, wie sie Heilung nach dem Tod ihres ersten Kindes erfuhren, das im Mutterleib gestorben war und nur noch tot geboren werden konnte. Der zweite Konferenztag begann mit der Feier der Heiligen Messe durch den Bischof von Sankt Pölten, Alois Schwarz. Der referierte anschließend über „das Sakrament der Versöhnung als Sakrament der Heilung“.

Andrzej Kucinski von der Kölner Hochschule für Katholische Theologie referierte unter der Überschrift „Ich war krank und ihr habt mich besucht … (Mt 25,36)“ über die „heilende Präsenz als christliche Antwort auf das Mysterium von Leiden und Tod“. Der Arzt und Malteser Christoph von Ritter beleuchtete den Heilungsauftrag des Arztes aus christlicher Perspektive. Meghan O’Malley berichtete von ihren Erfahrungen der praktischen Nächstenliebe als Begegnung der Heilung, die sie während mehrerer Aufenthalte bei den Missionarinnen der Nächstenliebe in Kalkutta gesammelt hatte.

Lesen Sie auch:

Am Nachmittag wurde es dann zeitweise mystisch. Der Franziskaner Dominikus Kraschl, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz christliche Philosophie lehrt, referierte im Jubiläumsjahr über „Franziskus und seine Wunden“ als „Quellen der Heilung“. Der Philosoph Stephan Kampowski, Professor für philosophische Anthropologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie in Rom, nahm das „Erleiden der Liebe bei Thomas von Aquin“ in den Blick. Hannah Barrett, die in Gaming Theologie lehrt, sprach über die Wunden der Liebe beim Heiligen Johannes vom Kreuz. Beim abendlichen Stehempfang in der barocken Bibliothek der Kartause Maria Thron konnten die Teilnehmer das Gehörte in Einzel- und Gruppengesprächen vertiefen, Kontakte knüpfen und Adressen tauschen. Dabei wurde eines immer wieder deutlich: Die Publikation der Konferenzbeiträge wird von vielen geradezu sehnsüchtig erwartet. Wer so lang nicht warten will, sollte das Programm des Fernsehsenders KTV aufmerksam verfolgen. Der zeichnete die Beiträge auf und wird sie – auch wenn die genauen Sendetermine erst noch festgelegt werden müssen – noch dieses Jahr ausstrahlen.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Stefan Rehder Bischöfe Christliche Philosophie Jesus Christus Johannes Paul II. Kölner Hochschule für Katholische Theologie Pfarrer und Pastoren Rudolf Voderholzer Thomas von Aquin

Weitere Artikel

Das Werk von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bezeugt die ungebrochene Kraft christlicher Philosophie. Die außergewöhnliche Denkerin wird nun mit einem außergewöhnlichen Band geehrt.
26.07.2026, 17 Uhr
Felix Hornstein
Er wurde in der Kirche erschossen: Der Priester Dario Acosta Zurita war mit nur 22 Jahren einer der jüngsten Märtyrer des mexikanischen Bürgerkrieges.
25.07.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Zwischen Augustinus und den Päpsten Franziskus und Leo XIV. könnte sich ein neuer Weg der Auslegung andeuten. 
01.09.2026, 07 Uhr
Sebastian Wolter

Kirche

Bei Jesus Christus sein und mit dem Herz eines Hirten lernen, „sein“ Volk zu lieben: Was sich Papst Leo von den neuen Bischöfen der Kirche wünscht.
10.09.2026, 16 Uhr
Guido Horst
Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers nimmt seinen Hut – ein Jahr vor dem üblichen Datum. Warum? Ein Rückblick auf eine nicht ganz konfliktfreie Amtszeit.
10.09.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Grün schlug 1992 vor, einen beschuldigten Priester im Dienst zu lassen. An den Fall erinnerte er sich am Freitag nicht, nach Angaben von Münsterschwarzach jetzt offenbar doch.
09.09.2026, 12 Uhr
Meldung
Es soll eine „Botschaft des Friedens“ werden: Papst Leos Besuch in Metz, dem „Herz Europas“, steht im Zeichen Robert Schumans. Dazu äußerte sich auch Kardinal Hollerich.
08.09.2026, 17 Uhr
Elisabeth Hüffer