Eine sanfte Revolution zeichnet sich ab – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirchenlandschaft. In wissenschaftlichen Begriffen der Psychologie ausgedrückt: Immer mehr Regression und Narzissmus bestimmen Verhalten und Strukturen. Zu beobachten ist ein breitenwirksamer Rückfall in eher unkritische, frühkindlich gefärbte Denkungsarten, denen offenkundig an Wohlgefühlen, aber auch an deren Durchsetzungsmacht liegt. Diese Entwicklung geht einher mit einem Rückgang intellektueller, auf Tiefe und Differenzierung bedachten Bestrebungen zugunsten eines Vormarsches gedanklicher Oberflächlichkeiten und entsprechender Neigung zu Vermischungen und Vereinheitlichungen. All dies vollzieht sich gesamtgesellschaftlich und auch innerhalb von Theologie und Kirche. Solches Absinken bedeutet einen bedenklichen kulturellen Niveauverlust, über den nachzudenken allein schon heißt, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen.
Um analytisch zunächst mit den gesamtgesellschaftlichen Regressionen zu beginnen: Allenthalben greifen in wachsendem Maße narzisstische Haltungen um sich. Dies spiegelt sich in der Zunahme autokratischer, bezeichnenderweise frei gewählter Machthaber sowie der Umfragewerte solcher politischen Parteien, die weniger durch intellektuell ausgereifte Programme als vielmehr durch Populismus glänzen. Dem entspricht ein international zu registrierender Rückgang der Pressefreiheit und des Niveaus vieler öffentlicher Medien, während gleichzeitig eine Massenflucht in Streaming-Dienste und geradezu verdummende Selbstbestätigungszirkel des Internets stattfindet, so dass immer öfter von „digitaler Verblödung“ die Rede ist. Diese Entwicklung lässt sich als natürliche Frucht der immer rasanter voranschreitenden digitalen Transformation begreifen, die von ihrem Wesen her auf kurzen Nachrichten und eher oberflächlichen Wahrnehmungsprozessen basiert. Der Hirnforscher Manfred Spitzer spricht auf dem Hintergrund längst verbreiteter Diagnostik von „Digitaler Demenz“.
Der Boden, auf dem Narzissmus wächst
Zweifellos geht die Digitalisierung mit einem rasanten Zuwachs von Bequemlichkeiten einher, weshalb sie allenthalben bejaht wird, doch dieser Zugewinn ist teuer erkauft: Wie Andrew Keen in seinem Buch „Das digitale Debakel“ zeigt, profitiert letztendlich nicht die Gesamtgesellschaft von solch hypervernetzter Welt, sondern eine „elitäre Gruppe junger weißer Männer. Was ihnen immer mehr Reichtum beschert, macht uns in vielerlei Hinsicht ärmer.“ Süchte, Cyber-Attacken, Überwachungstrukturen und Strahlenbelastung bilden die andere, dunkle Seite der „digitalen Revolution“. Aktuell ist diesbezüglich insbesondere die aufstrebende Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) zu nennen, die von zahlreichen führenden Experten und auch von Papst Leo XIV. mit großer Sorge für unseren Planeten betrachtet wird. Menschliche Intelligenz wird zunehmend an Maschinen abgegeben, und in der Folge denken immer mehr Menschen fast so herzlos wie Maschinen.
Auf diesem Boden aber gedeihen narzisstische Auswüchse prächtig. Wie der Psychologe Wolfgang Bergmann erläutert, zeigen primärnarzisstische Urgefühle „eine Triebkraft hin zur Rückführung in die Undifferenziertheit und Weltlosigkeit des frühesten seelischen Erlebens.“ Wunsch und Befriedigung wollen wie beim Fötus im Mutterleib gleichzeitig erlebt werden; dadurch werden unbewusste Allmachtsgefühle genährt. Die Digitalisierungskultur ermutigt – namentlich in Gestalt der Neuro-Enhancer- und Biohacker-Bewegung – zu technikbasierter Optimierung des eigenen Selbsts, in das man geradezu krankhaft verliebt ist. Individualisierte Werbung, selbstbestätigende Kontaktpflege und virtuelle Realitäten verstärken das Gefühl wohligen Schwebens in einer narzisstischen Blase. Solch aufgeblähte Selbstzentriertheit wird als ein Plus von Freiheit erlebt, stellt sich in Wahrheit aber als Ausdruck menschlicher Verkrümmung in sich selbst dar – theologisch gesprochen: als Folge von Sünde, als unbewusste Gottesferne und verstärkte innere Unfreiheit. Die Folgen betreffen auch die Außenwelt, wie der Psychologe Hans-Joachim Maaz darlegt: „Ein wesentliches Symptom des Narzissmus ist die Unfähigkeit zur Empathie. Der narzisstisch gestörte Mensch ist nur mit sich selbst beschäftigt, um die Wunden zu lecken, die durch Liebesmangel geschlagen wurden, da bleibt kein Raum für andere.“ Von daher erklärt sich das Phänomen, dass in einer laut Maaz insgesamt „narzisstischen Gesellschaft“ die Rücksichtnahme auf die Verlierer der Digitalisierung mehr und mehr schwindet.
Wenn wohlige Spiritualität um sich greift
Diese hier nur kurz umrissenen Strukturen des heutigen Zeitgeistes finden sich auch verstärkt innerhalb der Kirchen wieder. Betroffen sind davon ungefähr alle Ebenen und Strömungen. Nicht von ungefähr haben sich kirchenleitende Organe fast überall der mächtigen Digitalisierung geöffnet – bis hin zur Begrüßung von theologisch eigentlich so sinnwidrigen Phänomenen wie Segensrobotern, „digitalem Abendmahl“ oder digitaler Seelsorge, wie sie kürzlich immerhin Christian Stäblein als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz kritisiert hat. Auf Menschen, die von Digitalisierungsprozessen negativ betroffen sind, wird innerkirchlich bis heute herzlich wenig Rücksicht genommen. Stattdessen werden derzeit immer mehr ortsgemeindliche Strukturen relativiert oder gar verabschiedet zugunsten von überregional und digital organisierten „Gemeinden“, so dass man narzisstisch genau beim je individuell bevorzugten Frömmigkeitsstil andocken kann. Herkömmliche Liturgien und Kirchenmusik werden zunehmend abgebaut zugunsten von charismatisch-emotional gefärbten Strukturen, die textlich und musikalisch oft zu wünschen übriglassen, aber sehr wohl eine intim-regressive Spiritualität, ja mitunter eine gewisse geistliche Kuschel-Atmosphäre fördern. Das bereits urkirchliche Phänomen des Zungenredens ist davon übrigens nicht weit entfernt.
Haben nicht theologisch tiefgehende Reflexionen an den Universitäten, aber auch in den Kirchenleitungen und in den Gemeinden inzwischen immer weniger Chancen? Wissen darum nicht auch längst die Verlage und Buchhandlungen? Sowohl in liberal-theologischen als auch in evangelikal-fundamentalistischen Kreisen lässt sich relativ oberflächliches Argumentieren zunehmend beobachten – fast schon gemäß dem Motto: „Die Stimmung steigt, das Niveau sinkt.“ Damit schwinden allenthalben angemessene Differenzierungspotenziale. In der Folge kommt es vermehrt zu Bestrebungen, bekenntnishafte Grundelemente abzuflachen oder gar preiszugeben, um Einheitlichkeiten und einen „Tanz Gottes mit dem Zeitgeist“ zu ermöglichen, wie das exemplarisch Manuel Gräßlins Buch „Theophobie“ nahelegt. Von „Postevangelikalismus“, „Postkonservativer Hermeneutik“ und notwendigen „Dekonstruktionen“ ist inzwischen in frommen Kreisen die Rede, während auf liberal-theologischer Seite von „notwendigen Abschieden“ und von „Posttheismus“ gesprochen, ja postmoderner Pluralismus rundum begrüßt wird. Christologie und trinitarischer Gottesglaube geraten folglich in Theologie und Kirche immer mehr in die Krise.
Dabei geht der Vormarsch regressiver Frömmigkeit und Theologie durchaus mit eher leicht wachsenden Beteiligungszahlen einher – was kritische Stimmen schnell mundtot macht. Die neuen Angebote von narzisstisch ausgerichteter Spiritualität werden in einer insgesamt „narzisstischen Gesellschaft“ gerne angenommen. Kirche aber wird auf diese Weise mit der Gesellschaft insgesamt immer mehr gleichgeschaltet, und ihr Protestpotenzial schwindet. Religion wird bedürfnisorientiert ausgestaltet, statt eine intellektuell verantwortete, authentische Botschaft zu vertreten. Auch Religionsunterricht verliert zunehmend an irgendwie noch bekenntnishaft und biblisch verantwortlich ausgestalteten Inhalten, sodass inzwischen ökumenische Modelle in den Schulen emporwachsen, während auf der anderen Seite islamischer Religionsunterricht vermehrt Wurzeln schlägt.
Verlust des Denkniveaus und kirchlicher Profile
Regressive Frömmigkeit und Kirchenkultur führen notgedrungen zu einem Verlust kirchlicher Profile. Insbesondere das seit längerem bereits registrierbare Absinken theologischen Denkniveaus an Universitäten und Hochschulen, wovon Professoren angesichts der heranwachsenden Studentengenerationen ein Lied singen können, ist durchaus besorgniserregend. Ist es die „Heilige Geistkraft“, die diese sanfte, einlullende Entwicklung fördert? Ist es der säkulare Zeitgeist? In dem alten Kirchenlied „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“ heißt es: „O dass dein Geist, so wie dein Wort verspricht, dein Volk aus dem Gefängnis nähme! O würd es doch nur bald vor Abendlicht!“ Ja, würde doch in diesem Sinne die derzeitige Entwicklung in Theologie und Kirche mit neuem Elan kritisch beleuchtet! Wenn nicht im kirchlichen Raum – wo sonst sollte kritisches Potenzial kirchlich und gesamtgesellschaftlich spürbar werden?
Der Autor ist evangelischer Pfarrer i.R. und außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Nürnberg-Erlangen.
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