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Chimärer Affe: Aus zwei mix eins

In einer gigantischen "Materialschlacht" erschaffen chinesische Wissenschaftler ein Mischwesen aus zwei Affenembryonen.
Javaner-Makake
Foto: imago stock&people | In insgesamt 206, durch künstliche Befruchtung erzeugte Javaner-Affenembryonen brachten die Forscher embryonale Stammzellen ein, die aus einer zuvor etablierten Stammzelllinie eines weiteren Makaken gewonnen worden ...

Spätestens seit der chinesische Biophysiker He Liankui am 25. November 2018 die Geburt der beiden ersten genetisch modifizierten Mädchen in einer über Youtube verbreiteten Videobotschaft bekannt gab, weiß die Welt, was sie von den Biobastlern und ihren Labors erwarten darf: Alles, außer der Respektierung von Tabus. Und doch macht keines der seitdem durchgeführten Experimente die Rücksichtslosigkeit, mit der Forscher dabei oftmals zu Werke gehen, so augenfällig, wie jenes, über das vergangene Woche chinesische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Cell" berichteten.

"Nach sorgfältiger Abwägung" euthanasiert

Auf 44 Seiten beschreibt dort das Team um die Genetikerin Jing Cao vom Institut für Neurowissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai, wie es ihnen gelang, einen chimären Affen zu erzeugen. Als Chimäre werden in Biologie und Medizin Lebewesen bezeichnet, deren Organismus aus genetisch unterschiedlichen Zellen besteht, die verschiedenen Individuen entstammen.

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Und das ging so: In insgesamt 206, durch künstliche Befruchtung erzeugte Javaner-Affenembryonen brachten die Forscher embryonale Stammzellen ein, die aus einer zuvor etablierten Stammzelllinie eines weiteren Makaken gewonnen worden waren. Vor der Einbringung in die Affenembryos hatte das Team um Jing Cao die embryonalen Stammzellen des Makaken mit einem genetischen Marker versehen, damit sie in den Affenembryos ein grün fluoreszierendes Protein exprimierten. Nachgewiesen werden konnte das Protein anschließend nur in 74 der 206 Embryonen. Diese 74 wurden anschließend 40, in der Studie als "Leihmütter" bezeichneten Javaneraffenweibchen eingepflanzt. Nur sechs der 74 genetisch modifizierten Affen wurden lebend geboren. Von diesen sechs wies wiederum nur einer die chimäre Eigenschaften auf. Presseberichten zufolge "verstarb" auch dieser nach zehn Tagen. Tatsächlich wurde er jedoch, wie aus der "Ethischen Erklärung" der Publikation unzweifelhaft hervorgeht, aufgrund von "Atemversagen und Unterkühlung" von einem Tierarzt "nach sorgfältiger Abwägung" euthanasiert.

Nur weil er es kann, darf der Mensch nicht alles

Man muss kein Gegner von Tierversuchen sein, um eine Vernutzung von Primaten solchen Ausmaßes für menschenunwürdig zu halten. Es reicht der Ansicht zu sein, nur weil er es könne, dürfe der Mensch nicht alles. Fragt man, womit die Forscher, die in ihren Mitgeschöpfen offenbar nichts weiter als biologisches Material zu sehen vermögen, ihre barbarische "Materialschlacht" rechtfertigen, staunt man nicht schlecht. Denn wie der Seniorautor der Biobastler, Zhen Liu, gegenüber "Cell" erklärte, könne die Forschung der Chinesen "helfen, die naive Pluripotenz auch bei anderen Primären, etwa Menschen, besser zu verstehen. Auch könne sie dazu beitragen, bessere Primatenmodelle für die Erforschung neurologischer Erkrankungen sowie für andere biomedizinische Untersuchungen zu erzeugen".

Weiß man, dass andere Forschungsgruppen viel Anstrengung darauf verwenden, mittels einer neuartigen Methode des Klonens humane embryoartige Gebilde zu erzeugen und sogar den Embryo neu definieren wollen, braucht man nur noch eins und eins zusammenzählen. Denn "verstehen" wollen die meisten Forscher heute ohnehin nur das, womit sie anschließend auch etwas anstellen können. Erkenntnisgewinn um der Erkenntnis willen oder gar zum verständigeren Lob der Schöpfung gilt schon lange als obskurant.

"Translationale Forschung", welche die rasche Überführung von Erkenntnissen in Anwendungen fordert, ist der heilige Gral heutiger Wissenschaft. Und was könnte da interessanter und herausfordernder sein, als menschliche Chimären aus geklonten Embryonen und den Stammzellen eines weiteren Exemplars derselben Gattung herzustellen? Und will der Mensch wirklich den Weltraum besiedeln - ein Traum, an dessen Verwirklichung Transhumanisten wie Elon Musk längst basteln - benötigt er dafür in der Tat anderes "Menschenmaterial".

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