Hast du heute Morgen in den Spiegel geschaut … und da vielleicht noch Spuren von Asche auf der Stirn oder im Haar entdeckt? Wahrscheinlich hast du den Staub des Aschermittwochs längst abgewaschen, und das ist auch gut so. Es muss dir ja niemand ansehen, wie du es mit der Fastenzeit hältst.
Denn Jesus sagt im Evangelium: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen! Sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.“
Fasten, Beten, Teilen – das tun wir nicht, um zu „flexen“ und andere zu beeindrucken, sondern für die „Gerechtigkeit“; und damit meint die Bibel die Sorge, ob man auch dem Willen Gottes entspricht. Es ist also eine Sache zwischen dir und Gott, die niemand anderen zu interessieren braucht und deshalb eher geheim, also im Verborgenen, getan wird: „Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ Es gibt also eine Belohnung dafür!
Jetzt wirst du vielleicht fragen: Was habe ich denn zu gewinnen, wenn ich auf etwas verzichte oder mit anderen teile oder meine Zeit Gott schenke? Wenn ich nichts esse, dann kriege ich Hunger; wenn ich etwas abgebe, habe ich weniger; und wenn ich bete, geht mir doch Zeit verloren.
Zuerst einmal: Beim Fasten geht es nicht um Hungern; das wäre für Kinder auch gar nicht gesund! Vielmehr geht es um eine Übung: einfach nicht mehr jedem Impuls nachzugeben, der mir momentan durch den Kopf geht; nicht sofort auf alles zu reagieren, wozu ich gerade Lust hab; nicht gleich umzusetzen, was jetzt Spaß machen würde. Lass dir Zeit zu entscheiden, was du wirklich brauchst, und finde heraus, was dir wirklich guttut!
Höre auf dein Herz
Höre öfter mal auf dein Herz und nicht auf deinen Bauch. Denn der Bauch schreit oft so laut, dass wir nicht mehr hören können, was unser Herz dazu sagen will. Und je öfter und schneller wir dem Bauch folgen, desto öfter und schneller fallen ihm neue Ablenkungen und Vergnügungen ein.
Und so stolpern viele Menschen durchs Leben am Gängelband ihrer Lust. Sie spüren zwar, dass ihnen etwas fehlt, aber weil sie dieses Gefühl nicht aushalten wollen, betäuben sie es mit wertlosen Kleinigkeiten, statt innezuhalten und auf die leise Stimme des Herzens zu lauschen, um herauszufinden, was wirklich gut für sie ist.
Wenn du aber den Mut hast, auf das nächste Vergnügen zu verzichten, wirst du entdecken, dass du mehr Zeit für sinnvolle Dinge hast, die dein Herz länger mit Freude erfüllen als ein kurzer Spaß, der schnell verflogen ist. Du musst nicht mehr auf jeden Frust reagieren, auf jedes böse Wort herausgeben, jede Unlust betäuben. Wer dies vierzig Tage lang trainiert, wird ein freier Mensch sein, der das wählen kann, was er in Wahrheit will. Wenn das nicht ein Riesengewinn ist!
Lasse dir von Gott helfen
Die zweite Übung, das Gebet, hat dieselbe Wirkung – nur, dass du Gott mehr Platz in deinem Leben reservierst und ihn einlädst, dir bei deinen Entscheidungen zu helfen. Beginne den Tag im Namen des Vaters, der dich geschaffen hat, und des Sohnes, der dich erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der dich heiligen will. Mach öfter mal am Tag kurz die Augen zu, atme tief durch und bitte den Heiligen Geist, in deinem Herzen zu wohnen und mit dir durch den Tag zu gehen.
Jeder Konflikt, jedes Problem, jede Enttäuschung birgt einen Sinn, den du entdecken kannst. Du wirst staunend erleben, wie viele Dinge dir leichterfallen, und welche Kraft du bekommst, gute Entscheidungen zu treffen. Und bevor du einschläfst, kannst du dem Vater dafür danken und ihm die kommenden Herausforderungen anvertrauen.
Wie du siehst, geht es in der Fastenzeit gar nicht darum, sich qualvoll einzuschränken und mit Verboten zu belasten. Vielmehr will dir Gott eine neue Lebensqualität schenken, die dich freier und froher und zufriedener macht. Wer sich vom Heiligen Geist getragen weiß, entdeckt eine Freude, die von innen kommt. Sie erfüllt nicht nur den Bauch, sondern das Herz.
Denselben Effekt hat die dritte Übung: Bei „Almosen“ denken wir oft an irgendwelche Spenden für Bedürftige. Aber das griechische Wort Elemosyne, von dem es kommt, heißt eigentlich „Erbarmen“. Gemeint ist: zu verstehen, was mein Mitmensch gerade braucht und ihm eine Freude zu machen. Wer das Teilen, Helfen und Schenken trainiert, wird schnell erfahren, wie er dadurch selbst bereichert wird: Denn Liebe und Freude sind die einzigen Dinge, die zunehmen, wenn man sie teilt!
Was uns Gott schenken will, ist wertvoll wie Gold
Wenn Jesus im Evangelium des Aschermittwochs Fasten, Beten und Almosen empfiehlt, dann greift er drei Übungen auf, die nicht nur im Judentum seiner Zeit eine wichtige Rolle spielen, um geistlich zu wachsen, sondern auch in den anderen großen Religionen. Allerdings betont er, dass es nicht um fromme Pflichten geht, denen man sich anpasst, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Vielmehr möchte dein himmlischer Vater dich beschenken und glücklich machen – und zwar nicht erst im Jenseits, wenn du bei ihm bist, sondern schon hier und heute sollst du in deinem Leben etwas davon haben! Durch Verzichten und Verzeihen übst du dich in Selbstbeherrschung und gewinnst innere Freiheit und Frieden, sodass du dich auch im Spiegel deiner Seele blicken lassen kannst. Durch Gebet und Lobpreis wächst in dir die Liebe zu Gott. Und durch Helfen und Teilen prägst du in dir die Nächstenliebe aus.
Die Fastenzeit ist also ein Trainingsprogramm, das uns helfen will, so zu werden, wie Gott uns gedacht hat. Es ist eine Chance, die Fesseln zu lösen, die uns an unser Ego ketten, und frei zu werden für das Gute. Womit wir uns selber sonst so beschenken, ist vergänglich wie Asche: schnell verflogen und abgewaschen. Was uns dagegen Gott schenken will, ist wertvoll wie Gold: edel und ewig.
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
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