„Jetzt komm schon“, rief Noemi und zog an Papas Hand, so fest sie konnte: „Beeil dich, Papa! Ich will Jesus sehen, nicht nur seine Sandalen!“ Der Weg den Berg hinauf war steinig, und überall liefen Menschen in die gleiche Richtung. Alte Leute stützten sich auf Stöcke, Kinder lachten und stolperten, Frauen trugen Körbe mit Brot. Alle folgten Jesus, der mit großen Schritten voranging wie ein Hirte. Alle wollten hören, was er zu sagen hatte. Aber Noemi konnte nur die Spitze seines Wanderstabs sehen.
„Was hast du denn, mein Schäfchen?“, schnaufte Papa. „Jesus und die Jünger werden schon oben warten!“ „Ja, aber dann seh ich nix. Ich will ganz vorne stehen, wenn er redet!“ Endlich machte der Hirtenstab Halt. Jesus stellte sich auf einen Felsen und winkte die Menge zu sich. Noch ein paar Schritte und Noemi konnte ganz nahe bei den Jüngern sitzen. Da hob Jesus die Arme und streckte sie in den Himmel. Wie Mose auf dem Berg Sinai, als er den Israeliten die Zehn Gebote verkündet hat, dachte Noemi. Alle wurden ganz ruhig und warteten gespannt, was Jesus nun verkünden würde. Ob er wohl ein neues Gesetz vom Himmel holen würde? Endlich war auch Papa da.
„Glücklich!“, rief Jesus und blickte die Menschen freundlich an: „Glücklich, die arm sind vor Gott! Die wissen, dass sie ihn brauchen und sich von ihm helfen lassen. Wenn ihr deshalb gekommen seid, dann habe ich für euch eine gute Nachricht: Euch gehört das Reich meines Vaters!“ Die Leute waren verblüfft. Sie hatten erwartet, dass Jesus ihnen sagte, wie sie leben sollen. Doch er wollte, dass sie glücklich sind. „Ihr habt mich richtig verstanden“, sagte Jesus. „Wer sich nichts einbildet auf seine Leistungen und sein Ansehen, sondern sich alles von Gott erwartet, der bekommt von ihm alles! Wer sich von meinem Vater beschenken lässt, der wohnt schon jetzt im Himmelreich!“
Jesus ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Noemis Herz klopfte. „Glücklich“, fuhr Jesus fort, „die traurig sind. Gott sieht eure Tränen. Er wird euch trösten.“ Neben Noemi schluchzte eine Frau leise, und eine andere legte tröstend den Arm um sie. Noemi rückte ein bisschen näher an Papa. Sie dachte an ihre Mama, die manchmal so müde war, und wünschte sich, dass Gott auch sie in den Arm nahm.
„Glücklich die Sanftmütigen“, sagte Jesus weiter, „die nicht mit Fäusten kämpfen, sondern mit einem Herzen voll Liebe: Sie werden das Land regieren. Wer barmherzig ist, wird selber Glück und Erbarmen finden.“ Noemi stellte sich vor, wie die Welt aussehen würde, wenn keiner mehr den anderen herumschubste oder anbrüllte. Das gefiel ihr. „Alle, die Frieden stiften und Streitende versöhnen, dürfen sich freuen: Man wird sie Kinder Gottes nennen. Und selig, die sich für die Armen und Unterdrückten einsetzen: Wer Hunger hat nach Gerechtigkeit, wird auch satt werden.“
„Aber wenn wir dafür dann selber verspottet und ausgegrenzt werden“, brummte jemand in der Nähe. „Glücklich seid ihr, wenn man euch wegen mir schmäht und verfolgt“, sagte Jesus, als ob er es gehört hätte. „Denn auf euch wartet reicher Lohn.“ Noemi schaute in die leuchtenden Augen Jesu; da trafen sich ihre Blicke. „Selig, die ein reines Herz haben, das nicht zuerst den eigenen Vorteil sucht. Sie werden Gott schauen!“ Noemi fühlte sich von diesem Blick eingehüllt, als badete sie in der Sonne. Um sie herum war kein Ton zu hören, nur das Zwitschern der Spatzen und das Rascheln des Windes im Gras. Der Glanz Gottes legte sich über die Menschenmenge und erfüllte sie mit Frieden und Freude.
Papa legte den Arm um sie. „Na, mein Schäfchen?“, flüsterte er. „Jesus hat uns seine Gebote ins Herz geschrieben.“ Noemi nickte: „Ja“, sagte sie leise, „ich fühle mich ganz stark und voller Glück.“ Und während sie wieder den Berg hinabgingen, war es ihr, als würde sie ein kleines Stück Himmel mit nach Hause tragen.
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Was sagt Jesus: Wem gehört das Himmelreich? – Den Menschen, die arm sind vor Gott, und denjenigen, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen
Wen nennt er „Kinder Gottes“? – Die Menschen, die Frieden stiften
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