In der Tradition der Kirche wird die heutige Evangelienperikope mit der Taufe in Verbindung gebracht, die als Erleuchtung im Glauben zu interpretieren ist. Auch heute spielt sie wieder eine zentrale Rolle, und zwar in der näheren Vorbereitung auf die Erwachsenentaufe im Rahmen des Katechumenats, da die einzelnen Schritte der Blindenheilung – das Bestreichen der Augen, die Waschung, das Geschenk des Glaubens und das Glaubensbekenntnis – dem Reichtum der Taufliturgie entsprechen.
Der faszinierende Dialog des Geheilten mit den Pharisäern und seine heranreifende Jesus-Erfahrung, die final zur Gotteserfahrung wird, bergen jedoch noch mehr Inhalt, den auch ein bereits Getaufter als Entfaltung seiner Taufe immer wieder neu für sich entdecken kann. Eingangs nimmt Jesus Stellung zur existenziellen Frage aller Zeiten, dem unverschuldeten Leiden, das in der alten jüdischen Theologie in der Regel doch auf die persönliche oder fremde Verfehlung zurückgeführt wurde. Jesus geht auf Distanz zu dieser Deutung und nimmt das wie auch immer verursachte Elend des Menschen zum Anlass, die Heilsmacht Gottes wirken zu lassen. Der Geheilte hingegen durchläuft einen Glaubensprozess. Die Heilung von Blindheit erweist sich nur als eine Etappe auf dem Weg der ganzheitlichen Heilung, die im Geschenk des wahren Lichts – des Glaubens – kulminiert.
Der Glaube wächst im Laufe der Auseinandersetzung mit den Gegnern Jesu, in der der Geheilte sogar den Ausschluss aus der Synagoge für sein Bekenntnis zu dem riskiert, den er zunächst nur als „den Menschen, der Jesus heißt“ bezeichnet (V. 11), um ihn am Ende (V. 38) als den „Herrn“ anzubeten.
Christus bringt feste Vorstellungen ins Wanken
So illustriert das Evangelium insgesamt die zusammenfassende Aussage Jesu von Vers 39: Die Selbstgenügsamkeit der scheinbar erleuchteten Glaubensexperten führt zur Blindheit, während die Demut derjenigen, die für Blinde gehalten werden, mit dem Licht des Glaubens belohnt wird. Eine aktuelle Herausforderung. Christus ist das Licht der Welt, auch wenn die Welt es nicht erkennt oder es nicht erkennen will. Die Souveränität des Gottessohnes bringt die menschlichen Festlegungen durcheinander. Das schmerzt.
Es ist einfacher, sich ein Gottes- und Menschenbild selbst zu machen, durchaus mithilfe von den „Humanwissenschaften“, die trotz ihrer Zeitbedingtheit und Heterogenität manchmal für eine unerschütterliche Selbstsicherheit ausreichen. Die einzige selbstverschuldete Blindheit ist diejenige, die nicht ehrlich anerkannt wird. Aber der Laetare-Sonntag kommt gerade dieser Not entgegen: Ja, ich darf mich freuen, wenn ich meine innere Blindheit entdecke, denn die echte Erleuchtung ist schon zu mir unterwegs.
1 Samuel 16, 1b.6–7.10–13b
Epheser 5, 8–14
Johannes 9, 1–41
Zu den Lesungen des 4. Fastensonntags 2026 (Lesejahr A)
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