Weder staatliche noch kirchliche Archive enthalten Beweise dafür, dass Erzbischof Karol Wojtyła als Metropolit von Krakau (1962–1978) Pädophilie vertuscht hat. Im Gegenteil: Journalisten der „Rzeczpospolita“ führten nach Öffnung der Krakauer Kurienarchive als Erste umfangreiche Recherchen durch und sichteten Dokumente zu pädophilen Priestern, zu denen Wojtyła Kontakt hatte. „Rzeczpospolita“ ist nach der „Gazeta Wyborcza“ die zweitgrößte seriöse überregionale Tageszeitung in Polen.
„Einige der Entscheidungen von Kardinal Karol Wojtyła in Bezug auf pädophile Priester gingen sogar über den Standard hinaus. „Bereits 2022/23 hatten wir zu diesem Zweck die Archive des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) untersucht. Beide Untersuchungen ergaben, dass Wojtyła Priester nach Bekanntwerden ihrer Straftaten nicht einfach von einer Gemeinde in eine andere versetzte, sondern gemäß Kirchenrecht umgehend handelte“, heißt es in der aktuellen Rzeczpospolita-Feuilletonbeilage Plus-Minus. Und weiter: „Einige seiner Entscheidungen – wie etwa die Einweisung eines des Kindesmissbrauchs verdächtigten Priesters in eine psychiatrische Untersuchung im Jahr 1969 – waren für die damalige Zeit ungewöhnlich“.
taz beeilte sich, Papst Johannes Paul II. vorzuverurteilen
Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass Johannes Paul II. als Säulenheiliger Polens gilt. Doch 2023 begann das Andenken an den polnischen Papst Risse zu bekommen. Angesichts von Missbrauchsskandalen in der polnischen Kirche wollte eine staatliche Einrichtung Sexualdelikte von Geistlichen aus der kommunistischen Ära untersuchen. In den Archiven des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN) sollte etwa geprüft werden, was der kommunistische Geheimdienst in diesen Fällen jeweils wusste. Der Journalist Marcin Gutowski hatte vor drei Jahren im polnischen Fernsehen Vorwürfe erhoben, die bereits der niederländische Autor Ekke Overbeek in einem sogenannten „Enthüllungsbuch“ präsentierte. Gutowski zufolge soll Wojtyla Priester seiner Diözese, über deren Taten er informiert war, in andere Gemeinden versetzt haben, um Skandale zu vermeiden. Die „taz“ beeilte sich, mit einer Geschichte unter der Überschrift „Der unheilige Heilige“ herauszukommen und am Ansehen Johannes Pauls II. zu rütteln. „Dass Papst Johannes Paul II. von Missbrauch wusste, scheint bewiesen“, schrieb die „taz“ damals voreilig.
Aber auch innerhalb Polens, das trotz zunehmender Säkularisierungstendenzen immer noch mehrheitlich als „praktizierend katholisch“ bezeichnet werden kann, wuchs die Nervosität. Was wusste Karol Wojtyła? Die Sorge, dass das Renommee des polnischen Papstes ernsthaft in Mitleidenschaft geraten könne, erlebte Ende 2025 in Polen noch einmal einen kurzen Auftrieb. Im November ernannte Papst Leo XIV. Grzegorz Kardinal Ryś zum Erzbischof und Metropoliten von Krakau. Ryś gilt als – für polnische Verhältnisse – kirchenpolitisch liberal und hat den Ruf, Missbrauchsfälle transparent und entschlossen aufzuarbeiten. Diesen Ruf hat sich der charismatische Kardinal, der dem Neokatechumenalen Weg nahesteht, bereits als Erzbischof von Łódź erarbeitet.
Neuer Erzbischof öffnet Archive
Das Archiv der Metropolitenkurie in Krakau, das Forschern mehrere Jahre lang verschlossen war, wurde Anfang Februar wiedereröffnet. Kardinal Grzegorz Ryś erteilte der „Rzeczpospolita“ die Erlaubnis, die Dokumente der Patres Eugeniusz Surgent, Józef Loranc und Bolesław Saduś einzusehen. Die beiden wurden in den 1970er-Jahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu Haftstrafen verurteilt. „Rzeczpospolita“ berichtete Ende 2022 erstmals über diese Fälle. Medienberichten zufolge schickte Wojtyła, nachdem er von den Kindesmissbrauchsfällen von Pater Saduś erfahren hatte, diesen angeblich nach Österreich.
Die Dokumente dieser Priester umfassen laut den Recherchen insgesamt neun kompakte Bände und mehrere hundert Schriftstücke, die bei weiteren Nachforschungen in anderen Archiven, etwa in den Akten der Pfarreien, in denen sie wirkten, gefunden wurden. Darunter befinden sich unter anderem Stellungnahmen von Pfarrern zu ihrer Arbeit, Briefe von Gläubigen mit der Bitte um ihren Verbleib in der Pfarrei, offizielle Versetzungsdokumente sowie Entlassungen und Berufsverbote.
Johannes Paul II. zog pädophile Priester schneller zur Rechenschaft als die Polizei
Vom 10. Februar an kehrten die Journalisten über mehrere Wochen in die Archive zurück, um die Dokumente gründlich zu analysieren und die Recherchen auszuweiten. „Wir fanden keine Beweise dafür, dass Kardinal Karol Wojtyła Pädophilie bewusst vertuscht hat; die Versetzungen der Priester erfolgten aufgrund ihrer Konflikte“, schreiben sie in der aktuellen Rzeczpospolita-Feuilletonbeilage Plus-Minus. Mehr noch: Die Kirche zog pädophile Priester schneller zur Rechenschaft als die Polizei.
Das Vorgehen des heiligen Johannes Paul II. als Kardinalerzbischof von Krakau gegenüber Pater Surgent und Pater Loranc sei nach Bekanntwerden ihrer Verbrechen schnell und entschieden gewesen, so die Recherche: Suspendierung vom Dienst, die Anweisung, die Pfarrei zu verlassen, und die Anordnung, sich bis zur Klärung des Sachverhalts in einem bestimmten Gebiet aufzuhalten. In beiden Fällen traf Wojtyła offenbar schnelle Entscheidungen, die sich an den Maßgaben der Strafverfolgungsbehörden orientierten. Als die Polizei ihre Ermittlungen aufnahm, waren beide Geistlichen sogar bereits von der Kirche suspendiert und vom Tatort entfernt worden. Nach Verbüßung ihrer Haftstrafen wurden sie nicht wieder in ihre Ämter eingesetzt, sondern zur Buße in Klöster geschickt, ohne das Recht, die Messe zu feiern oder die Beichte abzunehmen. Im Fall von Pater Saduś fand die „Rzeczpospolita“ keine Hinweise darauf, dass Wojtyła jemals von dem mutmaßlichen Kindesmissbrauch erfahren hatte. Daher war seine Versetzung nach Österreich kein Versuch, seine Taten zu vertuschen. Zu denselben Schlussfolgerungen gelangte die Zeitung, als sie Dokumente des Instituts für Nationales Gedenken analysierte.
Die Frage des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester der Erzdiözese Krakau und das Verhalten der Kirchenhierarchie werden nun von einer unabhängigen Expertenkommission untersucht. Am Mittwoch beschlossen die polnischen Bischöfe deren Einsetzung.
Als Papst Maßstäbe bei Missbrauchsbekämpfung gesetzt
Wie die polnische Journalistin Milena Kindziuk in der Wochenzeitung Niedziela schreibt, sei Karol Wojtyła bereits als Papst Johannes Paul II. derjenige gewesen, der erstmals systematisch die kirchenrechtlichen Vorschriften gegenüber Priestern verschärfte, die in Fälle von Pädophilie verwickelt waren. Nach Darstellung Kindziuks verabschiedete Johannes Paul II. 1983 den neuen Kodex des kanonischen Rechts, in dem strenge Strafen für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen – bis hin zur Entlassung aus dem Priesteramt – klar festgeschrieben wurden. Dabei handle es sich nicht mehr um lokale Gewohnheiten oder einzelne Praxisformen, sondern um verbindliche Normen für die gesamte Kirche.
Und in der Tat: Johannes Paul II. hat im Jahr 1992 im Katechismus der Katholischen Kirche verkündet, dass der Missbrauch eines Kindes eindeutig als schweres Verbrechen und als Sünde bezeichnet wird, die in besonderer Weise zum Himmel schreit. Ein weiterer Schritt war schließlich das Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela aus dem Jahr 2001. Darin stufte Papst Johannes Paul II. Straftaten gegen Minderjährige als einige der schwersten Verbrechen innerhalb der Kirche ein, ordnete die obligatorische Meldung jedes schwerwiegenden Falls an die Kongregation für die Glaubenslehre an und behielt dem Apostolischen Stuhl die Durchführung der Strafverfahren vor.
Von diesem Zeitpunkt an, so Kindziuk, habe kein Bischof mehr einen solchen Fall einfach „unter den Teppich kehren“ können, da die kirchenrechtlichen Untersuchungen nun der Kontrolle aus Rom unterstanden und die Entlassung aus dem Klerikerstand tatsächlich als Strafe verhängt werden konnte.
Die Autoren der „Rzeczpospolita“ betonen, dass die Archivrecherchen nicht das Ende der historischen Diskussion bedeuten. Die veröffentlichten Materialien stellen jedoch einen wichtigen Beitrag zur Debatte über die Bewertung der Haltung von Karol Wojtyła gegenüber Missbrauchsfällen in der Kirche während seiner Amtszeit in Krakau dar. Nach den Erkenntnissen der Zeitung widerlegen die verfügbaren Dokumente eindeutig die These einer systematischen Vertuschung von Straftaten durch den späteren Papst. Vielmehr belegen sie, dass er im Rahmen der damals geltenden Verfahren entschieden tätig wurde.
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