Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Rückflug aus Afrika

Der Papst und das Chaos in der Welt

Das muslimische Kind, die Migration und der Münchner Kardinal: Themen von Leo XIV. zum Abschluss seiner Afrikareise.
Papst auf dem Rückflug von Äquatorialguinea nach Rom
Foto: IMAGO/ABACA (www.imago-images.de) | Vor einer Woche: Abschließendes Journalistengespräch mit dem Papst auf dem Rückflug von Äquatorialguinea nach Rom.

Nach der Reise ist vor der Reise. „Guten Morgen an alle“, begrüßte Leo XIV. die Journalisten auf der abschließenden Pressekonferenz beim Rückflug von Äquatorialguinea nach Rom und fügte humorvoll hinzu: „Ich hoffe, es geht euch gut und ihr seid bereit für eine weitere Reise. Die Akkus sind schon aufgeladen!“ Gerade erst hatte der Papst in Malabo seine letzte Messe auf afrikanischem Boden gefeiert, aber er wirkte frisch und erholt.

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Ob auch bei den Medienvertretern die Akkus nach wie vor geladen sind, dürfte nicht nur an ausreichender Erholung liegen. Papstreisen sind teuer, eigentlich können sie sich nur größere Medienhäuser leisten. 69 Berichterstatter und Kameraleute hatten Leo XIV. jetzt begleitet, weniger als bei vergangenen Auslandsvisiten der Päpste. Pro Kopf hatte da jeder über 11.000 Euro zu zahlen. Damit waren die Flüge finanziert, die den Papst und seine Delegation durch vier Länder geführt hatten.

Journalisten interessieren sich für viele Themen - nur nicht für Afrika

Ob das aber auch dem afrikanischen Kontinent zugutekam, zumindest einer vertieften Darstellung der Lage in den besuchten vier Ländern mit ihren Sorgen und Nöten, darf man bezweifeln. Denn das Interesse der Journalisten hatte zumeist anderen Themen gegolten. Für die Medien diente die Afrikareise des Papstes nur als Bühne, um publikumswirksamere Fragen der Welt- und Kirchenpolitik zu ventilieren.

Direkt die erste Journalistenfrage – nach dem Chaos rund um den Iran-Krieg und die Einschätzung des Papstes dieser Lage – zielte nicht auf Afrika, sondern auf das derzeitige außenpolitische Thema Nummer eins. Der Papst antwortete sehr persönlich: „Was wir gesehen haben, ist, dass viele Unschuldige gestorben sind. Ich habe gerade den Brief einiger Familien von Kindern gesehen, die am ersten Tag des Angriffs ums Leben gekommen sind. Und sie sprechen davon, dass sie nun ihre Söhne, Töchter und Kinder verloren haben, die dabei ums Leben gekommen sind. Die Frage ist nicht, ob sich das Regime ändert oder nicht, die Frage ist, wie wir die Werte, an die wir glauben, fördern können, ohne dass dabei so viele Unschuldige sterben.“

Grundsätzlicher fügte Leo an, dass die Iran-Frage sehr komplex sei. Es sei eine chaotische Situation entstanden, die für die Weltwirtschaft kritisch sei, aber es gebe auch eine ganze Bevölkerung im Iran, die aus unschuldigen Menschen bestehe und unter diesem Krieg leide. Es sei sehr wichtig, dass die Unschuldigen geschützt würden, wie es an verschiedenen Orten nicht geschehen sei, sagte der Papst und fügte wieder eine persönliche Bemerkung an: „Ich trage ein Foto eines muslimischen Kindes bei mir, das während meines Besuchs im Libanon dort mit einem Schild stand, auf dem ,Willkommen, Papst Leo’ stand, und das dann in dieser letzten Phase des Krieges getötet wurde. Es gibt so viele menschliche Schicksale, und ich denke, wir müssen die Fähigkeit haben, in dieser Weise zu denken.“ Als Kirche, als Hirte könne er nicht für den Krieg sein, und ermutigte alle Parteien, „sich um Antworten zu bemühen, die aus einer Kultur des Friedens und nicht aus Hass und Spaltung stammen“.

Staat habe das Recht, seine Grenzen zu regulieren

Auch die zweite Frage berührte ein globales Phänomen – die Migration – und hängte sich am nächsten großen Reiseziel, Spanien, auf, wo auf den Kanarischen Inseln die Flüchtlingsströme eine große Rolle spielen. Das Thema Einwanderung sei sehr komplex und betreffe viele Länder, nicht nur Spanien, nicht nur Europa, die Vereinigten Staaten, antwortete der Papst, es ist ein weltweites Phänomen. Doch er wolle zuerst fragen, was denn der Norden der Welt tue, um dem Süden der Welt zu helfen, oder jenen Ländern, in denen junge Menschen heute keine Zukunft finden und daher diesen Traum leben, in den Norden gehen zu wollen? „Alle wollen in den Norden, aber oft hat der Norden keine Antworten darauf, wie er ihnen Möglichkeiten bieten kann.“

Er persönlich glaube, meinte Papst Leo weiter, „dass ein Staat das Recht hat, an seinen Grenzen Regeln aufzustellen. Ich sage nicht, dass alle ungeordnet einreisen dürfen, was an den Orten, an die sie gehen, manchmal zu Situationen führt, die ungerechter sind als die, die sie zurückgelassen haben. Aber dennoch frage ich mich: Was tun wir in den reicheren Ländern, um die Situation in den ärmeren Ländern zu ändern? Warum können wir nicht versuchen, sowohl mit staatlicher Hilfe als auch mit Investitionen großer, reicher Unternehmen und multinationaler Konzerne die Situation in Ländern wie denen zu ändern, die wir auf dieser Reise besucht haben?“

Daraufhin angesprochen, dass er jetzt in Afrika einige der autokratischsten Staatschefs aufgesucht habe, ging der Papst auch auf die Beziehungen des Vatikans zu Regierungen ein, die diktatorische Züge tragen. Leo XIV. wiederholte den Hauptzweck, den seine Reisen hätten: Menschen zu begegnen und Menschen zu helfen, was nicht bedeute, als würden der Papst oder die Kirche sagen, dass es in Ordnung sei, unter einem autokratischen Regime zu leben.

Der Papst unterstrich den großen Wert, den der Vatikan der Aufrechterhaltung diplomatischer Beziehungen zu Ländern auf der ganzen Welt beimesse – auch Staaten, die autoritäre Führer hätten. „Wir haben die Möglichkeit, mit ihnen auf diplomatischer Ebene, auf formaler Ebene zu sprechen. Wir geben nicht immer große Erklärungen ab, in denen wir Kritik üben, urteilen oder verurteilen. Aber hinter den Kulissen wird sehr viel Arbeit geleistet, um Gerechtigkeit zu fördern, um humanitäre Anliegen voranzubringen.“ Es gebe Fälle, in denen man politische Gefangene freibekommen oder bei Hunger und Krankheit helfen wolle. Wenn der Heilige Stuhl also unter Wahrung der Neutralität versuche, diplomatische Beziehungen zu vielen verschiedenen Ländern aufrechtzuerhalten, gehe es immer darum, das Evangelium auf konkrete Situationen anzuwenden, damit sich das Leben der Menschen verbessern könne. 

Die Frage, die international für den größten Nachhall sorgt

Doch dann kam abschließend die Frage, die international am meisten für Nachhall sorgen sollte, nämlich die nach dem Münchener Kardinal Reinhard Marx, der kurz vor der Afrikareise des Papstes in seiner Erzdiözese grünes Licht für die vom Vatikan nicht gewollten Segensfeiern für nicht normal verheiratete Paare gegeben hatte. Zunächst machte der Papst eine Vorbemerkung: „Ich halte es für sehr wichtig zu verstehen, dass die Einheit oder Spaltung der Kirche nicht um sexuelle Fragen kreisen sollte. Wir neigen dazu zu glauben, dass dann, wenn die Kirche von Moral spricht, das einzige moralische Thema die Sexualität sei. Tatsächlich glaube ich, dass es viel größere und wichtigere Themen gibt, wie Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, die Freiheit von Männern und Frauen sowie die Religionsfreiheit, die vor dieser speziellen Frage den Vorrang haben sollten.“ 

Dann aber wurde Papst Leo konkret: Der Vatikan habe bereits mit den deutschen Bischöfen gesprochen und klargestellt, „dass wir mit der formellen Segnung von Paaren – in diesem Fall von homosexuellen Paaren, wie sie es gefordert haben – oder von Paaren in irregulären Situationen nicht einverstanden sind. Und das abgesehen von dem, was Papst Franziskus ausdrücklich erlaubt hat, indem er sagte, dass alle Menschen den Segen empfangen sollen. Wenn ein Priester am Ende der Messe den Segen erteilt, wenn der Papst am Ende einer großen Feier wie der heutigen den Segen erteilt, gibt es Segnungen für alle Menschen. Der berühmte Ausdruck von Franziskus – „alle, alle, alle“ – drückt die Überzeugung der Kirche aus, dass alle willkommen sind, dass alle eingeladen sind, Jesus nachzufolgen und die Bekehrung in ihrem Leben zu suchen. Darüber hinauszugehen, glaube ich, könnte heute mehr Uneinigkeit als Einheit stiften, und wir sollten versuchen, unsere Einheit auf Jesus Christus und auf das, was Jesus Christus lehrt, zu gründen.“

Ob es bei diesen Worten bleibt oder der Vatikan nach der Entscheidung von Marx Taten folgen lässt, ließ Leo offen. Beobachter gehen aber davon aus, dass Rom reagieren wird – und zwar im Sinne der Worte des Papstes –, wenn Priester der Erzdiözese München der Weisung ihres Kardinals nicht folgen können oder wollen und sich hilfesuchend an den Vatikan wenden werden. 

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Guido Horst Leo XIV.

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