Würzburg

Clemens von Alexandrien: „Ein Christ kann ein Wissender sein“

Ein Gespräch über Bildung und Erziehung.

Clemens von Alexandrien
Lebenslanger Bildungseifer prägte Clemens von Alexandrien. Foto: IN

Clemens von Alexandrien kam der Überlieferung nach um 150 in Athen zur Welt. Nach Studienaufenthalten in Griechenland, Süditalien, Palästina und Ägypten wurde er 175 Lehrer an der berühmten Katechetenschule von Alexandrien. Er verteidigte das Christentum gegen Irrlehren und Vorurteile und versuchte eine Synthese griechischer Philosophie und des christlichen Glaubens. 215 starb er in Ägypten.

Clemens galt als Heiliger, wurde aber bei der Überarbeitung des römischen Martyrologiums nach dem Konzil von Trient gestrichen, da über sein Leben wenig bekannt ist. Michael Erler sprach mit ihm über die Frage „Was ist ein gebildeter und erzogener Mensch?

Lieber Clemens, betrachtet man deine Aktivitäten in Alexandria, gewinnt man den Eindruck, dass es eines deiner Hauptanliegen war, den christlichen Glauben mit paganer Bildung zu versöhnen. Dabei billigst du paganer Bildung und platonischer Philosophie die Rolle der Magd Hagar zu. Denn du willst zeigen, dass die Lehren großer Philosophen wie Platon dem Verständnis christlicher Lehre dienen können und dass christlicher Glaube eine Art von Philosophie in der Nachfolge Christi ist. Weshalb tust du das?

Mein Lebenslauf mag zu diesem Wunsch beigetragen haben. Ich stamme aus einer heidnischen Familie in Athen, habe mich dann zum Christentum bekehrt und ließ mich nach ausgedehnten Reisen in Alexandria nieder. Dort fand ich in der Katechetenschule des Pantainos meine theologische Heimat. In Alexandria erlebte ich Weltoffenheit und großen Bildungsreichtum. Seit langer Zeit schon wurden in Alexandria Philologie, Naturwissenschaften, Schriftexegese und Philosophie gepflegt und gab es ein hellenistisch geprägtes Judentum. Ich wusste, wer in diesem Umfeld christlicher Lehre zu Ansehen verhelfen will, muss sich als Christ mit der Bildungselite seiner Zeit auf Augenhöhe bewegen. Deshalb hielt ich es für wichtig, als Christ für pagane Traditionen aufgeschlossen zu sein. Insbesondere fragte ich mich, ob der Platonismus, der im zweiten Jahrhundert nach Christus zur dominanten Philosophie wurde, für uns Christen nützlich sein kann, um unsere Lehre geistig noch besser zu durchdringen oder sie anderen besser erklären zu können. Ich fand zum Beispiel Platons Unterscheidung einer materiellen von einer geistigen Welt hilfreich, unsere Vorstellung von Gott besser zu verstehen. Platons Forderung, man müsse sich im Leben an Gott angleichen, drückt gut aus, was auch wir Christen von einer christlichen Lebensführung erwarten.

Ich verstehe. Du wolltest den Gebildeten unter den Heiden in Alexandria zeigen, dass das Christentum eine Religion ist, die auch für sie interessant sein kann?

Richtig. Es geht mir um Aufklärung und den Nachweis, dass Bildung und Platonismus nicht in prinzipiellem Widerspruch zum Christentum stehen. Dazu muss man wissen, dass die Frage, ob Bildung für die Rettung der Seele notwendig und hilfreich ist, von Christen lebendig diskutiert wurde. Platoniker waren hiervon fest überzeugt. Platon hat in seinem Hauptwerk „Politeia“ ein umfangreiches curriculum für den Weg zur Erkenntnis Gottes vorgegeben. Den Christen, die ganz auf schlichte Frömmigkeit setzten, unterstellten die Platoniker deshalb, eine Lehre für Einfältige anzubieten und „für die Menge“, zu predigen, wohingegen Platon seine Gerichte mit „Bildung würze“, um eine Bildungselite anzusprechen.

Diesem Vorwurf möchtest du mit einem christlichen Bildungsangebot entgegentreten. Aber hast du dir damit nicht auch Kritik aus den eigenen Reihen eingehandelt?

Das stimmt. Zunächst muss ich zugeben, dass der Vorwurf christlicher Bildungsferne von Platonikern auf den ersten Blick nicht ganz falsch scheint. Denn viele Christen sehen im christlichen Glauben in der Tat eine Lehre für einfache Leute. Wahre Frömmigkeit, so meinen sie, zeichne sich durch Schlichtheit (simpliciores) aus. Sie fordern, man solle das Christentum nach Art schlichter Fischer, nicht wie spitzfindige Philosophen (pisicatorie, non Aristotelice) verkünden und berufen sich dabei auf Petrus, Jakob, Andreas und Johannes. Ich glaube jedoch, dass ein Christ auch Gnostiker – ein Wissender – sein kann und sich zu diesem Zweck auch mit wissenschaftlichen, literarischen und philosophischen Traditionen beschäftigen darf. Doch, so möchte ich betonen, darf diese Beschäftigung mit Philosophie und Bildung kein Selbstzweck sein. Es muss allein darum gehen, den christlichen Glauben besser zu verstehen und erklären zu können. Dies zu vermitteln war nicht immer leicht. Was mir bei gebildeten Heiden also Sympathien gewinnen mochte – mein Bemühen, Bildung und Platonische Philosophie mit christlichen Vorstellungen zu verbinden – brachte Christen, die einer schlichten Frömmigkeit (simpliciores) den Vorzug gaben, gegen mich auf. Sie hatten zudem nicht wenige Bischöfe als ihre Fürsprecher und damit auch politischen Einfluss.

Dennoch hast Du deine Position auch in deinen Schriften vertreten und gezeigt, dass und wie Bildung und Platonismus für das Verständnis und Vermittlung der eigenen Position hilfreich sein können.

Gewiss. Ich lege in meinen Schriften dar, wie bei den Menschen für das Christentum geworben und durch Belehrung ein frommer Sinn geweckt werden kann. Dann müssen die Bekehrten von Unwissen und Affekten gereinigt werden und es muss ihnen christliche Lebensweise vor Augen geführt werden. Schließlich schildere ich, wie der frisch erworbene Glaube durch dogmatische Belehrung zu festigen ist. Dabei lasse ich immer wieder auch Konzepte einfließen und wende Methoden an, die man in der paganen Tradition finden und zum Beispiel vom platonischen Sokrates lernen kann. In einem Band mit dem Titel „Protreptikos“, in dem es um Werbung und Mahnungen (Protrepse) geht, bekämpfe ich zum Beispiel die Immoralität traditioneller Götterkulte und bediene mich auch solcher Argumente, wie ich sie bei Platon gefunden habe; gleichzeitig gehe ich aber auch auf das mosaische Gesetz als Vorstufe der christlichen Offenbarung ein. In einem weiteren Band mit dem Titel „Paedagogos“ (Erzieher) soll die Seele des Lesers zur Aufnahme des neuen Wissens bereitgemacht werden. Ich gehe dabei auf Fragen christlicher Lebensgestaltung bis in Details des täglichen Lebens ein. Zu einer dritten Schrift mit dem Titel „Lehrer“ (didaskalikos) bin ich leider nicht gekommen. Dafür habe ich aber acht Bücher verfasst, in denen ich eine Fülle von Material, Überlegungen und kurze Abhandlungen zu unterschiedlichen Themen biete, die für die Frage nach der Beziehung des christlichen Glaubens zu paganer Bildung und Philosophie relevant sind. Immer geht es mir darum zu zeigen, dass und wie philosophische Thesen als Material und als Vorbereitung (Praeparatio) für christliche Belehrung und Seelsorge genutzt werden können.

Kannst Du mir ein Beispiel geben?

Gerne. In der Schrift „Paedagogus“ zeige ich, wie man den Weg zu jenem Zustand findet, den wir Christen „vollkommene Kindschaft“ nennen. Es handelt sich um den Zustand des „neuen Menschen“ nach der Bekehrung und um die Voraussetzung für den Weg der Angleichung an Gott. Das Bild der „vollkommenen Kindschaft“ stammt aus dem Neuen Testament. Das Wort Kind ist aber auch im griechischen Wort für Erzieher – Paidagoge – enthalten. Dies legt eine Konvergenz von paganer Tradition und christlicher Vorstellung nahe, schafft aber auch ein Problem. Denn in der paganen Tradition gelten Kinder als unfertige Wesen, die noch ganz von Emotionen und Affekten geleitet werden. Platon etwa spricht im Dialog „Phaidon“ von einem „Kind in Menschen“, wenn er erklären will, dass auch Erwachsene sich bisweilen einer vernünftigen Überlegung widersetzen. Der positive Ausdruck „vollkommene Kinder“ für frisch bekehrte Menschen wird pagan gebildete Leser also irritieren. Um das zu vermeiden, habe ich die Vorstellung vom unfertigen Kind mit der christlich positiven These vom „vollkommenen Kind“ verbunden und beide unterschiedliche Auffassungen vom Kind zu Metaphern für zwei unterschiedliche Phasen innerhalb des christlichen Bildungscurriculums gemacht. Das „pagan“ „unfertige“ Kind steht für eine Vorstufe in diesem Bildungsprozesses, in der Bekehrung noch angestrebt wird. Das „vollkommene“ Kind bezeichnet die Phase nach der Bekehrung, wenn der Mensch aber noch durch Emotionen abgelenkt wird und Fürsorge benötigt. Für diese Seelsorge empfehle ich Methoden wie diejenigen, die Sokrates bei Platon für die Fürsorge für seine Partner und den „unfertigen Kindern“ in ihnen anwendet. Ich übernehme, transferiere und integriere also platonische Vorstellungen in ein neues, christliches Erziehungskonzept. Nicht ohne Grund hat man meine Schrift Pädagogus als früheste Schilderung christlicher Ethik bezeichnet.

Die Stufung zeigt exemplarisch Dein Bemühen, Christliches und Paganes zu verbinden.

In der Tat möchte ich Erwartungen heidnischer Bildungseliten gerecht werden, gleichzeitig aber die Vertreter einer schlichten Bildungsfrömmigkeit beschwichtigen, indem ich pagane Konzepte unterordne. Auf diese Weise werbe ich für Offenheit gegenüber den Bildungsgütern der Heiden soweit sie für Christen nützlich sind. Denn ich bin überzeugt, dass Gedankenaustausch mit bedeutenden Tradition wie dem Platonismus förderlich ist, nicht weil sie immer richtige Antworten geben, wohl aber, weil wichtige Fragen gestellt werden. Diese können wie Hagar dem Christentum dienlich sein.

Der Autor ist em. Ordinarius für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Gräzistik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

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