Kultur

Theodizee: Wie kann Gott soviel Leid zulassen?

Verletzte und Tote, zerstörte Städte und Straßen, Menschen, die mit einem Mal ihre ganze Familie und Existenz verloren haben. Wie ist das möglich? Wie kann Gott soviel Leid zulassen? Ein Antwortversuch. Von Josef Bordat
Philippinisches Mädchen bekennt ihren Glauben in der Stadt Tacloban
Foto: dpa | Vertrauen auf Jesus im Zentrum des Schreckens: Ein philippinisches Mädchen bekennt ihren Glauben in der Stadt Tacloban, die vom Taifun schwer getroffen wurde.

Seit es Menschen gibt, erfahren sie Leid in Form plötzlich auftretender Schadereignisse – Katastrophen. Damit ist die Erfahrung verbunden, dass die Natur für den Menschen nicht nur nützlich, sondern auch gefährlich sein kann, eine Erfahrung, die nach den Ursachen des Übels fragen lässt: Unde malum? Woher kommt das Böse?

Bedeutung von Theodizee - Gottes Gerechtigkeit  

Im Glauben an den gütigen und gerechten Gott ist diese Frage ein Klassiker der Religionsphilosophie, obgleich sie älter ist als das Christentum. Denn: Bereits der griechische Philosoph Epikur formulierte das Problem in seiner Grundstruktur: „Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, oder er kann es und will es nicht: dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, oder er will es nicht und kann es nicht: dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht weg?“ Im frühen 18. Jahrhundert nahm sich Gottfried Wilhelm Leibniz dieser Frage an und gab ihr mit seinem Essay über die Theodizee (Essais de Théodicée, 1710) den Namen, unter dem sie seither verhandelt wird: Theodizee – Gottes Gerechtigkeit.

Doch in den meisten Fällen, die dieses Thema betreffen, geht es vielmehr um das Gerechtigkeitsbild des Menschen. In Formulierungen der Art „Wie kann Gott das Böse zulassen?“ oder „Wo war Gott in meinem, in unserem Leid?“ wird nämlich der Schöpfer von seinem Geschöpf vor das Gericht der Vernunft gezerrt und zur Verantwortung gezogen – auch heute noch, da wir längst wissen sollten, dass unsere Vernunft nicht ausreicht, um Gott den Prozess zu machen. Doch dann, wenn uns – wie jetzt auf den Philippinen durch den Taifun „Haiyan“ geschehen – große Katastrophen heimsuchen, stellen wir die Theodizeefrage.

So war es auch schon bei dem Erdbeben, das mit folgender Flutwelle am 1. November 1755 fast vollständig die portugiesische Hauptstadt Lissabon zerstörte, damals die viertgrößte Metropole Europas. Nach heutigen Schätzungen hatte das Beben eine Stärke von etwa 9 auf der nach oben offenen Richter-Skala. Mit mehr als 100 000 Todesopfern gehört es zu den größten Naturkatastrophen der Geschichte.

Damals wie heute schlug bald nach dem Schrecken die Stunde der Krisenmanager und der Hilfsorganisationen, und zugleich begann der Kampf gegen Plünderer. Sebastiao José de Carvalho e Melo, Erster Minister des Königs von Portugal, ließ damals das Militär antreten, um die Plünderungen unter Kontrolle zu bekommen. Auch auf den Philippinen muss die Armee in den betroffenen Gebieten für Ordnung sorgen – derzeit offenbar noch nicht mit durchschlagendem Erfolg. Die harte Hand des Ersten Ministers, der, mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, sobald wie möglich dazu überging, den Wiederaufbau Lissabons zu organisieren, zeigte Wirkung: Bereits ein Jahr nach dem Beben war die Stadt frei von Schutt und Trümmern. Es bleibt zu hoffen, dass der Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer auf den Philippinen ähnlich rasch gelingt – wenn auch ohne das diktatorische Regiment von einst.

Opfer von Katastrophen: Eine Strafe Gottes?

Aber noch etwas verbindet die beiden Katastrophen, was bei der derzeitigen Berichterstattung dezent aufscheint: die Betroffenen sind mehrheitlich katholisch. Mit Lissabon war immerhin die Hauptstadt eines katholischen Königreichs betroffen, eines Landes, das sich – so die damalige, weitgehend unkritische Sicht – für die Verbreitung des Christentums in der ganzen Welt eingesetzt hatte. Das Unfassbare war nun, dass die alten Kirchen der Stadt in sich zusammenbrachen, während das „Rotlichtviertel“ Lissabons, die Alfama, weitgehend erhalten blieb. Diejenigen also, die zum Gottesdienst des Hochfestes Allerheiligen gegangen waren, wurden morgens unter den Trümmern der Kirchen begraben, während diejenigen, die sich zur gleichen Zeit in der Alfama aufhielten, um vielleicht noch den Rausch der vergangenen Nacht auszuschlafen, unverletzt davonkamen.

Dass dies auf dem christlichen Kontinent Europa tiefe Irritationen auslöste (neben protestantischer Polemik, vor allem aus Preußen), dürfte nachvollziehbar sein. Ausgerechnet Katholiken! Doch wer das damals dachte und sagte oder heute ähnlich reagiert, impliziert, dass die Opfer von Katastrophen ihr Leid – mehr als andere Menschen – „verdient“ hätten, als „Strafe Gottes“ etwa für ihre Sünden. Und das kann sich jemand, der „ausgerechnet“ sagt, bei Katholiken entweder besonders gut oder aber besonders schlecht vorstellen.

Diesem „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (ein Begriff des Theologen Klaus Koch) erteilte jedoch bereits Jesus eine Absage. Als die Jünger Jesu einen von Geburt an Blinden treffen, fragen sie: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde?“ (Joh. 9, 2). Leid ist also in den Augen der Jünger stets etwas „Gerechtes“, etwas, das der Leidende „verdient“ hat. Jesus räumt mit dieser Einschätzung auf. Den Jüngern entgegnet er: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Joh. 9, 3). Leid bekommt damit einen anderen Aspekt, weg von der Strafe, hin zur Bewährungschance – und zwar für alle Menschen, denn alle Menschen sind Sünder und auf das „Wirken Gottes“ angewiesen, das in Jesus „offenbar“ wird.

An anderer Stelle, als man gerade dabei ist, die neuesten Katastrophenmeldungen im Sinne der Sünde-Strafe-Logik zu diskutieren, schaltet sich Jesus ebenfalls ein: „Jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ (Lk 13, 4–5)

Gott wählt die "bestmögliche Welt"

Ein derartiges Motiv der moralischen Besserung des Menschen durch die göttlich initiierte leidvolle Erziehung tritt auch bei Leibniz auf, im Rahmen seines Gedankens individueller und kollektiver „Perfektibilität“ (Vervollkommnungsfähigkeit) angesichts erfahrenen Übels. Leibniz unternimmt dabei den Versuch, den freien Willen des Menschen und die Rechtfertigung Gottes in Einklang zu bringen. Bei ihm schuf Gott eine Optimalwelt (mundus optimus), deren Ordnung durch die vorher festgesetzte Harmonie gesichert wird. In der vielfach auf eine grotesk verzerrte Frömmigkeit reduzierten oder als Determinismus missverstandenen Theodizee Leibnizens ist – ganz anders als bei der hämischen Kritik, die gleich nach dem Erdbeben von Lissabon etwa mit Voltaires Spott-Roman „Candide“ einsetzte – mehr enthalten als die naive Vorstellung von einer heilen Welt.

Die Unterscheidung möglicher Welten von der im Schöpfungsakt tatsächlich zur Existenz gebrachten Welt, in der wir leben und manchmal eben auch leiden, schafft den metaphysischen Raum für den genialen Gedanken einer Vorhersicht Gottes (preavisio), die nicht in eine Vorherbestimmung (praedeterminatio) mündet, sondern Freiheit zulässt, die nicht alles gut macht, sondern nur so gut wie möglich. Die uns also nicht ein Programm abspulen lässt, sondern unsere Entfaltung will – die moralische Verfehlung eingeschlossen – und uns dabei zur Vervollkommnung der Welt aufruft und befähigt. Gott wählt nicht den „bestmöglichen Weg“ für die Welt, sondern Er wählt die „bestmögliche Welt“, die deswegen die „bestmögliche“ ist, weil sie eben diesen Weg nimmt. Nach Leibniz hat Gott das Übel nicht geschaffen, sondern zugelassen (permis), weil es im Plan der besten Welt notwendig enthalten war. Der Mensch hat darin keine Vollkommenheit, aber eben die Vervollkommnungsfähigkeit.

Theodizee von Leibniz: Rechtfertigung Gottes

Ein grundsätzlicher Ausschluss des Übels von vornherein bedeutet für Leibniz das Ende der Freiheit. Das Böse und das Leid müssen also um der Freiheit willen als Teil der Schöpfung akzeptiert werden und sind folglich für Leibniz kein fahrlässiger Schöpfungsfehler Gottes, sondern ein Zugeständnis an die Freiheit der Geschöpfe und der Schöpfung insgesamt. Trotz des vorhandenen Übels ist diese Welt für Leibniz die „beste aller möglichen Welten“, denn, so der Philosoph mit Blick auf seinen alten griechischen Kollegen Epikur: Gott konnte nur die beste auswählen, denn wenn er eine bessere Möglichkeit nicht hätte erkennen können, wäre er nicht allwissend; hätte er sie erkannt, aber nicht verwirklichen können, wäre er nicht allmächtig, und hätte er sie zwar erkannt und auch erschaffen können, aber nicht erschaffen wollen, wäre er nicht gut. So rechtfertigt Leibniz in seiner „Theodizee“ den vor Gericht gestellten Gott hinsichtlich seiner Güte und Gerechtigkeit. Heute, im 21. Jahrhundert, greift man auch unter Theologen auf höchst unterschiedliche Lösungsansätze zurück, um das Problem der Theodizee in den menschlichen Griff zu bekommen. Mal ist es die Annahme, Gott habe sich von den Menschen zurückgezogen, weil sie ihn ablehnen, mal empfiehlt man das bedingungslose Vertrauen auf die Fügungen Gottes angesichts seiner Unergründlichkeit oder gar die Herabstufung des Gottesbegriffs, die den Menschen in die Verantwortung nehmen soll und damit die Theodizee in die Anthropodizee überführt.

Jesus wird zur "personifizierten Theodizee"

Wenn man die Theodizeefrage nicht gleich frei nach Georg Büchner zum „Fels des Atheismus“ erklärt und sich so des Problems entledigt: Wo kein Gott, da keine göttliche Gerechtigkeit. Die entscheidende Antwort findet man jedoch in der Betrachtung des Lebens und Sterbens Jesu Christi. Denn erstens gilt: Jesus ist der „verstehbare Gott“, weil er uns gleich wird – auch in Leid und Tod am Kreuz. Daraus folgt zweitens: Jesus wird zur „personifizierten Theodizee“. Der Gekreuzigte selbst gibt die Antwort, weil in ihm Leid und Heil zusammenkommen, denn in der Kreuzigung begegnen uns zugleich gegenwärtig erfahrenes Leid und die Erwartung künftigen Heils. Hinzu kommt drittens: Der Gekreuzigte erfährt die Gottferne des Menschen in Not: „Warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27, 46). Das ist ein Trost von besonderer Bedeutung, denn hier spricht jemand, der die menschliche Not nicht nur kennt, sondern teilt.

Natürlich: Eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Bösen bleibt auch das Martyrium Christi schuldig. Es zeigt aber den Sinn einer in Gott geborgenen Welt auf, auch wenn sich dieser Sinn uns nicht immer sofort erschließt. Zudem zeigt uns das Martyrium Christi, dass die Möglichkeit besteht, das als unvermeidlich angesehene Böse zu überwinden. Vollkommen durch die Kraft der Auferstehung und im Ansatz durch die Kraft des sozialen Handelns der Christen. So gesehen darf man in Solidarität mit allen leidenden Menschen und Katholiken in Not die Theodizeefrage auch einmal auf den Kopf stellen und fragen: „Wie kann das Gute möglich sein?“ Ohne die Gerechtigkeit Gottes, die sich in der Liebe Jesu zeigt, sicher nicht.

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