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Großbritannien lebt die Diversität

Ein bekennender Hinudu, dessen Vorfahren aus dem Punjab stammten, wird in einer westlichen Demokratie Premierminister. In der Heimat seiner Ahnen verschärft der amtierende Regierungschef Religionskonflikte.
Indischer Premierminister Narendra Modi
Foto: Avishek Das (SOPA Images via ZUMA Wire) | Seitdem Narendra Modi, indischer Premierminister ist, haben sich die Schwierigkeiten für Christen und Muslime in der hinduistischen Gesellschaft verschärft.

Auch ich habe beschlossen, die Fußball-WM in Katar zu boykottieren. Ein Entschluss, der aber auf pragmatischen Gründen, nicht auf moralischer Standhaftigkeit fußt. Seit Wochen halte ich mich in Kenia auf, um hier an einem neuen Buch zu schreiben. Die Abgabe-Deadline naht, und ich muss versuchen, jede Ablenkung zu meiden. Das ist nicht einfach. Es gab Zeiten, da war örtliche Abgeschiedenheit hilfreich beim Bücherschreiben.

Inzwischen gibt es kaum noch Orte, an denen man vor Informationsflut sicher ist. Dank moderner Technik bin ich leider in der Lage, mir jede beliebige Zeitung auf mein iPad zu laden. Besonders das Spektakel um die Ablösung der glücklosen britischen Premierministerin Liz Truss verführte zur morgendlichen Zeitungslektüre, denn es bot großes Unterhaltungs- und Ablenkungspotenzial.

„Da wir jetzt den Aufstieg von Rishi Sunak feiern,
ist dies eine gute Gelegenheit uns ehrlich die Frage zu stellen:
Wäre so etwas bei uns auch möglich?“

Ich hatte immer eine Schwäche für britische Politik – des Spektakels wegen. Dass die Wahl auf Rishi Sunak fiel, ist ja auch wirklich bemerkenswert. Nun steht Großbritannien als Land da, das auch geschmähten Minderheiten die Möglichkeit zum Aufstieg bietet – schließlich ist Sunak nicht nur Multi-Millionär, sondern auch ehemaliger Goldman-Sachs-Banker. Außerdem war Sunak Schüler des Winchester Colleges.

Ein Internat mit erstklassigem akademischem Ruf, deren Absolventen es bislang (bis auf eine Ausnahme Anfang des 19. Jahrhunderts) immer nur zu Fachleuten in der zweiten Reihe und nie zu Anführern gebracht haben. Für His Majesty‘s Government galt stets die Faustregel, dass es aus eingebildeten Eton-Absolventen besteht, die klugen Winchester-Absolventen sagen, wo‘s lang geht. Jetzt ist‘s mal umgekehrt!

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Bemerkenswert ist auch, dass die Briten jetzt ein christliches Staatsoberhaupt, einen Hindu als Regierungschef und einen Muslim als Hauptstadt-Bürgermeister haben. So viel Diversität soll ihnen erst einmal einer nachmachen! Um mich möglichst zeitraubend von meinen Pflichten abzulenken, habe ich mir sogar den Spaß erlaubt, indische Zeitungen auf mein iPad zu laden, um mitzubekommen, wie man auf dem Subkontinent auf Sunaks Wahl reagiert. Der Jubel ist groß. Indiens Regierungssprecher trompetete: „Am Festtag Diwali hat Rishi Sunak Geschichte geschrieben. Er ist jetzt Großbritanniens erster Premierminister mit indischen Wurzeln, ein Hindu! Wer hätte gedacht, dass 75 Jahre nach Indiens Unabhängigkeit der Spieß endlich umgedreht wird!“

Die hinduistische Regierung Indiens ist religiös intolerant 

Ein Aperçu, das nach hinten losgeht. Wer in Indien nicht der hinduistischen Mehrheit angehört, ist vom Aufstieg in öffentlichem Dienst oder Politik konsequent ausgesperrt. Seit Narendra Modi regiert, sind Muslime und Christen schlimmsten Repressalien und Verfolgung ausgesetzt.

Gefallen hat mir daher der nachdenkliche Kommentar eines Abgeordneten der oppositionellen Kongresspartei namens Shashi Tharoor. Er schrieb: „Da wir jetzt den Aufstieg von Rishi Sunak feiern, ist dies eine gute Gelegenheit uns ehrlich die Frage zu stellen: Wäre so etwas bei uns auch möglich?“ Vielleicht steht es bei uns im Westen gar nicht so schlecht um die vehement geforderte Diversität und Nachholbedarf herrscht ganz woanders.

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