Radikalisierung im Netz

US-Attentäter: Wenn virtuelle Gewalt real wird

Viele US-Attentäter radikalisieren sich vor ihren Taten im Internet.
Computerspiel «Battlefield 3»
Foto: Electronic Arts (Electronic Arts) | Szene aus dem sogenannten «Ego-Shooter»- Computerspiel «Battlefield 3» (undatiertes Handout). Das Spiel, das in der Szene heiß erwartet wurde, soll weltweit bereits in der ersten Verkaufswoche zehn Millionen Mal ...

Die USA werden nicht erst seit gestern von Attentaten heimgesucht, aber sie scheinen in den vergangenen Jahren doch regelmäßiger zu werden – und ihre Abläufe und Täterprofile immer mehr gewissen Schemata zu folgen. Über die Ursachen des statistisch belegten vermehrten Auftretens von „mass shootings“ in den USA während der Coronapandemie kann nur spekuliert werden. Zweifelsohne liegen da auch spezifisch US-amerikanisch politische und soziale Faktoren nahe. Doch darüber hinaus ist es oft ein eigentümliches mediales Gemisch aus Ästhetiken und Narrativen, das Amokschützen als geistiger Nährboden dient. Bereits für eine halbwegs intakte Gesellschaft stellen „digitale Disruptionen“ wie soziale Medien eine Herausforderung dar, für eine labile Gesellschaft wie jene in den USA gilt das umso mehr.

Jüngst erschütterten mehrere solcher Fälle die USA und die Welt. Einen dieser Fälle verantwortet Robert Crimo. Am 4. Juli erschoss der 22-Jährige in Highland Park in Illinois sieben Besucher einer Parade zum Unabhängigkeitstag, 36 weitere Menschen wurden verwundet. Kurz darauf wird klar: Crimo hatte schon lange vor der Tat in virtuellen Gewaltfantasien geschwelgt, denen er unter anderem in Form von Rapsongs über Amokläufe und dazu passenden Strichmännchen-Videos Ausdruck verlieh. Auf Twitter schrieben sich Linke und Rechte den Täter gegenseitig zu. Bilder kursierten, die Crimo zwar auf Trump-Veranstaltungen zeigten, aber unter anderem als rot-weiß gestreifte Wimmelbildbuch-Figur „Waldo“ verkleidet – politisch eindeutig war das Material also nicht. Einem mutmaßlichen langjährigem Weggefährten Crimos zufolge hätten den späteren Amokschützen zwar sowohl linke als auch rechte politische Ästhetiken fasziniert, er selbst sei aber nur ein „isolierter Kiffer“ gewesen, der jeglichen Draht zur Realität verloren hätte.

„Zwar werden auf 4chan neben Politik
und Pornografie auch Inhalte zu Themen wie Mode,
Finanzen und Literatur geteilt -
dennoch gehören Grenzüberschreitungen zur DNA der Plattform“

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Auch soziale Medien scheinen in seinem Leben eine große Rolle gespielt zu haben, seine Musik veröffentlichte er auf dem Musikdienst Soundcloud, seine teils verstörenden Rapvideos auf YouTube. Plattformen, die auch vom Glauben an den schnellen Ruhm leben. Die „School Shooter“-Ästhetik, die Crimo bediente, verspricht eine pervertierte Form von Ruhm. Nicht nur Bild- und Videohommagen an die Täter auf Tumblr oder YouTube zeugen davon: Auch Mädchen und junge Frauen, die manchen inhaftierten Amokläufer mit Liebesbriefen überschütten, tragen zur befremdenden Heroisierung der Täter bei – Nicolas Cruz, der 2018 in der Stadt Parkland im Bundesstaat Florida 17 Schüler und Lehrer tötete, soll in Gefangenschaft über 200 Liebesbriefe erhalten haben. Filme und Musik tun ihr Übriges – und mit dem Durchbruch des „True Crime“-Genres verschwimmen ohnehin die Grenzen zwischen Mördern und konsumierbaren Unterhaltungsfiguren.

Dennoch ist die Rolle der sozialen Medien eine besondere: So teilten sowohl Cruz als auch Salvador Ramos, der dieses Jahr in der texanischen Stadt Uvalde 21 Schüler und Lehrer erschoss, Bilder ihrer Waffen auf Instagram. Wie kaum ein Medium zuvor begünstigen soziale Medien die Entstehung von Myriaden von Subkulturen und Parallelgesellschaften, die Radikalisierungen und Realitätsverluste florieren lassen. Neben dem Gaming-Messenger Discord sind hier vor allem die Diskussionsplattform Reddit und das Imageboard 4chan zu nennen. Vor allem 4chan wurde in US-Medien immer wieder scharf diskutiert. Seiner Struktur und Funktionsweise nach ist 4chan ein Antipode sozialer Medien wie Instagram oder Twitter. Geht es Nutzern der letzteren auch um das Sammeln von Likes und Followern, das Aufbauen digitaler Persönlichkeiten, ist 4chan Internet in archaischer Reinform: Hier posten nur anonyme Nummern in – bei mangelndem Interesse – schnell wieder verschwindenden Threads, die mit mindestens einem Bild im Anhang eröffnet werden müssen.

Schusswaffen und Kampfausrüstung

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Während die einen 4chan als Radikalisierungsmotor kritisieren, verteidigen die anderen die Plattform als Hort der Meinungsfreiheit. Zwar werden auf 4chan neben Politik und Pornografie auch Inhalte zu Themen wie Mode, Finanzen und Literatur geteilt - dennoch gehören Grenzüberschreitungen zur DNA der Plattform. So kursieren dort beispielsweise Memes, die den Massenmörder Brenton Tarrant, der auf dem Schwesterportal 8chan seine letzten Worte veröffentlichte, als Heiligen darstellen. Auch Amokläufer nutzten Imageboards. Zuletzt der 20-jährige Jonathan Sapirman, der in einem Einkaufszentrum in Indianapolis (Indiana) zwei Menschen anschoss, bevor er selbst von einem Passanten erschossen wurde. „Mein Name ist Jonathan und heute ist ein guter Tag zum Sterben“, postete Sapirman nebst dem Foto einer Hochzeit im Dritten Reich und einem Link zu einer Reihe von Bildern, die ihn zeigten, mit Schusswaffen und militärischer Kampfausrüstung ausgestattet.

Ein Ort des Weltschmerzes ist wiederum das 4chan-Unterforum „/r9k/“, dessen Nutzer sich selbst als „robots“ bezeichnen. Eng verflochten ist /r9k/ mit der „Incel“-Szene, die sexuell frustrierte und sozial entfremdete Männer versammelt, die „unfreiwillig zölibatär“ („involuntary celibate“) leben. Eine Berühmtheit der Szene ist „Egg White“, der aufgrund seiner Kopfform, wegen der er als Kind gehänselt worden sein soll, auch „Egghead“ genannt wird. In einem seiner Rapsongs ästhetisiert Toby Reynolds, wie er bürgerlich heißt, die Amokfahrt Alek Minassians, der 2021 zehn Menschen tötete, nachdem er zuvor auf Facebook eine „Incel-Rebellion“ ausgerufen hatte.

Wirkung einer spirituellen, sittlichen und kulturellen Entwurzelung

Letztlich müssen in einer Kultur, die sich des überlieferten Korsetts sittlicher Grenzen zunehmend entledigt, Tabubrüche wie auf 4chan – oder in Form von Amoktaten und deren Verherrlichung – geradezu immer extremer werden, um überhaupt noch schockieren zu können. Zudem zeichnen sich in diesen Parallelwelten die Auswirkungen der spirituellen, sittlichen und kulturellen Entwurzelung auf junge, depressive und oft leicht beeinflussbare Männer ab. Akut helfen könnten niederschwellige Hilfs- und Gesprächsangebote auf den entsprechenden Plattformen - auch und insbesondere die katholische Kirche wäre hier gefragt, sich diesen Menschen anzunehmen, bevor es zu spät ist.

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