Amoktäter zeigen, was „menschenmöglich“ ist

Nach der Bluttat von Emsdetten dürfen Politik und Gesellschaft nicht zur „Tagesordnung“ übergehen – Anmerkungen zu jüngeren Gewalttaten von Schülern

Die Amoktat eines ehemaligen Schülers der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten hat neben einem tiefen Schock vor allem Ratlosigkeit hinterlassen: Wie ist es möglich, dass ein Mensch einer solchen Tat fähig ist? Und wie kann verhindert werden, dass die Persönlichkeitsentwicklung ein solches Resultat hat? Das sind die beiden entscheidenden und bleibenden Fragen. Sie werden auch dann nicht verstummen, wenn die Einzelheiten des Tathergangs geklärt sind.

Kaum war die Tat bekannt geworden, war auch „Erfurt“ wieder in aller Munde: die Amoktat des ehemaligen Gymnasiasten Robert Steinhäuser vom April 2002, die fünfzehn Menschen das Leben kostete und an deren Ende sich der Täter selbst ebenso tötete wie jetzt der Schüler Sebastian B. in Emsdetten. „Jetzt haben wir Erfurt in Emsdetten“, stellte eine Mutter schockiert fest. Dank des glücklichen Umstands, dass Sebastian B. durch schnelles Eintreffen der Polizei daran gehindert wurde, seinen Plan vollständig zu verwirklichen, hat die Schreckensbilanz nicht das volle Ausmaß der Erfurter Amoktat erlangt. Die Polizei ist jedoch davon überzeugt, dass die Entschlossenheit in diesem Fall nicht geringer war.

Außer dass in beiden Fällen Schulen die Orte der Amoktaten und die Täter ehemalige Schüler waren, gibt es einige weitere bemerkenswerte Gemeinsamkeiten zwischen beiden Tätern und ihren Äußerungen, die auf ihre Handlungsmotive schließen lassen. Beide waren sie Außenseiter, beide waren sie schulisch gescheitert und machten die Schule beziehungsweise ihre Lehrer für ihr Scheitern verantwortlich. Sie zogen sich in eine mediale Gegenwelt zurück, die stark von Gewalt geprägt war. In dieser Gegenwelt formte sich ihre Persönlichkeit und ihr Weltbild aus. Das führte in beiden Fällen zu einer Fixiertheit auf Waffen, zu dauernden Schießübungen und schließlich zum todbringenden Einsatz der Waffen. Beide waren sie regelmäßige „Konsumenten“ von Gewaltvideos und eifrige Teilnehmer an interaktiven „Spielen“ im Internet, in denen ständig Menschen auf unfassbar brutale Art umgebracht werden.

Diese Befunde sollen nachfolgend in einer von Erkenntnissen der Sozialisationsforschung über Bedingungen und Gefährdungen der Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen bestimmten Perspektive (sozialisationstheoretische Perspektive) näher betrachtet und erläutert werden. Kennzeichnend für die sozialisationstheoretische Perspektive ist, dass sie den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit ins Zentrum rück und ihn als ergebnisoffen, vielfältig von außen beeinflussbar und damit auch sehr störanfällig ansieht. Im Zentrum steht die Frage nach den gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf das Ergebnis der Persönlichkeitsentwicklung.

„Ich habe mir Rache geschworen – sie wird brutal werden“

Sebastian B. hat einen „Abschiedsbrief“ hinterlassen, der einen Blick in sein Inneres gewährt und Aufschluss über sein Tatmotiv gibt. Darin bezeichnet er sich als Gescheiterten, als jemanden, der sein „Leben lang der Dumme für andere war“, über den sich andere „lustig machten“. In der Schule habe man ihm lediglich beigebracht, „dass ich ein Verlierer bin“. Aus diesen Erfahrungen zieht er für sich zwei Schlüsse: dass er „im Leben nicht mehr glücklich werden“ könne und dass er sich auf brutale Weise rächen wolle für das, was man ihm angetan habe: „Ich habe mir Rache geschworen! Diese Rache wird so brutal werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!“

Die Frage, ob und inwieweit Sebastian B. hier „objektiv gültig“ über sein Leben informiert und ob und inwieweit er infolgedessen all jene, die ihm näher standen und sein Leben begleitet haben, gerecht beurteilt, muss und soll hier offen bleiben, auch wenn es nur schwer vorstellbar ist, dass dies die Summe seiner Lebenserfahrung sein soll. Entscheidend ist, dass er sich selbst so sah und seine Lebenserfahrung in dieser Summe zusammenfasste. Sein subjektives Urteil hat in diesem Fall größeres Gewicht als ein „objektives“, etwa eines neutralen Beobachters. Abschiedsbrief und Amoktat zusammengenommen zeigen uns, welch katastrophale Auswirkungen es haben kann, wenn ein junger Mensch ohne Hoffnung und Glückserwartung lebt, weil er sich zurückgestoßen fühlt und nicht jenes Mindestmaß an Anerkennung durch seine Mitmenschen findet, das ihm zumindest ein Weiterleben ermöglicht, wenn schon nicht ein Glücklichsein. Die entscheidende Folgerung aus „Erfurt“ und „Emsdetten“ lautet deshalb, dass solche extremen Gewalttaten bleibend „menschenmöglich“ sind, und zwar immer dann, wenn die Persönlichkeitsentwicklung durch extremen Zuwendungs- und Anerkennungsmangel gekennzeichnet ist. In solchen Fällen ist extreme Gewalttätigkeit zwar keine zwingende, aber doch eine mögliche Folge.

Warum Selbstwertgefühl und

Selbstsicherheit so wichtig sind

Die Sozialisationsforschung hat in den vergangenen Jahrzehnten mit zunehmender Deutlichkeit erkannt, von wie weitreichender Bedeutung es ist, ob sich im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung (Sozialisation) ein stabiles Selbstwertgefühl entwickelt oder nicht. Dies ist entscheidend eine Folge der Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche unter- und miteinander, mit den Erwachsenen ihrer Umgebung, insbesondere mit ihren Eltern machen. Erfährt das Kind hinreichende Zuwendung und Anerkennung, so entwickelt sich ein „sicheres Selbst“ und damit Selbstsicherheit. Einer der führenden Sozialisationsforscher, der Amerikaner Ervin Staub, der in bedeutenden Spezialuntersuchungen den Prozess der Identitätsbildung genauer erforscht hat, schreibt: „Man darf davon ausgehen, dass Sicherheit mit erlebter Zuneigung und Unterstützung in der Kindheit und mit der Möglichkeit verbunden ist, wichtige Aspekte der eigenen Erfahrung vorherzusehen und zu kontrollieren. Personen mit einem sicheren Selbstkonzept erleben ihre Umwelt als günstig und sehen das Wesen des Menschen in einem positiven Licht. Wie ein Individuum sich und andere bewertet, scheint in einem engen Zusammenhang zu stehen.“ Eine hinreichende Selbstsicherheit ist die entscheidende Voraussetzung für die Lebenstüchtigkeit, die Sozialität und Moralität eines Menschen. Auch seine Fähigkeit zur Einfühlung in Lebenssituationen und Empfindungen seiner Mitmenschen (Empathie) sowie seine Hilfsbereitschaft sind davon abhängig.

Wird das Urbedürfnis des Kindes nach Zuwendung und Anerkennung nicht hinreichend befriedigt, so entwickelt sich ein „defensives Selbst“. Dazu schreibt Staub: „Viele Gewaltverbrecher besitzen ein defensives Selbst; sie haben gelernt, Gewalt zu gebrauchen, um sich zu verteidigen. Gelegentlich reagieren sie mit Aggression auf leichte Bedrohungen, oder sie sehen welche, wo keine existieren. Andere kultivieren ein Bild von Männlichkeit, das auf Stärke und Macht basiert.“

Die frühe Kindheit ist von

entscheidender Bedeutung

Bereits in der frühen Kindheit entscheidet es sich, welche der beiden Arten des Selbst sich ausbildet. Ausschlaggebend ist dabei, inwieweit die Grundbedürfnisses des Kindes befriedigt werden. In Anlehnung an die weithin bekannte „Pyramide der menschlichen Bedürfnisse“ von Abraham Maslow unterscheidet Staub folgende Grundbedürfnisse des Kindes: (1) Sicherheit des physischen Selbst (Freiheit von Angst, Schutz vor körperlichen Verletzungen, Erfüllung der physischen Bedürfnisse); (2) Sicherheit des psychischen Selbst (Erfahrung von Zuwendung und Angenommensein als Voraussetzung für Selbstbejahung; Entwicklung eines Selbstwertgefühls und positiven Selbstbildes; Aneignung von Werten; Entwicklung eines Wertebewusstseins); (3) Möglichkeit, die Welt und den eigenen Platz darin zu deuten und damit ein brauchbares Verständnis der Wirklichkeit zu entwickeln (Standortbestimmung und Standpunkteinnahme als Voraussetzung für Identitätsgewinnung); (4) Verbindung mit anderen Menschen (Entwicklung von Kommunikationsfähigkeit, Sozialität und sozial verträglicher Handlungskompetenz).

Wenn diese Grundbedürfnisse des Kindes unbefriedigt bleiben, „entfalten sie eine imperative Kraft, indem sie psychische Zustände prägen und Energie auf den Versuch lenken, die Grundbedürfnisse zu befriedigen“. In der Regel wird sich dann ein „defensives Selbst“ entwickeln. „Menschen mit abwehrendem Selbst neigen dazu, sich verletzlich und unsicher zu fühlen. Teilweise liegt das darin begründet, dass sie eine Vorstellung entwickelt haben, der zufolge die Welt gefährlich ist und man immer wachsam und zur Verteidigung bereit sein muss. Sie haben weder Vertrauen auf ihre Fähigkeit zur Verteidigung gegen Bedrohungen und Angriffe von außen noch auf die Möglichkeit, wichtige Ziele verwirklichen zu können.“ Staub spricht in diesem Zusammenhang von der „potenziell antisozialen Persönlichkeit“, die aus einem Mangel resultiert.

Bedrohungspotenzial der

„antisozialen Persönlichkeiten“

So entscheidet der Ausprägungsgrad des Selbst maßgeblich auch über die Moralität und Sozialität eines Menschen. Denn „das Verhältnis zwischen Selbst und Moral ist durch Werte geprägt, von denen in hohem Maße abhängt, wie sich ein Individuum anderen gegenüber verhält“, stellt Staub fest. Das Ergebnis der Identitätsentwicklung des einzelnen jungen Menschen ist daher nicht nur für diesen selbst von geradezu schicksalhafter Bedeutung, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt.

Amoktäter sind Extremfälle von „potenziell antisozialen Persönlichkeiten“ (Staub). Diese stellen für jede Gesellschaft ein Gefahrenpotential dar. In der Regel lernen sie zwar, „moralische Regeln zu befolgen, die Übergriffe auf andere verbieten“; aber die Gefahr des „Ausrastens“ ist bleibend gegeben. Das damit gegebene gesellschaftliche Gefährdungspotential hat es immer gegeben. Durch die gewaltverherrlichenden Medien bekommt es jedoch einen neuen, erhöhten Stellenwert, werden diese Menschen zu einer erhöhten Gefahr. Die jetzt wieder neu belebte Debatte um die Frage, ob man die mediale Gewaltverherrlichung verbieten solle oder dürfe, verkennt diesen Zusammenhang. Angesichts dieses Gefährdungspotentials und der Möglichkeit seiner Steigerung durch bestimmte Medien ist es absurd, mit der „Meinungsfreiheit“ oder gar der „Freiheit der Kunst“ zu argumentieren, die hier gern bemüht werden und die eine freiheitliche Gesellschaft nicht einschränken könne, ohne sich selbst aufzugeben. Auch der ständige Hinweis auf die Unwirksamkeit eines solchen Verbots im unbegrenzten Internet ist absurd, da es nicht nur um die Wirksamkeit, sondern vor allem um das damit verbundene Signal geht: Wir wollen das nicht, weil wir es für gefährlich erachten, ungeachtet des nicht erbrachten und gar nicht möglichen eindeutigen Kausalnachweises! Es ist unverantwortlich, das überfällige Verbot mit dem Hinweis auf fehlende eindeutige Kausalnachweise zu verhindern! Es darf nicht verlangt werden, was nicht erbracht werden kann! Die sehr plausible Ursachenvermutung muss für ein Verbot völlig ausreichen! Niemand käme auf die Idee, eine Aufhebung des Tötungsverbots zu fordern mit dem Argument, es könne Tötungen offenkundig nicht verhindern. Die Debatte zur Notwendigkeit bzw. Zweckmäßigkeit eines Herstellungs- und Verbreitungsverbotes von gewaltverherrlichenden Filmen oder „Spielen“ zeigt überdeutlich, daß unsere Gesellschaft ihren Freiheitsbegriff nicht hinreichend geklärt hat. Manche gebärden sich, als müsse die Gesellschaft sogleich ihre eigene Freiheitlichkeit zur Disposition stellen, wenn es gilt, extreme Freiheitsmissbräuche zu unterbinden. Für die großen Theoretiker der freiheitlichen Gesellschaftsidee war es stets eine pure Selbstverständlichkeit, dass nur eine sich selbst weise beschränkende Freiheit auf Dauer überlebensfähig ist und dass umgekehrt Freiheit ohne Weisheit und Mut zu den erforderlichen Selbstbeschränkungen sich selbst auf Dauer ruiniert.

Unser Menschenbild darf nicht von Illusionen bestimmt sein

Die Amoktäter von Erfurt und Emsdetten hinterlassen uns die Frage nach unserem Bild vom Menschen. Es gilt zur Kenntnis zu nehmen, dass es Menschen gibt – und auch weiterhin geben wird –, die zu solchen Taten fähig sind. Extreme Gewalttätigkeit und Amoktaten sind grundsätzlich „menschenmöglich“. Es ist gefährlich, wenn das öffentliche Menschenbild von Illusionen bestimmt wird. Nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Politik ist es wichtig, ein realistisches Bild vom Menschen zu haben: ein Bild nämlich, das die Möglichkeit eines derart extremen Ergebnisses der Persönlichkeitsentwicklung einkalkuliert und daraus Folgerungen zieht.

Aus diesem Gesichtspunkt der Ergebnisoffenheit der Persönlichkeitsentwicklung ergeben sich sehr weitreichende Konsequenzen für die öffentliche Einschätzung der Bedeutung einer gelingenden Sozialisation und Erziehung sowie für die Beurteilung der gesellschaftlichen Atmosphäre, in der sich die Persönlichkeitsentwicklung (Sozialisation) des gesellschaftlichen Nachwuchses zu vollziehen hat. Die Einsicht in die Möglichkeit extremer Fehlentwicklungen der menschlichen Persönlichkeit macht eine stärkere Rücksichtnahme der Medien und der Unterhaltungsindustrie auf diesen Gesichtspunkt zwingend erforderlich. Produkte mit gewaltverherrlichender, dehumanisierender und verrohender Tendenz müssen geächtet, ihre Herstellung und ihr Vertrieb müssen unter Strafe gestellt und die Einhaltung der Strafbestimmungen muss rigoros überwacht werden.

Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft sich ihrer sozialisatorischen Wirkung – das heißt ihrer nachhaltigen Einflussnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung ihres Nachwuchses – stärker bewusst wird als bisher. Das setzt die Aneignung einer sozialisationstheoretischen Perspektive voraus. In dieser Perspektive muss sie den Persönlichkeitsentwicklungsprozess ihres Nachwuchses in seiner Ergebnisoffenheit und vielfältigen Gefährdung einschließlich der Möglichkeit des völligen Scheiterns betrachten und sich mehr als bisher in ihrer Gesellschaftsgestaltung von der sozialisationstheoretischen Frage leiten lassen, was der Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen förderlich ist und was schädlich.

Welche Folgen eine misslungene Persönlichkeitsentwicklung haben kann – das ist die entscheidende „Botschaft“ der Amoktäter von Erfurt und Emsdetten. Es bleibt zu hoffen, dass das Fanal in diesem Sinn verstanden und gedeutet wird und dass nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern die westlichen Gesellschaften insgesamt daraus ihre Folgerungen ziehen und ihre Lebensauffassung, vor allem aber ihr Freiheitsverständnis einer kritischen Überprüfung unterziehen.

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