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Putins bedrohliche Parallelwelt

Der Kreml-Herrscher zeichnet seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine als Freiheitskampf der russischen Welt.
Putins Ideologieg führt Russland heute einen „Kampf um Souveränität und Gerechtigkeit“
Foto: IMAGO/Kremlin Pool (www.imago-images.de) | In Putins Ideologieg führt Russland heute einen „Kampf um Souveränität und Gerechtigkeit“, der „ohne Übertreibung nationalen Befreiungscharakter“ habe.

Wladimir Putin zerstört die Ukraine, ihre zivile Infrastruktur und Kultur, im Namen der Befreiung; er lässt Hunderttausende töten im Namen der Brüderlichkeit; er unterdrückt kritische Stimmen im eigenen Volk im Namen des Volkes. Wer seine jüngste Rede, am Dienstag vor dem „Weltrussischen Volksrat“ nachliest, muss sich fragen, in welchem Paralleluniversum sich der Präsident Russlands bewegt. Manfred Lütz hat in seinem Bestseller „Irre! Wir behandeln die Falschen“ vor Jahren mit Recht darauf hingewiesen, dass es eine Beleidigung und Diffamierung psychisch Kranker ist, gefährliche Verbrecher vorschnell zu pathologisieren.

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Das fällt nicht ganz leicht, etwa wenn Putin dem Westen Rassismus und Kolonialismus vorwirft, während er selbst gerade einen Genozid in der Ukraine begeht. Oder wenn er behauptet: „Wir kämpfen jetzt für die Freiheit nicht nur Russlands, sondern der ganzen Welt.“ Das klingt wahnhaft, und doch ist Putin kein Fall für den Psychiater, sondern für den Internationalen Strafgerichtshof. Wie viele Tyrannen und Massenmörder zimmert er – für sich und andere – eine Ideologie, um scheinbar guten Gewissens zu morden, zu vertreiben, zu vernichten.

Putin sieht ein „dreieines Volk“

In dieser Ideologie führt Russland heute einen „Kampf um Souveränität und Gerechtigkeit“, der „ohne Übertreibung nationalen Befreiungscharakter“ habe, denn es gehe um „die Sicherheit und das Wohlergehen unseres Volkes“, ja um das „höchste historische Recht, Russland zu sein“. Und dieses Recht will Putin auch den Ukrainern einprügeln, ob sie wollen oder nicht, denn sie sind in Putins Sicht nur Opfer „einer künstlichen, gewaltsamen Spaltung der großen russischen Nation, des dreieinen Volkes – Russen, Weißrussen und Ukrainer“. 

Putin bestreitet ausdrücklich ein Selbstbestimmungsrecht der Völker, weil daran nur die derzeit Lebenden mitwirken können. Doch „die russische Welt besteht aus allen Generationen unserer Vorfahren und unserer Nachkommen, die nach uns leben werden“. Russisch ist laut Putin „mehr als eine Nationalität“, nämlich eine „kulturelle, spirituelle und historische Identität“ – und so jeder Abstimmung und Selbstbestimmung entzogen.
Angesichts dieses ideologischen Konstrukts ist es völlig undenkbar, dass der Kreml mit der Ukraine irgendeinen Kompromissfrieden schließt, die Krim und den Donbass annektiert und den Rest des Landes Richtung Europa ziehen lässt. Damit würde er ja laut seinem eigenen Weltbild „die russische Welt“ verraten, so wie einst Gorbatschow und Jelzin, denen er Schwäche vorwirft. Und die soll es nicht mehr geben: „Wir werden diese Fehler nie vergessen und sollten sie nicht wiederholen“, so Putin in seiner Rede.

Es geht um eine neue Weltordnung

Wer die Ukraine nicht einfach fallenlassen und dem Gewaltherrscher im Kreml ausliefern möchte, muss sich also auf einen langen Unabhängigkeitskrieg einstellen. Doch wer sie fallenlassen und ausliefern möchte, sollte Putins Rede nochmals sorgsam studieren. Darin hat er nämlich klargestellt, dass es ihm nicht bloß um die Ukraine geht, sondern um eine andere, neue Weltordnung. In Putin-Neusprech: „Es ist unser Land, das jetzt an der Spitze der Schaffung einer gerechteren Weltordnung steht.“

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