Feuilleton

Männer auf dem Holzweg

Mit seinem Essay über die MGTOW („Men going their own way – Männer gehen ihren eigenen Weg) hat André Thiele für Aufregung gesorgt. Bei Leserinnen, aber auch bei Lesern. Eine Entgegnung. Von Franziska Holzfurtner
Männer gehen ihren eigenen Weg
Foto: IN

Es gibt Haltungen, die sind so falsch, dass sie keine Erwiderung, sondern nur noch Tadel verdienen. Das war die Warnung, die man mir gab, als ich nach der Lektüre von André Thieles Reflexionen über die MGTOW-Bewegung (DT vom 8. März) nach Worten suchte und diese relativ schnell fand. Schenkt man der Bewegung damit nicht unnötig Beachtung? Hilft man ihr vielleicht sogar, dass die beabsichtigte Provokationsabsicht wirkt?

Ich habe aber gute Gründe für meine Wortmeldung. Ich beobachte MGTOW und ähnliche Gruppen wie „Incel“ oder „Red Pill“ schon seit Jahren. Die Bewegung ist im Netz berüchtigt für ihre notorische Verbreitung von Desinformation und Hass, die sich auch zu physischer Gewalt auswachsen. So erschoss der Red Pill-Anhänger Elliot Rodgers 2014 auf einem Universitätscampus sieben Menschen, darunter mehr Männer als Frauen. Red Pill hat eben nicht nur Frauen im Fadenkreuz, sondern die Gesellschaft als solche. Einer solchen Gruppe, so klein und bedeutungslos sie auch scheinen mag, muss entgegengetreten werden. Wer stolz darauf ist, auf diesem Wege eine Reaktion erpresst zu haben, beweist nur, wie abseitig und verirrt seine Meinung ist.

Viele Leser waren nicht nur über den Inhalt von Thieles Artikel irritiert, sondern auch darüber, dass seine Ausführungen keinerlei journalistische Distanz erkennen lassen. Zwar erklärte er, sich als Katholik mit der Red Pill-Philosophie nicht in letzter Konsequenz identifizieren zu können, die Empörung der Verantwortlichen über die angeblichen Missstände teilte er aber offensichtlich doch. Er verwaltet außerdem die Facebookseite von MGTOW Deutschland. Kritische Nachfragen auf twitter tat er als „übliche öffentliche Beschämungstaktik von Feministinnen“ ab, obwohl seine Verbindung zu MGTOW für jeden Facebook-Nutzer öffentlich sichtbar ist.

Natürlich dürfen Journalisten über Themen schreiben, die ihnen am Herzen liegen. Mögliche Verbindungen müssen aber offengelegt werden. Viele Informationen Thieles wirken erst wie das Ergebnis einer journalistischen Recherche, könnten aber genauso gut aus einer MGTOW-Werbebroschüre stammen: So erklärte er in einem anderen MGTOW-Text, den er auf der katholischen Website „cathwalk“ (gänzlich ohne Beleg) veröffentlichte, dass „die meisten [Mitglieder] beruflich sehr erfolgreich“ seien, dass die Bewegung rasant wachse und schon 500 000 Mitglieder habe. In dem Essay in der „Tagespost“ waren es nur 400 000 – das Wachstum ist wirklich rasant! Dafür ließ er weg, dass MGTOW einen Teil seiner neuen Mitglieder auch aus dem Geschwister-reddit „InCel“ gewonnen haben dürfte, das von reddit (!) letztes Jahr wegen galoppierender Menschenfeindlichkeit geschlossen wurde.

Der MGTOW-Bewegung geht es um Aufmerksamkeit

Das alles spricht nicht für Thieles persönliche Medienkompetenz und auch mit den Fakten nimmt er es nicht so genau. MGTOW geht es hauptsächlich um Aufmerksamkeit, seinen Mitgliedern gilt es als Erfolg, anderen eine Diskussion aufzuzwingen – und Thiele unterstützt sie darin. Wer über sie berichtet, berichtet für sie. Red Pill ist eine Verschwörungstheorie und MGTOW ist ihre gesellschaftliche Trägerschicht.

Betrachtet man klassische Verschwörungstheorien, teilen die von ihnen verbreiteten Weltbilder die folgenden drei Eigenschaften: Sie sind paranoid, manichäisch und eschatologisch. Paranoid, weil nichts aus Zufall, sondern alles mit Absicht geschieht und die wahre Natur der Dinge niemals dem Offensichtlichen entspricht. Die Welt wird dabei manichäisch in zwei Lager eingeteilt, in die Erweckten und den Rest. Eschatologisch werden eine Endzeit und der Zusammenbruch des „Systems“ erwartet. Trifft dies auf Red Pill zu? Allen Ausprägungen der Bewegung ist die Annahme gemein, in der heutigen Gesellschaft herrsche die Frau heimlich über den Mann, indem sie das Begehren des Mannes nach emotionaler und körperlicher Nähe wecke und ihm dieses nach Gutdünken entziehe oder gewähre. Als Frauen für ihren Lebensunterhalt noch auf Männer angewiesen waren, hätten sie sich aufgrund ihrer finanziellen und sozialen Abhängigkeit vom Mann nur zusammengerissen – Thiele fasste das in der „Tagespost“ mit „früher war alles Notwendigkeit“ zusammen. Da Frauen heute ihren eigenen Lebensunterhalt verdienten und oft vom Staat bevorzugt würden, blieben dem Mann keinerlei Druckmittel mehr und er sei dadurch dem Willen der Frau und ihren evolutionär bedingten Trieben ausgesetzt. MGTOW als Bewegung übernimmt dieses Weltbild und schließt daraus, dass der beste Weg, sich gegen die weibliche Macht zu immunisieren das Ignorieren ihrer Verlockungen sei.

Am Beispiel unverheirateter Mütter, die Thiele in der „Tagespost“ auch kurz erwähnt, zeigt sich diese paranoide Weltsicht besonders deutlich. Frauen sind laut Red Pill darauf aus, starke Nachkommen mit vielen verschiedenen „Alphas“, also hypermaskulinen Männern, zu zeugen. In der traditionellen Gesellschaft konnten sie diesem Instinkt nicht folgen, heutzutage jedoch könnten sie sich darauf verlassen, dass hernach die Gesellschaft oder ein dankbares Betamännchen ihre unehelichen Kinder durchbringt. Das sei ungerecht, weswegen Thiele in der „Tagespost“ forderte, Frauen „sollen die Konsequenzen ihres Handelns selbst tragen und nicht direkt oder indirekt auf Männer abwälzen“. Überhaupt gilt Fortpflanzung vielen Red Pill-Anhängern als weiblicher Trieb, dessen Befriedigung dem Mann unter Androhung von Liebesentzug oder Vorspiegelung falscher Tatsachen abgepresst wird. Doch es geht schlimmer. Für Red Pill ist kein Vorwurf konstruiert genug. Manche Anhänger glauben, die Flüchtlingskrise diene der Akquise von Alphamännchen aus dem Ausland, weil das weiße Betamännchen die Frauen nicht mehr befriedige. Andere denken, Frauen würden von Amokläufern sexuell erregt und wieder andere fabulieren, Vergewaltigung sei reine Erfindung oder halten Frauenhäuser für weibliche Privilegienanstalten. Kein Wort lesen Sie hierzu von Thiele.

Dafür stellt er in der „Tagespost“ fest, dass die weibische Macht auch den akademischen Bereich in Gänze unterworfen habe. Das entbindet Red Pill praktischerweise a priori von der Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Eine Finte, die Red Pill mit vielen Verschwörungstheorien gemein hat.

Thiele steht es frei, dieser biologistisch verbrämte Paranoia den katholisierenden Zuckerguss einer „natürlichen Spannung zwischen den Geschlechtern“ zu verpassen und von einer geläuterten Form zu träumen. An seiner Aussage, Red Pill würde ein wichtiges Analysewerkzeug für katholische Männer sind jedoch gleich zwei Dinge falsch: Weder ist es katholisch, noch liefert es echte Erkenntnisse über die Gesellschaft. Es ist gleich der Psychoanalyse oder dem Marxismus ein selbstreferenzielles System, das zwangsläufig immer nur die eigene Prämisse bestätigen kann und damit das glatte Gegenteil einer Analyse.

Wer jedenfalls diese „Wahrheit“ weiblicher Kontrolle nicht anerkennt, der ist für Red Pill-Anhänger kein satisfaktionsfähiger Gegner, weil schon die Prämisse seines Denkens falsch ist. Wer mit seinem Leben im „System“ glücklich ist, sitzt nur einer Illusion auf und stützt seine eigenen Unterdrücker. Was nicht von Red Pill selbst stammt, darf – nein, muss daher von vornherein als naiv oder fehlgeleitet desavouiert werden, Hintergedanken und sinistre Motive sind hier wahrscheinlich. Zweiflerinnen wird einfach ein „AWALT“ („All Women Are Like That“) entgegengeschleudert, der Einsatz eines schwer zu durchdringenden Soziolekts ist eine bekannte und unter Verschwörungstheoretikern beliebte Taktik zur sozialen Abgrenzung und Selbstdarstellung als überlegene intellektuelle Elite.

Ein Mann auf der Suche nach Orientierung

Weil das alles aber offenbar immer noch nicht reicht, setzt Thiele in einem weiteren bei „cathwalk“ veröffentlichten MGTOW-Artikel noch einen drauf: Hier lernt der Leser, dass die Frauen die Männer dieser Welt in Wirklichkeit gar nicht eigenmächtig beherrschen, sondern selbst nur als Werkzeug anderer finsterer Kräfte fungieren. Sie sind Sklaven ihrer eigenen Weiblichkeit und des „Wohlfahrtsstaates“, der als gezielt agierendes, dabei aber anonym bleibendes Kollektiv erscheint und mit den Frauen im Staat eine symbiotische Verbindung eingeht. Auch von dieser Rhetorik, die selbst für den nicht kulturwissenschaftlich gebildeten Leser verschwörungstheoretisch anmuten muss, distanziert Thiele sich nicht.

Dafür prognostiziert er, um auf den eschatologischen Anteil von Red Pill zu kommen, das baldige Ende der Weiberherrschaft, die zwangsläufig in sich selbst zusammenfallen muss und das goldene Zeitalter, in dem katholische Männer auf MGTOW zurückgreifen würden, um sich neu zu errichten, nachdem „das idyllische Dorf“ zerstört sei. MGTOW erhält also in dieser Weiberapokalypse beinahe messianische Bedeutung.

Aber ist er ein Verschwörungstheoretiker? Ich sehe eher einen Mann auf der Suche nach Orientierung in einer Gesellschaft, die sich stark verändert hat. Vermutlich sieht er in MGTOW tatsächlich nur das Beste: Einen Aufbruch von Männern für Männer, die sich vom Feminismus der aktuellen Generation vor den Kopf gestoßen fühlen.

Unverständlich bleibt, wieso er bei MGTOW über sämtliche hier geschilderte Alarmsignale hinwegsieht, sich deren Sprache bedient, die Biologismus und Frauenverachtung transportiert und warum er selbst zu glauben scheint, ein Mann könne nur frei sein, wenn er durch eine Phase intensiven Frauenhasses gegangen sei, der keineswegs nur, wie Thiele tut, ein bisschen vulgär ist. Das ist keine Nebenwirkung, die verfliegt, es ist der strukturbedingte Hass von Menschen, die glauben, von übermächtigen düsteren Kräften kontrolliert zu werden. Der „eigene Weg“, den MGTOW propagiert, wie gesund oder klug kann er sein, wenn er von „Red Pill“ ausgeht? Vor allem aber ist er unvereinbar mit dem katholischen Glauben an einen guten Schöpfergott, der Mann und Frau nach seinem Abbild geschaffen hat.

Bisher hat dieser „eigene Weg“ jedenfalls nur zu Zwist, Verbitterung und Hass geführt, so dass man katholischen Männern raten möchte, sich lieber auf einen anderen Weg zu verlassen, der die Wahrheit ist. Und das Leben.

Die Autorin promoviert derzeit in Religionswissenschaft an der LMU München und betreibt den Blog „Gardinenpredigerin“.

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