Bürgerkriegs-Kindheit

Film „Belfast“: Kindheit im bewaffneten Konflikt

„Belfast“ erzählt vom Aufwachsen in einer liebevollen Familie während des Bürgerkriegs in Nordirland. Regisseur Kenneth Branagh stellt die Ereignisse. überzeugend dar.
Filmszene aus „Belfast“
Foto: Rob Youngson / Focus Features

Kenneth Branagh machte sich einen Namen als Regisseur von Shakespeare-Verfilmungen, insbesondere „Heinrich V.“ (1989), „Viel Lärm um Nichts“ (1993) und „Hamlet“ (1996).

Mit „Belfast“ kehrt der 1960 in der Hauptstadt Nord-Irlands geborene Branagh in seine Heimatstadt zurück – sowie in seine Kindheit. Die autobiographischen Züge in seinem neuesten Film sind allzu offensichtlich.

Vielmehr ist der nordirische Regisseur offenkundig nicht daran interessiert,
vom Nordirlandkonflikt zu erzählen, der lediglich die Folie,
auf der er von (s)einer Kindheit in Belfast Ende der 1960er Jahre handelt

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„Belfast“ beginnt mit einer Kamerafahrt über die Stadt, die in eine Straße mündet – aus dem Farb- wird ein Schwarz-Weiß-Film. In der Straße scheint jeder jeden zu kennen. Bald erfährt der Zuschauer, dass „The Troubles“, der Nordirlandkonflikt, den historischen Hintergrund bildet.

Nicht nur die Aufschrift „15. August 1969“ deutet darauf hin. Bald erscheint eine gewaltbereite Menschenmasse, die mit brutaler Gewalt gegen die friedlichen Bewohner vorgeht. Der Mob attackiert Katholiken, die in protestantischen Stadtvierteln leben. Mittendrin: der neunjährige Buddy (Jude Hill).

Der Nordirlandkonflikt ist nur historischer Hintergrund

Drehbuchautor und Regisseur Kenneth Branagh zeigt zwar den Konflikt, die von den Katholiken errichteten Barrikaden, die Straßenschlachten. Er stellt jedoch die Gewalt auf sehr zurückgenommene Art und Weise dar, verglichen etwa mit den bekannten Spielfilmen über die IRA, allen voran „Im Namen des Vaters“ (Jim Sheridan, 1993).

Dies liegt nicht nur daran, dass die eigentliche IRA erst zum Jahreswechsel 1969/1970 ins Leben gerufen wurde. Vielmehr ist der nordirische Regisseur offenkundig nicht daran interessiert, vom Nordirlandkonflikt zu erzählen, der lediglich die Folie, auf der er von (s)einer Kindheit in Belfast Ende der 1960er Jahre handelt. Es geht auch um das irische Lebensgefühl, das sich sowohl in den Familienbanden als auch in der irischen Musik oder eben in dem Spruch verdichtet: „Die Iren sind dazu geboren, auszuwandern.“

Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt

Buddy wächst in einer protestantischen Familie in einer katholischen Umgebung auf. Für ihn und seine Familie spielen solche Unterschiede höchstens für Witze eine Rolle. Er selbst hat sich in eine katholische Mitschülerin verliebt. Wichtig für Buddy sind insbesondere Matchbox-Autos und Filme, vor allem aber die Familie: seine leidgeprüfte Mutter (Caitriona Balfe), sein Vater (Jamie Dornan), der in England arbeitet, weshalb er in der Regel nur alle zwei Wochen für ein Wochenende nach Hause kommt, die liebenswerten Großeltern (Judi Dench und Ciarán Hinds), sowie der ältere Bruder.

Eine große Stärke von „Belfast“ ist die Besetzung und die jeweilige „Chemie“ sowohl zwischen Judi Dench und Ciarán Hinds als auch zwischen Caitriona Balfe und Jamie Dornan. Sie bieten hervorragende Szenen über das Eheleben und über die Komplementarität zwischen Mann und Frau, wobei „Belfast“ insbesondere eine Hommage an die Mutter darstellt.

Eine gelungene Inszenierung - auch wegen der Arbeit des Kameramanns

Zur gelungenen Inszenierung gehört die Arbeit des Kameramanns Haris Zambarloukos mit dem Einsatz von Schwarz-Weiß-Bildern, die mit einigen, gut durchdachten Farbtupfern ein Gleichgewicht zwischen Realismus und kindlicher Fantasie finden. Laut Branagh geht es dabei um „eine für praktisch jeden wiedererkennbare kleine Familieneinheit, die in einer stressigen Situation vor einigen riesigen Lebensentscheidungen steht“.

Dass Buddy ein zwar fiktionalisierter, aber eben ein Alter Ego des Regisseurs ist, zeigt sich etwa in seiner Liebe zum Kino. In „Belfast“ sind John Wayne, Jimmy Stewart, Raquel Welch, Gary Cooper, Grace Kelly oder auch Dick Van Dyke kurz zu sehen. Dass die Filmmusik von „Zwölf Uhr mittags“ und von „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ sozusagen die Film-Leinwand überspringen und sich über „Belfast“ legen, kann als besonders cinephiler Kunstgriff bezeichnet werden.


„Belfast“ gewann den Publikumspreis auf dem Filmfestival von Toronto
sowie den Golden Globe für „Bestes Drehbuch“.
Für die diesjährige Oscarverleihung am 27. März ist der Film in sieben Kategorien nominiert,
darunter „Bester Film“ und „Beste Regie“.

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