Wie viel Künstliche Intelligenz (KI) verträgt der Journalismus? Um diese Grundsatzfrage dreht sich derzeit in der Medienwelt eine hart geführte Debatte. Ausgelöst wurde sie durch den Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt. Dessen in der „Welt“ erschienener Gastbeitrag stand zunächst im Verdacht, maßgeblich mit KI erstellt worden zu sein.
Tatsächlich räumte die Thüringer Staatskanzlei inzwischen ein, bei der Erstellung des Beitrags KI eingesetzt zu haben. Auch soll ein Großteil der Reden aus der aktuellen Amtszeit des CDU-Politikers laut einer Auswertung des Portals „Frag den Staat“ „größtenteils“ aus der Feder der KI stammen. Voigt selbst sieht darin kein Problem: „Ich motiviere alle Mitarbeiter unserer Verwaltung, im Jahr 2026 alle modernen Instrumente für ihre Arbeit zu nutzen. Die KI ist längst Teil der modernen Kommunikation“, sagte der Christdemokrat dem „Tagesspiegel“.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) sieht die Sache anders. Nachdem Zweifel an der Entstehung eines unter Voigts Namen bei ihr veröffentlichten Gastbeitrags aufgekommen waren, entfernte sie den Artikel aus ihrem Online-Archiv.
Regelverstoß oder Fortschritt?
Widerspruch an dieser Entscheidung kam von Gabor Steingart, dem Herausgeber des „Pioneer Morning Briefing“. In dessen Montagsausgabe schießt er gegen FAZ, „Tagesspiegel“ und „Zeit“. Diese seien eine „Herde von Holzköpfen“, da sie die KI-Nutzung als Regelverstoß anstatt als Fortschritt behandelten. Die Entfernung des Beitrags von Voigt bezeichnete Steingart als „Zensur“.
Doch Mario Voigt ist nicht der Einzige, dessen Texte nach Ansicht von Steingart der „Zensur“ zum Opfer fielen. Nachdem bekannt geworden war, dass Meinungsbeiträge des ehemaligen „Tagesspiegel“-Chefredakteurs Stephan-Andreas Casdorff mithilfe von KI verfasst worden waren, forderte ihn die Zeitung auf, seine publizistischen Aktivitäten bis auf Weiteres ruhen zu lassen. Die betroffenen Texte wurden zudem vorläufig offline genommen.
Im Gegensatz zu Voigt rechtfertigte Casdorff sein Vorgehen nicht. Die Nutzung von KI bei der Erstellung der Texte hätte er offenlegen müssen. In einer im „Tagesspiegel“ veröffentlichten Erklärung räumte der Journalist ein: „Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir. Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung.“
Auch Springer-Chef Mathias Döpfner teilt gegen die FAZ aus. In einem in der „Welt“ veröffentlichten Kommentar kritisierte er die Entfernung des Voigt-Beitrags. Döpfner verglich die Haltung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit einer „Postkutschen-Lobby“, die das Automobil verbieten wolle. Seit Jahrzehnten würden Politiker auf Referenten, Ghostwriter und PR-Berater zurückgreifen, um Texte zu verfassen oder zu überarbeiten.
Am Prinzip ändert sich nichts
Niemand habe die Frage nach der Autorenschaft gestellt, „solange der Politiker am Ende seinen Kopf und seinen Namen dafür herhielt“, so Döpfner. Nur weil der Ghostwriter durch KI ersetzt werde, ändere dies nichts am Prinzip. Passend dazu stammte der Kommentar des Springer-Chefs nach Angaben der Zeitung von der von Google entwickelten KI. „Mathias Döpfner verbürgt sich dafür, am vorgeschlagenen Text von Gemini nichts geändert zu haben“, heißt es in einem Hinweis unter dem Meinungsbeitrag.
Die FAZ konterte mit einem eigenen Kommentar unter der Überschrift „Journalismus als Wortfolgenauswertung“. Dass über dem Text „Von Mathias Döpfner“ stehe, sinngemäß darunter aber „Von der KI“, sei eine „Dummheit“, die niemandem aufgefallen sei. Zudem warf die Zeitung Döpfner vor, keinen Unterschied zwischen eigenständigem Denken und maschinell erzeugten Texten zu machen. Er wolle dokumentieren, dass es keine Rolle spiele, „ob nachgedacht wurde oder eine Maschine aufgrund statistischer Wortfolgenauswertung etwas von sich gab“.
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warf dem Springer-Chef einen „Bärendienst am Journalismus“ vor. Die Botschaft von Döpfner laute: „Wozu noch bezahlter Journalismus, wenn Künstliche Intelligenz selbst leitartikelfähig formulieren kann?“, sagte der Bundesvorsitzende Mika Beuster. Dabei soll der mit Gemini erstellte Kommentar von Döpfner lediglich „zum Nachdenken anregen“ und spiegele nicht dessen Meinung wider, erklärte ein Sprecher des Springer-Konzerns gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.
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