Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Essay des neuen „Tagespost“-Chefredakteurs

Das Ende des Papageien-Journalismus

Wenn eine Zunft, die ohnehin zum Nachplappern neigt, die KI in die Finger bekommt, kann das übel enden. Der neue Chefredakteur Benjamin Leven über guten Journalismus im KI-Zeitalter.
Der neue „Tagespost“-Chefredakteur Benjamin Leven
Foto: privat | Benjamin Leven ist seit Juli 2026 Chefredakteur der „Tagespost“. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft und der Theologie und der Promotion zum Dr. phil.

„Ich trete ein in das Vermächtnis eines Anspruchs.“ Es sind Sätze wie dieser – merkwürdig floskelhaft und zugleich inhaltlich schwer greifbar –, die als Indiz dafür gelten, dass der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und seine Mitarbeiter Ansprachen und Gastbeiträge in Zeitungen mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt haben.

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Es gibt Analysewerkzeuge, die – ebenfalls KI-gestützt – die typischen Merkmale von KI-generierten Texten erkennen. Ihre Treffsicherheit ist umstritten. Doch wer viel mit Texten arbeitet, wittert den Braten auch ohne solche Tools. Meinungsbeiträge, die mit KI erstellt werden, sind rhetorisch oft überfrachtet, bleiben inhaltlich aber ungenau und stark generalisierend. Besonders typisch ist die gehäufte Verbindung von bildhaften Ausdrücken, die inhaltlich nicht richtig zusammenpassen. Ein anderes Problem, vor allem bei naiver Handhabung, ist das Halluzinieren: Ein im Namen von Voigt publizierter FAZ-Beitrag enthielt fiktive Expertenzitate. Die Zeitung löschte den Artikel von ihrer Seite. Dass derartiger Quatsch auch in kirchlichen Zusammenhängen immer öfter auftaucht, sei hier nur am Rande bemerkt. 

Papageien-Journalismus braucht kein Mensch

Der Fall hat eine breite Debatte über KI im Journalismus ausgelöst. Springer-Chef Matthias Döpfner veröffentlichte einen maschinell erstellten Kommentar, der Voigt verteidigte. Dafür verwendete er laut eigener Auskunft die Anweisung: „Schreibe einen Kommentar, der den folgenden Text fulminant entkräftet.“ Mit dem gleichen Befehl an die Maschine könnte selbstverständlich auch eine Replik auf Döpfner erstellt werden. Und so weiter. Sogenannte „meinungsstarke“ Kommentare, die bekannte Standpunkte wiederholen, sind publizistisch nicht mehr viel wert.

Die amerikanische Linguistin Emily M. Bender hat für die Funktionsweise der großen Sprachmodelle die Metapher „stochastischer Papagei“ geprägt. Der Vorwurf lautet: Basierend auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen würden die Modelle Sätze ausspucken, ohne selbst zu „verstehen“, was das Gesagte bedeutet. Ob der Vorwurf zutrifft oder ob die Modelle doch mehr leisten als Geplapper – klar ist: Papageien-Journalismus braucht kein Mensch.

Was derartigen Texten fehlt, liegt ja auf der Hand: die individuelle Perspektive, die persönliche Gewichtung, die eigenen Erfahrungen, die bewusst gesetzten Brüche, die Originalität der Gedanken, die Überraschung, der Humor – kurz: Es fehlt der Autor. Die KI sagt, was man eben so sagt. 

Guter Journalismus ermöglicht echten Erkenntnisfortschritt

Natürlich ist der Einsatz von KI in der Publizistik sehr hilfreich: KI-Anwendungen sind leistungsfähige Recherche-Werkzeuge, vor allem wenn es um große Datenmengen geht, sie transkribieren Interviews, helfen beim Korrigieren und Redigieren, schneiden Videos, verbessern die Bild- und Tonqualität und vieles mehr.

All das ermöglicht es Journalisten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Menschen zu begegnen, die Welt zu erleben, Entdeckungen zu machen – und dem Publikum zu ermöglichen, daran teilzuhaben; kritisch nachzufragen und sorgfältig zu recherchieren; relevante Sachverhalte öffentlich zu machen – gerade dann, wenn es Akteure gibt, die daran kein Interesse haben; Zusammenhänge sichtbar zu machen, die die Dinge in neuem Licht erscheinen lassen und eine festgefahrene Debatte auf eine neue Ebene heben. Kurz: Guter Journalismus ermöglicht echten Erkenntnisfortschritt – und bietet so Orientierung.


Der Autor ist seit Juli 2026 Chefredakteur der „Tagespost“. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft und der Theologie und der Promotion zum Dr. phil. war er Redakteur und Rom-Korrespondent der „Herder Korrespondenz“ sowie Online-Redaktionsleiter der Zeitschrift „Communio“.

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