Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Essay des neuen Geschäftsführers des Johann Wilhelm Naumann Verlages

Unsere Sensation ist die Wahrheit

In der modernen Mediengesellschaft herrscht ein brutaler Verdrängungswettbewerb. Gerade die katholische Publizistik muss sich nicht fürchten. Sie hat einen entscheidenden Vorteil.
Der neue Geschäftsführer des Johann Wilhelm Naumann Verlages, Riccardo Wagner
Foto: privat | Riccardo Wagner ist Journalist, promovierter Kommunikationswissenschaftler und Professor für Nachhaltiges Management und Kommunikation und seit Juli 2026 Geschäftsführer des Johann Wilhelm Naumann Verlages.

Wer heute Studenten gegenübersteht, erlebt, was Kommunikationswissenschaftler seit den 1980er-Jahren als „Mediatisierung der Gesellschaft“ beschreiben. Medien sind zum Lebenspartner der Menschen geworden, mit denen sie die Welt erleben und interpretieren. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in der alle Bereiche von der Kommunikation über Politik und Religion bis hin zur individuellen Identität nach medienförmigen und wirtschaftlich-technischen Prinzipien organisiert sind. Das hat nicht nur positive Folgen: So hat etwa jüngst der Psychologe Jonathan Haidt dargelegt, wie soziale Medien eine „ängstliche Generation“ geschaffen haben, die dabei ist, Sinn und Orientierung zu verlieren. Fakt ist: Wer in dieser Gesellschaft wirken will, muss sich der Medien bedienen. Das gilt auch für Katholiken.

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Doch das ist nicht einfach. Seit Jahren liegt die Mediennutzung bei mehr als zehn Stunden täglich – mehr geht kaum, weil der Tag immer noch nur 24 Stunden hat. Das Mediengeschäft ist deshalb ein brutaler Verdrängungswettbewerb: Wer wachsen will, muss anderen Aufmerksamkeit wegnehmen. Und genau so ist es passiert. So ist die Auflage von Tageszeitungen 1991 bis 2025 von 27 auf zehn Millionen gesunken. Doch 90 Prozent nutzen noch immer Textangebote mindestens wöchentlich. Es wird also gelesen. Nur anders. Und es wird mehr geschaut. Bewegtbild dominiert auch im Internet. Gleichzeitig entreißt die Technik immer mehr die Inhalte ihren Schöpfern: Verlage werden gezwungen, aufwändig erstellte Beiträge als Häppchen an KI-Systeme zu verfüttern – als Vorschau bei Google oder Rohmaterial für KI-Chats. Wie damit Geld verdient werden soll, weiß niemand. Doch wer nicht mitspielt, riskiert, keine Rolle mehr zu spielen.

Papst Leo XIV. hat in seiner auch in säkularen Medien viel beachteten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ klargemacht: Technik ist niemals neutral, sondern immer vom Menschenbild der Entwickler geprägt. Das gilt für Medien ebenso. Seit Jahrzehnten zeigen Untersuchungen etwa, dass der überwiegende Teil der deutschen Journalisten eher dem politischen Mitte-Links-Spektrum nahesteht. Auch deshalb sucht man ausdrücklich christlich-katholische Positionen in den großen überregionalen Medien meist vergebens.

Am Bedarf nach christlich-katholischem Journalismus ändert das nichts. Vielmehr gilt weiterhin, ja vielleicht mehr denn je, was Johann Wilhelm Naumann, der Verlagsgründer und Vater der „Tagespost“, schon 1948 hellsichtig schrieb: „Dass eine katholische Presse da sein muss, dass sie nicht nur Existenzberechtigung hat, sondern geradezu verlangt wird, sollte außer Zweifel stehen.“

Eine katholische Stimme

Auch die Mahnung der Fuldaer Bischofskonferenz, die Naumann 1948 zitierte, klingt aktueller denn je: „Die große Bedeutung der Presse (…) für die Unordnung oder für die Neuordnung, für den Untergang oder für die Auferstehung unserer Zeit, kann von den Christen nicht übersehen werden. (…) Es kann dem Christen auch nicht gleichgültig sein, welche Zeitung er liest und mit seinem Geld unterstützt.“

Unsere Welt befindet sich in fundamentaler Neu- und Unordnung: Zu beobachten ist die Infragestellung tragender gesellschaftlicher Werte wie der Unantastbarkeit der Menschenwürde, der demografische Kollaps im Westen, der Raubbau an der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, geopolitische Verwerfungen und globale Migration, die Normalisierung des Krieges als politisches Mittel – und eine KI-getriebene Revolution, die Menschenbilder einer trans- und posthumanistischen Welt medial etabliert. Hier sind Christen und Katholiken aufgerufen, sich medial zu Wort zu melden. Genau das hat auch Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ gefordert. Die Besonderheit des christlichen Journalismus ist nämlich, dass er nicht in einer bestimmten politischen Ideologie, sondern einer übergreifenden Wahrheit wurzelt. Exemplarisch zeigt sich das etwa an der katholischen Soziallehre, die das übliche Rechts-Links-Schema überschreitet. Was Naumann auch schon wusste: Ein katholisches Medium in diesem Sinne erschöpft sich nicht in „Moral und Seelsorge“, sondern ist stets „beim katholischen Leser in allen Bezirken des Lebens, wo er auch sein mag, ob im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bezirk.“

Ziel: „Tagespost 100“

Die „Tagespost“ feiert im August 2028 ihren 80. Geburtstag. Es gilt aber, schon heute das 100. Jubiläum der Zeitung in den Blick zu nehmen. Mit der Strategie „Tagespost 100“ sollen im Umfeld dieser Zeitung weitere katholische Medien und Plattformen entstehen, die gesellschaftliche Wirkung entfalten. Aus der Wochenzeitung soll eine breite mediale Plattform mit Newslettern, neuen Audio- und Video-Formaten und einer neuen App werden. Digitalisierung aber heißt nicht, dass nun Maschinen zu Journalisten werden. Im Gegenteil braucht es mehr denn je kompetente Menschen, die recherchieren, prüfen, einordnen und auf dieser Basis auch ihre klare Meinung sagen. Es ist also nötig, in die journalistische Exzellenz zu investieren, um die besten Köpfe zu halten und neue zu gewinnen, aber auch um Recherchen zu ermöglichen, die aufdecken, was andere übersehen. Auch die Gemeinschaft, die ja zum Kern des Christentums gehört, soll gestärkt werden. So soll die „Tagespost“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu dem Treffpunkt für engagierte Christen und Katholiken sowie alle, die am christlichen Blick auf die Welt interessiert sind, werden. Ebenso ist es unerlässlich, den Nachwuchs für den katholischen Journalismus heranzuziehen. Die „Tagespost“ will die Zukunft sichern – durch Volontariate, Stipendien und Mentoring als Investition in die Generation, die nach uns kommt.

„Unsere Sensation ist die Wahrheit“, brachte Naumann das Einzigartige der „Tagespost“ einst auf den Punkt. Das hat nichts von seiner Aktualität verloren, denn die Wahrheit ist ewig und allumfassend. Nicht zuletzt deshalb hat sie unüberholbaren Neuigkeitscharakter – auch im KI-Zeitalter.


Der Autor ist Journalist, promovierter Kommunikationswissenschaftler und Professor für Nachhaltiges Management und Kommunikation und seit Juli 2026 Geschäftsführer des Johann Wilhelm Naumann Verlages.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

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Riccardo Wagner

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