Eines muss man Tucker Carlson lassen: Während andere mutmaßlich aus Gründen der politischen Opportunität in hübscher Regelmäßigkeit vormals als eisern geltende Prinzipien über Bord werfen, bleibt er ihnen scheinbar treu. Eines dieser Prinzipien: Amerikanische Politik muss zuerst die Interessen amerikanischer Bürger bedienen. Sich an langwierigen Kriegen auf fernen Kontinenten zu beteiligen, diese gar loszutreten, lehnt er strikt ab. Klingt bekannt? Richtig, der amtierende US-Präsident Donald Trump stand lange für die Maxime des „America first“ und versprach seinen Wählern, sein Land aus den „forever wars“ herauszuhalten.
Nun hat Trump bekanntermaßen mit einigen seiner Grundsätze gebrochen und sich mit dem Krieg gegen den Iran womöglich sein persönliches Waterloo geschaffen. Doch anders als Trumps Vizepräsident J.D. Vance lehnt Carlson den Krieg weiterhin vehement ab. Schon im April brach der ehemalige „Fox-News“-Moderator reuevoll mit Trump, entschuldigte sich gar dafür, Menschen „in die Irre geführt“ zu haben.
Für die Republikaner könnte Carlsons Abschied fatal sein
Kürzlich ging er noch einen Schritt weiter: In einem Podcast kündigte er der gesamten Republikanischen Partei die Gefolgschaft. Für die Partei ist das fatal, zählte sich der 57-Jährige doch seit 35 Jahren zu deren Unterstützern. Zudem ist der umstrittene Podcaster eine echte Marke, seine Anhängerschaft umfasst Millionen. Zurecht bemerkte Carlson, wenn er den Republikanern den Rücken kehre, würden ihm Millionen folgen.
Nun wäre es leicht, den für sein hysterisches Gekicher bekannten Carlson als Clown zu betrachten, der sich seit seinem Abgang bei „Fox News“ immer mehr in eine rechte Nische begeben hat. Und dort mit geächteten und missverstandenen Figuren wirklich jeglicher Couleur spricht. Dass er auch den Antisemiten Nick Fuentes einlud, brachte ihm den Vorwurf ein, selbst antisemitische Haltungen zu vertreten. Carlson hat das stets zurückgewiesen, verzichtet aber nicht darauf, Israel regelmäßig mit den dubiosesten Vorwürfen zu überziehen.
Tucker Carlson ist ein schlauer Fuchs
Doch Vorsicht: Tucker Carlson ist ein schlauer Fuchs. Indem er das Image des kruden, hyperaktiven Verschwörungstheoretikers pflegt, lädt er bewusst dazu ein, ihn zu unterschätzen. Was Carlson wirklich beabsichtigt, wird auch dann nicht restlos klar, wenn man sich mehrmals pro Woche durch die stundenlangen Folgen seines Podcasts hört, alle fünf Minuten von Werbung für verdauungsfördernde Tortilla-Chips und Kupferschaum-Matratzen aus Arizona unterbrochen, eingesprochen von Carlson höchstpersönlich.
Plant er eine unabhängige Präsidentschaftskandidatur, wie nun spekuliert wird? Möglich. Dem studierten Historiker Carlson dürfte jedoch klar sein, dass die Erfolgschancen von Drittkandidaten äußerst gering sind. Geht es ihm um Aufmerksamkeit? Gewiss, auch. Doch Carlson hat aufmerksamkeitsheischende Schlagzeilen eigentlich nicht nötig. Kehrt er irgendwann wieder mit großem Pomp ins Lager der Republikaner zurück? Denkbar, wenn ein Kandidat auftaucht, der seinem Geschmack eher entspricht als der lange von ihm hochgejubelte US-Präsident. Vielleicht gefällt er sich aber auch einfach in der Rolle des gar so freien Beobachters des politischen Spielfelds, dessen Kommentare von der Seitenlinie zwar keiner wirklich ernst nehmen will. Die aber dennoch über Erfolg oder Misserfolg eines einzelnen Spielers entscheiden können.
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