Im Internet brodelt es mal wieder. Es zirkuliert ein Clip, der zeigt, wie Benjamin Netanyahu folgenden Satz sagt: „Jesus Christus hat keinen Vorteil gegenüber Dschingis Khan. Denn wenn man stark genug, rücksichtslos genug, mächtig genug ist, siegt das Böse über das Gute.“ Sofort wird in manchen Kreisen geraunt: Seht her, in Israel werden nicht nur Palästinenser, sondern auch Christen verachtet. Wer den Kontext untersucht, stellt fest: Netanyahu zitiert hier lediglich Will Durant. Durant, der „widerwillige Atheist“, beschrieb die bittere Wahrheit der Weltgeschichte – Idealisten werden zertreten, blanke Macht setzt sich durch. Netanyahu zitiert ihn, um zu sagen, was jeder verantwortliche Staatsmann seit jeher weiß: Das Starke siegt in der Geschichte. Was ebenfalls bedeutet: Das Gute muss verteidigt werden. Das ist keine Blasphemie. Das ist die Realität der gefallenen Schöpfung.
Doch Eiferer interessieren sich nicht für Kontext. Sie suchen nach Gründen, um ihre vorgefertigten Haltungen zu untermauern. Die Schließung der Grabeskirche zu Ostern wird zum nächsten „Beweis“ christenfeindlicher Bosheit – obwohl gleichzeitig Tempelberg, Klagemauer und die gesamte Altstadt gesperrt sind, weil iranische Raketen unmittelbar vor den Mauern einschlagen. Die Abweisung von Kardinal Pizzaballa durch Sicherheitskräfte taugt nicht zum Skandal. Die Regierung hat dem Kardinal inzwischen ehrfürchtig Respekt gezollt und Zugang gewährt – wenngleich ohne Gläubige.
Judenhass ist ein Schlag ins Gesicht Jesu
Ich finde die antisemitischen Töne, die plötzlich in der amerikanischen Rechten aufkommen, abstoßend. Tucker Carlson hat die Rolle des naiven Fragers für sich entdeckt und bedient den Ahnungslosen spielend gekonnt Klischees. Ja, die zionistische Bewegung hatte einst zu viel Einfluss auf London und die israelische Regierung hat zu viel Einfluss in Washington. Aber das rechtfertigt kein Verschwörungsgeschwurbel. Ich muss an den großen Léon Bloy denken. Der zornige Katholik, Bettler und Prophet, hat in seinem Werk „Le Salut par les Juifs“ den Antisemitismus als unverzeihliche Blasphemie entlarvt. Für Bloy ist der Hass auf Juden kein politischer Irrtum, sondern ein direkter Schlag ins Antlitz Christi. Die Juden sind das auserwählte Volk, dessen Geschichte wie ein Damm den Strom der Menschheit staut, um ihn emporzuheben. Wer Israel schmäht, schmäht den Schoß, aus dem der Erlöser geboren wurde.
Bloy war unerbittlich: Der Antisemitismus ist die schlimmste Form des Gotteshasses, weil er sich gegen das Volk richtet, das Gott selbst erwählt hat. Er trifft Christus in seinem eigenen Fleisch. Wer die Juden verflucht, verflucht die Wurzel, aus der der Weinstock gewachsen ist. Die Kirche hat die Juden nie als Volk verworfen, sondern als lebendige Zeugen des Alten Bundes bewahrt.
An dieser Wahrheit wird in manchen traditionalistischen Winkeln vorbeigeschaut. Der Netanyahu-Clip wird geteilt, die Schließung der Grabeskirche zum Beweis jüdischer Arroganz erklärt – und alles im Namen der „Bewahrung des Glaubens“. Das ist geistige Verwahrlosung. Durant hatte Recht. Und wiederum auch nicht. Stalin, Hitler, Dschingis Khan und alle großen Feldherren sind Staub. Auch Bibi und die Ajatollahs werden einst Staub sein. Christus aber ist auferstanden.
Der Kolumnist ist Journalist und Buchautor.
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