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Der KI-Versuchung erlegen

Thomas Schwartz hat in verschiedenen Medien mit KI erstellte Texte publiziert. Doch so kann es nicht weitergehen. Ein Eingeständnis.
Thomas Schwartz, Priester, Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis
Foto: Dieter Mayr (KNA) | „Die KI gaukelt einem die Fähigkeit der allseits geschliffenen Vollendung der eigenen Kreativität vor, der man allzu leicht verfallen kann", schreibt Thomas Schwartz. Er ist dieser Versuchung immer wieder erlegen.

Texte zu schreiben ist meine Passion. Gerne auch pointiert, gerne auch zugespitzt. Wer mich kennt, weiß das. Umso mehr leide ich mitunter darunter, dass die Vielzahl meiner beruflichen Aufgaben und Verpflichtungen es mir so sehr schwer macht, dieser Leidenschaft so zu frönen, wie ich mir das wünschte.

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Vieles, was als Entwurf und Gedankensplitter einen Platz in meinen zahlreichen Notizbüchern und Kladden gefunden hat und seit Monaten, wenn nicht seit Jahren oder gar Jahrzehnten darauf wartet, vom mehr oder weniger durchdachten und ausgefalteten Gedanken, vom durchaus kreativen Geistesblitz, der aber doch eher noch einem Aphorismus ähnelt denn einem ganzen Essay, zu einem ausgefeilten Beitrag ausgearbeitet zu werden, steigt einem beim Durchblättern und Lesen der Hefte wieder wie ein zehrender Gewissensbiss in den Geist – und schmerzt wie eine klaffende Wunde, wie ein blutender Riss an der Haut des eigenen Ego.

Die ersten Ergebnisse machen sprachlos

Sicher bin ich nicht der einzige schreibende Dilettant, dem das so ergeht. Damit leben zu müssen schien bis dato das uns von den Musen auferlegte Los zu sein, dessen man sich genauso wenig erwehren konnte wie eines Unfalls, einer Krankheit oder ähnlicher Schicksalsschläge. Fatum als Folge von begrenzter Zeit, mangelnder literarischer Ertrag als Ergebnis der eigenen Endlichkeit – nicht nur des Seins als solchem, sondern auch des Daseins in Verantwortung und begrenzter zeitlicher Ressourcen. Man hofft, dereinst im Pensionsalter endlich all jene intellektuellen Projekte angehen und einige vollenden zu können, von denen man schon immer geträumt hat. Das gilt selbst für Texte, die man bereits geschrieben hatte, die einem aber zu lang, zu kurz oder eben noch verbesserungsfähig erschienen.

Und dann begegnet man ihr: der KI, näherhin einzelnen Sprachtools, die einem versprechen, all das, was man schon immer gedacht, gefühlt und verstanden zu haben meinte, schnell und sprachgewaltig ins Wort zu bringen. Und die ersten Ergebnisse machen sprachlos. Dichte Bilder, schöne Alliterationen, Wortwitz und Doppeldeutigkeit: All das, was ich selber von mir als Schreibendem erwarte, wird da präsentiert. Und das auch noch in atemberaubender Geschwindigkeit. Die KI lädt ein zu einem intellektuell-literarischen Austausch. Man schreibt, erwidert, justiert, fordert eine Gegenposition, will noch mehr pointierte Aussagen, noch stärkere Bilder, noch höhere Wortgebirge – und man bekommt sie geliefert. Prompt folgen sie dem Prompt, ohne Streit, ohne Leiden an einer gewünschten Formulierung oder dem Stocken an einem logischen Übergang, den man bislang auch nach fünf Versuchen nicht zu Papier bringen konnte.

Die KI gaukelt einem die Fähigkeit der allseits geschliffenen Vollendung der eigenen Kreativität vor, der man allzu leicht und allzu schnell verfallen kann.

„Mein“ Text?

Je m‘accuse! Ich bin in den letzten Monaten dieser Versuchung immer wieder erlegen. Es ist gut, sich das einzugestehen. Denn nur dann bleibe ich für die Zukunft weiterhin Souverän meiner Worte und Gedanken. Ich habe einige meiner lange gesammelten Gedanken mit geradezu kindlicher Freude am Spiel zusammengeschrieben und in Prompts gegossen, um endlich einmal – und zwar vor der Verrentung! – auf gedruckten Seiten sichtbare Ergebnisse bislang unsichtbaren Denkens in Händen halten zu können. Und ich habe mich der KI für die Redaktion schneller, tagesaktueller Positionierungen bedient. Zwar immer mit Vorarbeit, aber auch mit einem Schuss behaglicher Bequemlichkeit nach dem Motto: Besser kannst du das so schnell auch nicht sagen. 

Die Versuchung der KI ist aber perfider als nur das Spiel mit dem Text. Sie besteht vor allem doch darin, die Ergebnisse dieses gedanklichen Austauschs mit einer Maschine mit der eigenen intellektuellen Leistung gleichzusetzen. Das ist sie aber nicht, denn die KI ist nicht nur ein Füller, den ich in der Hand halte und der nur das wiedergibt, was ich in ihn hineingebe. Sie erwidert meine Zu-Neigung mit Zu-Ordnung: von weiteren Texten, Gedanken anderer und schließlich der immer freundlichen Schlusswendung, nun sei „mein“ Text doch wohl sehr gelungen. Es ist aber weder mein Text, noch ist er immer sehr gelungen. Und just in diese Falle bin ich in den letzten Monaten einige Male getreten.

Fast wie ein Süchtiger

Sich dies einzugestehen, ist nicht leicht. Es erfordert Ehrlichkeit, vielleicht gar eine neue Form der Katharsis, der ich mich aber stellen und aussetzen muss, um der Bewahrung der Originalität meiner eigenen Geisteskraft willen. Natürlich werde ich auch zukünftig die Hilfe von KI in Anspruch nehmen, wenn es gilt, Texte zusammenzufassen, erste Ideen für Vorträge einzuholen, eigene Texte zu kürzen oder zu erweitern und pointierter zu formulieren. Ich werde auch den ein oder anderen Text von ihr verfassen lassen. Denn sie kann das gut – und schneller als ich. Was aber nicht mehr geschehen wird, ist, meine Leistung mit ihrer Leistung zu verwechseln und mich zum alleinigen Urheber von Texten zu erklären, die mich eigentlich nur als Ko-Autor kennen.

Ich bin der Versuchung des schnellen, vielen und wortreichen Schreibens mit Hilfe von KI erlegen, fast wie ein Süchtiger. Ich werde mich zukünftig wieder meiner Begrenztheit und Unvollkommenheit stellen. Das mag für mich enttäuschend langsam und wenig sein, aber es ist dann zumindest immer ein Original.

Der Autor ist Priester, Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis.


Die „Tagespost" hat einige von Thomas Schwartz veröffentlichte Texte online depubliziert.

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