Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Görres-Jubiläum

Joseph Görres und Frankreich – von der Unmöglichkeit zu lieben 

Erst jugendlicher Revolutionär, dann Napoleon-Feind und Straßburger Exil: Das Verhältnis von Joseph Görres zu Frankreich ist mehrfach gespalten. In die kollektive kulturelle Erinnerung Frankreichs ist Görres indes nie eingedrungen. 
Auch wenn Joseph Görres mehrere Jahre im Schatten des Straßburger Münsters verbrachte: In Frankreich wird er von den Historikern kaum beachtet.
Foto: Brinker | Auch wenn Joseph Görres mehrere Jahre im Schatten des Straßburger Münsters verbrachte: In Frankreich wird er von den Historikern kaum beachtet.

Als streitbarer Denker und Begründer der katholischen Publizistik beschäftigte er sich mit vielen Themen, doch die Ereignisse und Entwicklungen des Nachbarlandes Frankreich bewegten ihn besonders: Joseph Görres. Mit 18 Jahren, als die Franzosen 1794 in Koblenz einmarschierten, um es für 20 Jahre zu besetzen, war er begeistert. Der Schüler des Koblenzer Jesuitengymnasiums, bekannt für seine scharfsinnige politische Lektüre, sah in den Ideen der Französischen Revolution die Morgenröte einer neuen Welt. „Freiheit, Völkerwohl, Heil der Menschheit“, schrieb er später, „welche Funken für ein nur einigermaßen warmes Gefühl! Wie sehr mußten sie einen Sinn exaltiren, der so empfänglich für alle Eindrücke der Art war.“ Die Welt erschien dem jungen Mann, aufgewachsen und erzogen in der Residenzstadt des geistlichen Kurfürstentums Trier, „in dem lichten Morgensonnenglanze“ und damit im starken Gegensatz zu seiner katholisch-kirchlich geprägten Heimat. 

Lesen Sie auch:

Der junge Görres trat in der Folge dem jakobinischen Patriotischen Club von Koblenz bei und setzte sich für den Anschluss des linken Rheinufers an die Französische Republik ein. Mit 21 Jahren schrieb er 1797 seine erste politische Schrift: „Der allgemeine Frieden, ein Ideal“, inspiriert von Kant, die eine Völkerrepublik ohne Handelsgrenzen und Zensur skizzierte. 1798 gründete er das „Rothe Blatt“, sein erstes Kampfblatt, mit einem Programm aus dem revolutionären Paris: „Pfaffheit entlarven, Heuchler verfolgen, gesunde Ideen verbreiten und dem Republikanismus zum Sieg verhelfen.“ Doch die Realität der französischen Besatzungsverwaltung nagte schon früh an seinen Idealen. Die Korruption der Beamten, die Willkür der Behörden, schließlich das Verbot seines eigenen Blattes durch eben jene Administratoren, die im Namen der Freiheit regierten – Görres kämpfte publizistisch dagegen an, benannte sein verbotenes Blatt in „Der Rübezahl“ um und hörte nicht auf. Die Freiheit, die Frankreich bringen sollte, hatte in der Provinz ein anderes Gesicht. Aber der Traum war stärker als die Enttäuschung – noch. 

Napoleon und das Scheitern der Revolution 

Im Frühjahr 1799 entschied sich Görres, als Deputierter des jakobinischen Patriotischen Clubs von Koblenz nach Paris zu reisen. Er wollte den Anschluss der Rheinlande an Frankreich erreichen. Nicht mehr Begeisterung, sondern Kalkül trieb ihn: Die Fürsten wären schlimmer als Frankreich. In Trier traf er sich mit Delegierten anderer rheinischer Departements, doch dann die Nachricht: Napoleon hatte am 9. November 1799 (18. Brumaire) geputscht. Die anderen kehrten um. Görres und General Eickemeyer reisten weiter und kamen am 30. Brumaire in Paris an. Görres erkannte sofort: Nicht ein Retter, sondern ein Ehrgeiziger hatte die Macht übernommen. Er fürchtete, die Revolution würde von Bonapartes Ehrgeiz verschlungen, der Staatsstreich kein Rettungsakt, sondern das Scheitern der Revolution. Nach den Schismen zwischen Masse und Avantgarde, Girondisten und Jakobinern, Volk und Direktoren sei es ihr natürliches Ende. Schon im Dezember 1799 schrieb er seinen Koblenzer Auftraggebern offen, dass er sich nicht mehr für die Union mit Frankreich einsetzen werde. 

Görres’ Pariser Reise 1800 führte zu seiner Schrift „Resultate meiner Sendung nach Paris im Brumaire des achten Jahres“. Darin kam er zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Deutsche und Franzosen seien unvereinbar. Er stützte sich auf Herder und argumentierte, dass Sprache und Volkscharakter die wahren Grenzen zwischen Nationen seien, nicht der Rhein oder Verträge, sondern Wesen und Geist. „Die Sprache ist das große Band, das die Individuen untereinander verbindet“, zitiert er Herder und folgert: „Die Reben des Rheins und die Orangen des Südens wachsen nicht unter demselben Himmel – die Natur hat sie getrennt, und was sie getrennt wissen will, fügt sich nicht so leicht zusammen.“ So wurde der kosmopolitische Jakobiner zum deutschen Patrioten. Nach seiner Rückkehr zog sich Görres aus der unmittelbaren Politik zurück und unterrichtete Physik und Chemie an seiner alten Koblenzer Schule. Herder und Schelling, so der Historiker Wolfgang Bergsdorf, halfen ihm, die Bedeutung von Sprache, Nationalcharakter und Volksüberlieferung zu entdecken. Der revolutionäre Fortschrittsoptimist wurde zu einem Denker, der das organisch Gewachsene dem abstrakt Proklamierten vorzog. 

Viermal die Woche gegen Napoleon 

Als die alliierten Heere dann im Januar 1814 den Rhein überschritten und Napoleons Truppen zurückdrängten, erhielt Görres die Chance, ein neues Blatt herauszugeben. Am 23. Januar 1814 erschien der „Rheinische Merkur“. Görres machte daraus mehr als nur Propaganda: Er gab der deutschen Nation eine Stimme, die gegen Napoleon kämpfte und für eine freiheitliche, föderale Verfassung eintrat. Der Ton war scharf, die Sprache direkter. Viermal wöchentlich agitierte er gegen Napoleon, aber auch gegen Fürsten und Bürokraten und für eine freiheitliche Verfassung. Prominente wie Freiherr vom Stein, Gneisenau, Blücher und die Gebrüder Grimm pflegten Kontakt zum Herausgeber des „Rheinischen Merkur“. Napoleon nannte das Blatt „fünfte feindliche Großmacht“ – eine unfreiwillige Auszeichnung für Görres. Jean Paul beschrieb ihn als „einen Mann, der aus Männern besteht“, und Otto B. Roegele, langjähriger Chefredakteur des nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebten „Rheinischen Merkur“, fasste Görres’ Wesen zusammen: Er hatte „das Herz eines Revolutionärs, das historische Bewusstsein eines Konservativen, den Scharfblick eines Naturforschers, die Phantasie eines Dichters und die politische Leidenschaft eines geborenen Publizisten“. 

Schutz ausgerechnet in Frankreich 

1819 sollte dann das französische Feindesland Görres’ Rettung sein. Nachdem er in seiner Kampfschrift „Teutschland und die Revolution“ den Polizeistaat der Restaurationszeit kritisiert hatte, erließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. einen Haftbefehl. Görres floh rechtzeitig nach Frankfurt, dann nach Aarau in der Schweiz und schließlich nach Straßburg in Frankreich. Das heißt: Der Mann, der Frankreich zum politischen Feind erklärt und Napoleon als Totengräber der Revolution bezeichnet hatte, suchte ausgerechnet dort Schutz. In Straßburg verkehrte er mit Intellektuellen wie den Gebrüdern Schweighäuser, einer bekannten Straßburger Gelehrtenfamilie. Über diesen Kontakt wurde ihm auch eine kleine Wohnung an der Rue des Bouchers vermittelt. Görres forschte in der dortigen Bibliothek, die offenbar reiche Handschriftenbestände besaß. Er selbst betonte später, das Elsass habe ihm viel gegeben: „In diesem germanischen und französischen Land werden tiefe und sensible Geister dazu gebracht, eine solide Basis zu suchen, die nur die Kirche bieten kann.“ 

Lesen Sie auch:

Der Freund Clemens von Brentano bemerkte lakonisch: „Sein Vaterland hat ihn ausgespien.“ Der liberale Schriftsteller und Politiker Benjamin Constant begrüßte ihn als von den Königen Europas Verfolgten, und die Pariser Zeitung „Moniteur“ stellte ihn unter Frankreichs Schutz. Neun Jahre lebte Görres im Elsass, einer Grenzkultur, die sich vom Frankreich der Jakobiner und Napoleons unterschied. Das Elsass war vielsprachig, vieldeutig und tief katholisch, von dort aus verbreitete sich der ultramontane Katholizismus. Im Schatten des Straßburger Münsters fand Görres daher fernab von Preußen zurück zur Kirche, von der er sich seit seiner Jugend entfremdet hatte. Seine Rückkehr war dabei kein äußerer Akt: 1824 wurde er Mitarbeiter und später wichtiger Redakteur der strengkirchlichen Zeitschrift „Der Katholik“. Heinrich Heine spottete: „Als Herr Görres von den Fürsten verfolgt, nichts mehr zu beißen hatte, warf er sich in die Arme der Jesuiten.“ Dieses Bonmot ist böse und ungerecht, denn es verkennt, dass Görres’ Weg zur Kirche intellektuell vorbereitet war. Frankreich hatte ihm zuerst die Ideale genommen. Jetzt bot es ihm Zeit und Stille, um ein neues Fundament zu finden. 

Respekt ohne Zuneigung 

Aber wie steht es um das Bild Görres’ in Frankreich heute? Die ehrliche Antwort lautet: Es ist das Bild eines bedeutenden, aber nur von Spezialisten gekannten Deutschen. Die renommierten „Annales historiques de la Révolution française“ widmeten Görres eine eingehende Studie über seine Pariser Mission und seine Sicht auf den 18. Brumaire. Die Germanistin Marita Gilli hebt darin hervor, dass Görres einer der wenigen deutschen Revolutionsdenker war, der politisch wirklich aktiv agierte, und dass seine Analyse des Bonapartismus von erstaunlicher Präzision war: In einer Zeit, als viele Deutsche in Bonaparte den Garanten des Friedens sahen, erkannte Görres sofort das Diktatorialpotenzial des Ersten Konsuls. Doch in die kollektive kulturelle Erinnerung Frankreichs ist Görres nie eingedrungen. Das liegt nicht zuletzt an der Natur seines Denkens: Er schrieb für und über Deutschland, seine schärfsten Angriffe galten Frankreichs Machtansprüchen, und sein Werk ist für Nicht-Spezialisten schwer zugänglich. So bleibt Görres in Frankreich das, was er vielleicht schon zu Lebzeiten war: ein Gegner, den man respektiert, ohne ihn zu mögen. 


  Der Autor ist Publizist, Hochschulprofessor und ein Kenner von Joseph Görres. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Patrick Peters Friedrich Wilhelm III. Heinrich Heine Immanuel Kant Jean Paul Joseph Görres Katholikinnen und Katholiken Napoleon

Weitere Artikel

Napoleon soll ihn die „fünfte Macht“ genannt haben: Publizist Joseph Görres machte das Katholische politisch. Sein Erbe fordert er uns heraus: Wem gehört die Öffentlichkeit heute?
24.01.2026, 19 Uhr
Patrick Peters
Magdeburg widmet seinem Dom eine große Sonderschau. Vor 200 Jahren fiel die Entscheidung zur Restaurierung. 
23.11.2025, 19 Uhr
Veit-Mario Thiede

Kirche

Die Kirche erlebt eine Welle des Interesses. Aber kann sie sie reiten? Ein Gespräch mit Johannes Hartl über seinen Missionskongress und die neue Faszination der Tradition.
30.04.2026, 19 Uhr
Jakob Ranke
Bei Donald Trump hat Papst Leo Mut bewiesen? Bei Tisch fragt man sich dann, ob er auch den „Furor teutonicus“ meistern kann.
02.05.2026, 05 Uhr
Mario Monte
Der selige Petrus der Diakon war Freund Gregors des Großen, Schutzpatron eines Dorfes im Zweiten Weltkrieg und Zeuge göttlicher Inspiration.
30.04.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Werden die drei Schwestern von ihren vermeintlichen Unterstützern instrumentalisiert? Das kirchliche Missbehagen verfestigt sich.
30.04.2026, 14 Uhr
Stephan Baier