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Ich wär so gern links 

Einmal Rebellen, immer Rebellen: Eine linke Biedermeier-Kultur treibt prominente, ehemals linke Autoren nach rechts.
Alexander Graf von Schönburg
Foto: Sebastian Karadschow | Alexander Graf von Schönburg

Mein Hang zum Nonkonformismus ist fast zwanghaft. Wenn alle einer Meinung sind, fällt es mir schwer, zuzustimmen, egal wie eindeutig die Sachlage. Wie gesagt, bei mir ist das mehr ein Tick als eine Tugend. Im Moment hätte ich zum Beispiel große Lust, links zu werden. Am besten gleich Trotzkist oder Bakunist, um auch unter den Linken möglichst in der Minderheit zu sein. Warum? Weil plötzlich alle rechts oder wenigstens konservativ sein wollen! Gerade ist ein Büchlein erschienen, in der sich lauter ehemalige prominente Linke reumütig auf die Brust schlagen und ihre Lebensirrtümer beklagen. „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“ (Kohlhammer Verlag, 259 Seiten, 24 Euro) heißt das Buch.

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Herausgegeben haben es der ehemalige „taz“-Redakteur Ulli Kulke und der ehemalige „Spiegel“-Autor Reinhard Mohr. Neben Betrachtungen von Autoren wie Monika Maron, Henryk M. Broder und dem jüngst leider verstorbenen Studentenführer Peter Schneider ist einer der lesenswertesten Beiträge der des Grünen-Mitgründers Hubert Kleinert, einst Weggefährte von Petra Kelly und Joschka Fischer. Er erzählt, warum für seine Generation die linke Gesinnung die einzig mögliche Antwort auf die Verstocktheit der Elterngeneration und warum der Aufstieg der AfD angesichts der Verstocktheit des heutigen juste milieus unvermeidbar war. Sein Text ist ein Stück Zeitgeschichte.

„Muss man das so deutlich sagen?“

All die in dem Buch Versammelten teilen eine Erfahrung: Bereits geringe Abweichung vom Glaubenskanon werden von Linken mit sofortiger Exkommunikation geahndet, im schlimmsten Fall handelt man sich die tödliche Etikette „rechts“ ein. „Anders als in Frankreich, wo es immer la Gauche et la Droite gab, Kommunisten und Konservative, Sozialisten und Liberale, hat sich gerade in den letzten Jahren hierzulande eine fatale Kurzschluss-Gleichung entwickelt“, stellt Mohr in seinem Einführungstext fest: „Wer nicht links oder wenigstens grün ist, ist rechts. Und wer rechts ist, ist eigentlich rechtsradikal, also Nazi. Ein infames ‚Framing‘, das abschrecken soll. Man braucht nur zu behaupten, diese oder jene Äußerung, diese oder jene Auffassung bediene ein ‚rechtes Narrativ‘, und schon ist Schluss der Debatte.“ Die Rebellen von einst fühlen sich zunehmend unwohl in der neulinken Blase, in der genau jenes Duckmäusertum herrscht, gegen das sie sich einst aufgelehnt hatten.

Ein Musterbeispiel ist der Fall Harald Martenstein. In seinem Textbeitrag für das Buch beschreibt der Berliner Starkolumnist, wie es damals zu seinem Aus als Kolumnist des „Tagesspiegel“ kam. Die Leser liebten seine Texte, den Redakteuren sträubten sich die Haare, denn Martenstein schrieb immer wieder Dinge, die jenseits der links-biedermeierlichen Blattlinie lagen. Mal wurde ihm in die Texte reingepfuscht, manchmal gab es nur ein „Muss man das so deutlich sagen?“ Irgendwann hatte er es satt. Inzwischen schreibt er seine Kolumnen für „Bild“. Der Springer-Verlag ist längst zum Auffangbecken bekehrter Linker geworden. Aber wer füllt die Lücke links? Kann ich dann jetzt endlich für „taz“ schreiben? Oder besser noch für die „Junge Welt“? 

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